Interview mit Francois Ozon"Komödien drehen? Nicht lustig!"

Der französische Regisseur François Ozon spricht im Interview über Politik, Feminismus, Theater und seine "Das Schmuckstück"-Hauptdarstellerin Catherine Deneuve. von Jan Schulz-Ojala

Der Regisseur François Ozon mit Hauptdarstellerin Catherine Deneuve während der Premiere des Films in Venedig.

Der Regisseur François Ozon mit Hauptdarstellerin Catherine Deneuve während der Premiere des Films in Venedig.  |  © EPA/CLAUDIO ONORATI/dpa

Frage: Herr Ozon, in Ihrem Film Das Schmuckstück spielt Catherine Deneuve die Fabrikantengattin Suzanne Pujol, die in die Politik geht. Ein bisschen denkt man da an Marine Le Pen, die gerade in Frankreich groß rauskommt. Die ist viel geschickter als ihr Vater, der rechtsextreme Jean Marie Le Pen.

François Ozon: Ich kenne Marine Le Pen nicht, ich habe auch keinerlei Lust, sie kennenzulernen. Sie will zwar weg von den antisemitischen Provokationen ihres Vaters, aber worauf sie hinauswill, das weiß man noch nicht so genau. Außer, dass sie regieren will. Ganz anders als ihr Vater, der schwer durcheinander war, als er es mal in die Stichwahl der Präsidentschaftswahlen schaffte. Der wollte nerven und alle Leute beleidigen – aber Präsident werden? Das nicht.

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Frage: In Deutschland haben wir mit Angela Merkel seit bald sechs Jahren eine Kanzlerin. Stellen Frauen sich im Umgang mit der Macht intelligenter an als Männer?

Ozon: Komisch, alle Leute wollen mit mir über Politik reden! Das Schmuckstück ist eine Komödie, und in dem Theaterstück von Pierre Barillet und Jean Pierre Gredy, auf dem mein Film basiert, war von Politik nicht mal die Rede. Das Element habe ich hinzugefügt, um den Film moderner zu machen und dem Charakter der Hauptfigur mehr Tiefe zu geben. Suzanne Pujol findet ja Geschmack an der Macht, ohne zu ahnen, dass sie den Job vielleicht besser macht als ihr Mann. Beim Drehbuchschreiben habe ich sogar einmal gedacht: Müsste sie nicht sogar Kommunistin werden wie ihr Geliebter, der Bürgermeister Babin? Aber nein, sie ist und bleibt konservativ. Sie kommt aus der Unternehmertradition der patrons , die gibt es so in Frankreich heute gar nicht mehr.

Frage: Haben Sie Catherine Deneuve bremsen müssen, weil die Rolle im Verlauf der Handlung immer näher an den Star heranrückt, der sie auch im Leben ist?

François Ozon

François Ozon (43) ist der derzeit produktivste französische Filmregisseur. Wichtige Werke ab 1998: Sitcom, Unter dem Sand, 8 Frauen, Swimming Pool, Ricky.

Ozon: Catherine hat die Rolle sehr genossen. Im Leben ist sie alles andere als ein bloßes Schmückstück, sondern eine starke, moderne Frau. Sie hat nichteheliche Kinder, sie hat sich gegen das Abtreibungsverbot und gegen die Todesstrafe engagiert. Sie hat die Rolle wie eine schöne Provokation verstanden. Wie Rocky , sagte sie mir, wie so eine amerikanische success story , raus aus der Demütigung und hin zur Rache und zum Sieg. Ich fand es reizvoll, den Film in vollendeter Künstlichkeit à la Disney beginnen zu lassen, und dann endet er fast wie eine Dokumentation, eine Fernsehreportage. Und am Schluss, in der Menge, sahen die Statisten in ihr tatsächlich nur Catherine Deneuve, nicht Suzanne Pujol.

Frage: Die Aufstiegsgeschichte der Suzanne Pujol könnte man auch wie ein Märchen lesen, wie Aschenputtel .

