Glücksformeln mit strahlenden Augen zwischen seinen vielen Kindern und Enkeln.

Leo ist alt, seine Arbeit in einer Fabrik hat ihm nie Spaß gemacht, seine Frau ist gestorben. Er sitzt an ihrem Grab und sagt: "Ich vermisse meine Frau, aber so ist es." Und doch überzeugt gerade er als Beispiel fürs Glücklichsein. Seit er in Rente ist, bestimmt Leo sein Leben selbst, soweit das eben möglich ist. Riesige Kunst-Installationen stellt er in die Dünen an der holländischen Küste. Er reist nach Indien. Eine milde Trauer gehört zwar in sein Leben, aber an seinem 90. Geburtstag zeigt ihn der Dokumentarfilm

Wie werde ich glücklich? Wer möchte nicht diese eine entscheidende Frage beantwortet bekommen. In Glücksformeln wird der Stand der Wissenschaft zusammengetragen. Und zwischen den Interviews mit Psychologen, Soziologen, Ökonomen, Neurologen und Lehrern überprüft die Regisseurin Larissa Trüby an ihren Figuren aus dem echten Leben, wie normale Menschen in verschiedenen Lebensphasen auf ihre eigene, undramatische Weise glücklich werden.


Trübys Fälle machen klar: Glück sieht für jeden anders aus. Für den elfjährigen Luis, der mit seinen Freunden im Wald Word of Warcraft nachspielt, wäre es schwer zu verstehen, dass es auch dem 90-jährigen Leo gut geht. Genauso unvergleichbar wirkt der Lebensentwurf des Berliners Philipp, der alle Leidenschaft in seine Band steckt, mit dem der bayrischen Berghofbewohner Martin und Margarete, die seit 45 Jahren verheiratet sind.

Die Wissenschaftler tragen das ihre aus unterschiedlichen Perspektiven bei: Glück kommt immer auch von außen, daran lässt keiner der Befragten einen Zweifel. Alter und Wohlstand zählen sehr wohl. Auch die Gene beeinflussen, wie anfällig wir für das Unglück, für Depressionen zum Beispiel, sein können. Dennoch werden viele Menschen trotz Vererbung und Schicksal glücklich. Wie Martin vom Berghof, der eigentlich seine Bestimmung als Entwicklungshelfer in Afrika gefunden zu haben glaubte und alles aufgeben musste, um zu Hause den Hof zu übernehmen. Wie die schüchterne Janina, die durch ihre Leidenschaft für das Laufen gelernt hat, sich mehr zuzutrauen. Wir können das Außen gestalten, unser Denken verändern, lautet die tröstliche Botschaft der Wissenschaft. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen knüpfen.

Glücklich zu werden ist also eine komplexe Angelegenheit. Zu komplex, um ein Rezept für alle zu finden? Der amerikanische Psychologe und Glücksforscher Ed Diener bietet tatsächlich eines an: Wie für ein gutes Essen brauche man die richtigen Zutaten für das Glück, sagt er. Wie fast jeder Kuchen Eier, Mehl und Zucker braucht – in unterschiedlichen Mengen natürlich –, so bräuchten auch Menschen die richtigen Zutaten für ein glückliches Leben: eine Aufgabe, in der sie sich kompetent fühlen, enge Bindungen zu anderen, immer mal wieder etwas Neues und eine gewisse Spiritualität. Das müsse laut Diener nicht immer der Glaube an Gott sein. Sie könne auch durch die Verbundenheit mit der Natur wie im Falle von Margarete und Martin oder durch die Kunst entstehen. Wichtig sei allein der Glaube: Es gibt mehr als nur mich, ich bin Teil eines großen, sinnhaften Ganzen, einer Familie – oder eben der ganzen Welt. Die Figuren im Film machen es deutlich: Das kleine, ganz persönliche, gelungene Glück lässt sich mit diesen Zutaten tatsächlich beschreiben. Einfach nachzukochen ist das Rezept deshalb noch nicht.

Leider wirken nicht alle Figuren in Trübys Dokumentation gleichermaßen überzeugend. Das Glück von Philipp, dem Musiker, bleibt blass, während wir Leo sehr nahe kommen. Besonders irritierend ist die Darstellung eines Paars, das die mittlere Generation repräsentiert und sich herumschlägt mit Karriere, pubertierenden Kindern und mehr oder weniger verarbeiteten Trennungen. Denn Wiebke und Marc beschäftigen sich professionell mit dem Glück, werden im Film aber nicht als Experten zitiert, sondern in ihrem Alltag gezeigt. Sie sind Trainer für Neurolinguistisches Programmieren (NLP), eine wissenschaftlich nicht anerkannte Trainingsmethode. Daher werden die Aussagen der beiden im Gegensatz zu denen der anderen Protagonisten von einem Psychologen korrigiert und relativiert.