Sie küssten und sie schlugen ihn läuft der junge Jean-Pierre Léaud als Antoine Doinel in einer großartigen Totale den Strand hinunter bis ins Meer hinein. Dann wendet er sich dem Publikum zu und das Bild friert ein. Es ist der noch unverbrauchte Blick des Filmemachers, der auf den Betrachter fällt. Es sind die neuen Wellen des französischen Films, die hier 1959 an Land treffen.

In der letzten Einstellung von

Der Dokumentarfilm Deux de la Vague von Antoine de Baecque und Emmanuel Laurent folgt der Geschichte des neuen französischen Kinos, der Nouvelle Vague, ausgehend vom Blick Léauds und beispielhaft anhand der problematischen Beziehung zwischen Jean-Luc Godard und François Truffaut. Die drei anderen großen Vertreter der Vague, Claude Chabrol, Eric Rohmer und Jacques Rivette bleiben außen vor.


In Sequenzen aus Film- und Dokumentarmaterial, miteinander verbunden durch die Arbeit einer fiktiven Archivarin, spürt Laurent den Fliehkräften zwischen seinen Protagonisten nach. Die immer artifizielle Chronologie von Geschichte wird so entschleunigt, in die Breite verlagert und reflektiert. Es ist zeitweise so, als säße man selbst am Schneidetisch und fügte Bild an Bild.

Noch 1954 hat Truffaut in seinem Artikel Eine gewisse Tendenz im französischen Film in den berühmten Cahiers du cinéma , der theoretischen Keimzelle der Nouvelle Vague, gegen die Manierismen der großen Studioproduktionen und deren Tradition der Qualität gewettert. Wenige Jahre später bei den Filmfestspielen von Cannes 1959 wird aus der Kritik Praxis. Truffauts erster Langfilm Sie küssten und sie schlugen ihn macht den Regisseur und seinen Hauptdarsteller Léaud zum Star des Festivals.

Truffaut erschuf ein Kino, das nahe am Menschen mit dokumentarischer Wucht daher kommt, dabei aber immer das gesellschaftliche Ganze mit verhandelt. Godard nannte es "die Bombe, die im Feindesland hochging". Und der Feind, das war das bürgerliche Establishment, die "Küchen-Kritik", die den Film "nicht als Religion, sondern als Zeitvertreib" verstand.

Kurz darauf schenkte Truffaut Godard dessen ersten Film: die Idee zu Außer Atem . Der Film machte Belmondo zum Superstar und verhalf Godard und der ganzen Nouvelle Vague zum Durchbruch.

Dabei waren sich die beiden so nah wie fremd. Wollte der Rebell Godard die "Mythen der Vergangenheit zerstören", sah der Reformer Truffaut den Sinn der Neuen Welle darin, den Film "ehrlicher" zu machen. Zwei Antipoden also, die die Liebe zum Kino verband, die Auffassung darüber, was dieses Kino sei, schließlich aber entfremdete.