Ozon: Nein, Das Schmuckstück ist ein feministischer Film. Es geht um Emanzipation, darum, wie eine Frau ihren Platz findet – und Gefallen daran, den auch zu verteidigen. Vielleicht sollte ich Das Schmuckstück 2 drehen und gucken, was wird aus dieser Politikerin? Na, darüber mag der Zuschauer selber spekulieren. In den meisten Filmen erzähle ich ja ohnehin immer dieselbe Geschichte: Wie jemand sich aus einer gegebenen Situation heraus verändert und entwickelt, und wie sich dadurch auch unser Zuschauerblick auf die Figur verändert.

Frage:Das Schmuckstück 2 ? Bei Ihrem Genre-Eklektizismus müssen wir uns da gewiss keine Sorgen machen. Andererseits: Nach ein paar Filmen kehren Sie immer zur Komödie zurück. Machen Sie sich damit locker für die nächsten schweren Brocken?

Leserkommentare
    • jop
    • 23. März 2011 13:40 Uhr

    ...zumindest am Anfang? Nun ja, zumindest für die gesellschaftliche Realität (in der Männer - nur eins von vielen Beispielen - 90% aller Obdachlosen stellen) interessiert sich der gute Mann ja nicht. Immerhin weiß man nach diesem Interview, daß Ozon keine ernstzunehmenden Filme mehr macht. Schade, waren doch "Unter dem Sand" und "Swimming Pool" durchaus gute, interessante Filme. Aber wenn einer "Frau gut, Mann böse"-Filmchen machen will, dann feiert ihn zwar das Feuilleton, gut oder gar etwas besonderes ist das nicht.

    Dabei müßte er doch nur in die Filmgeschichte schauen: Bergman hat es doch mehrfach vorgemacht, wie man hervorragende Filme mit starken weiblichen Hauptfiguren macht, ohne dabei zwanghaft Männer als minderwertig abzuwerten. Bemerkenswert ist schließlich noch, daß es wieder mal ein Mann ist, der den weiblichen Überlegenheitsphantasien den Weg ins Kino ebnen muß. Nicht mal dazu sind die Damen selbst in der Lage.

    Von Filmgeschichte hat Ozon im übrigen auch keine Ahnung. Männliche Hauptfiguren im Kino sind viel mehr als Physis oder Action, und das schon seit Stummfilmzeiten (ob das nun "Der letzte Mann", oder der tragische Tramp, oder ein müder Tod, oder ein Arbeitsloser in "Die Verrufenen", oder, oder, oder ist...)

  1. Copollas "Der Pate" thematisiert meisterhaft den Jahrtausende alten, Männer instrumentalisierenden Paternalismus wie er noch immer auf Männern lastet.
    Wer geht in die Twin-Towers um Menschen zu retten? Wer wird in Fukushima an die Brennstäbe geschickt? Wer marschiert für staatliche Interessen seit ehedem? Männer.
    Männer waren insofern immer in der Krise. Nur durfte es aus Gründen waltender Geschlechterarrangements bzw. klassischer Rollenzurichtungen nicht zur Sprache kommen. Dies ändert sich nunmehr zunehmend und um so mehr mit jedem stereotyp feministischen Opferdiskurs, der einzig Frauen unter Druck sieht.

    Insofern sollte Monsieur Ozon den cineasitischen Klassiker in Sachen klassisch funktionierender Mann und gesellschaftliche Normierungen vergleichend zu Rate ziehen und seinen nächsten Film vielleicht mal zur Abwechslung um die Verletzbarkeit mithin Instrumentalisierung des nichthegemonialen Mannes kreisen lassen. Ein bisher wenig beachtetes Thema und mit Sicherheit mindestens genauso relevant wie eine in die Politik gehende Fabrikantengattin.

  2. Ich habe mir in einem anderen Kommantar über Frau Furtwängler die Finger verbrannt und will das hier nicht nochmal tun.

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