Ausschnitt aus dem Film "Unter Kontrolle": Arbeiter des AKW Gundremmingen in der Pause © farbfilm verleih

ZEIT ONLINE: Herr Sattel, Ihr Film Unter Kontrolle zeigt deutsche und österreichische Atomkraftwerke von Innen. Ohne einen Kommentar aus dem Off zeigen Sie Szenen aus dem Alltag der Arbeiter und inszenieren die Technik der Anlagen als ästhetisches Retro-Schauspiel. Die Menschen erscheinen darin wie Fremdkörper, gesteuert von den Apparaten, die sie umgeben. Was war für Sie der Anlass, diesen Film zu machen?

Volker Sattel: Mich hat interessiert, wie Menschen das Risiko der Atomkraft verwalten. Ich bin stark mit der Kernkraft sozialisiert, da ich als Kind in der Nähe des Atomkraftwerkes Philippsburg aufgewachsen bin. Als Jugendlicher habe ich die Katastrophe von Tschernobyl in den Medien miterlebt. Mein Film ist aber kein Plädoyer für oder gegen die Atomkraft. Es ist ein unabhängiger Blick in die Welt von Atomkraftwerken, den vorher kein Dokumentarfilm ermöglicht hat.

ZEIT ONLINE: Gedreht haben Sie mit dem Cinemascope-Verfahren. Welchen Effekt hat das – und warum haben Sie diese Technik gewählt?

Sattel: Dieses extreme Breitband-Format wird häufig in Science-Fiction-Filmen eingesetzt. Ich wollte mit dem Format das Blickfeld des Betrachters vergrößern und die Konzentration für die Blickweise der Kamera stärken. In Unter Kontrolle zeigen viele Einstellungen Menschen in technischen Räumen der Atomkraftwerke. Der Zuschauer hat das Gefühl, in eine fremde Welt versetzt zu sein.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich wirken die Mitarbeiter der Atomanlagen in Ihrem Film wie Lebewesen in einem Mikrokosmos, der von der Außenwelt losgelöst scheint. Wie Roboter bedienen Techniker in Schutzanzügen übermächtig erscheinende Maschinen. Sind Atomkraftwerk-Arbeiter eine ganz besondere Spezies?

Sattel: Man kann schon von einer großen Atomfamilie sprechen. Die Kraftwerke in Deutschland sind eng vernetzt. Jedes Mal, wenn wir mit dem Filmteam zu neuen Drehorten kamen, wussten die Leute schon genau, was wir in einem anderen AKW gemacht hatten. Diese Menschen – die meisten Ingenieure und Techniker – haben eine ganz andere Perspektive auf die Atomkraft. Oft wirken sie wie eine Glaubensgemeinschaft, die das Spaltmaterial wie einen Schatz hütet, sich abschottet und in einer Parallelwelt bewegt.


ZEIT ONLINE:
Die Atomkraftwerke in Ihrer Dokumentation erscheinen als morbide Zeugen aus einer Zeit, in der man die Kernkraft als Zukunftsenergie feierte und sich davon Wohlstand versprach. Das  Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen zeigen Sie als Idyll in der Landschaft zwischen Wohnhäusern. Die schlichten Aufnahmen der weißen Kühltürme im Grünen erscheinen wie eine Hommage an die Architektur aus dieser Zeit. Finden Sie Atomkraftwerke schön?

Sattel: Nein, schön finde ich sie nicht. Aber diese Bauten eignen sich sehr gut dazu, in einem Kinofilm Atmosphären zu schaffen. Sie sind eine gute Kulisse, wenn man ein Paralleluniversum darstellen will. Und man kann viel auf sie projizieren: Für manchen sind sie Monumente einer verblichenen Zukunft, für Atomkraftgegner Symbole der Angst und für ihre Mitarbeiter die sichersten Gebäude der Welt.

ZEIT ONLINE: Blinkende Kontrolllämpchen, glänzendes blaues Wasser in riesigen Abklingbecken, silbern glänzende Castor-Behälter… Einige Ihrer Aufnahmen wirken sehr ästhetisch, erinnern an die Inszenierung von Zukunftstechnologien in James-Bond-Filmen der siebziger Jahre. Ist das nicht eine Verklärung einer gefährlichen Technologie, die der Mensch offenbar nicht beherrschen kann?

Wie viele Menschen in Deutschland leben im direkten Umkreis von Atomkraftwerken? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen © ZEIT ONLINE

Sattel:

ZEIT ONLINE: In einigen Szenen aus dem AKW in Gundremmingen sieht man Arbeiter, die gerade Pause machen. Weil sie außerhalb der Werkshallen ihre Schutzanzüge ablegen müssen, schlurfen sie in Badelatschen und in Bademänteln, zum Teil auch nur in Unterhose durch die Gänge. Kein Wunder, dass hier keine Frauen arbeiten. Bis auf eine Pressesprecherin der Energiewerke Nord – dem Betreiber des Kernkraftwerks Greifswald, das stillgelegt wird – kam in der ganzen Dokumentation keine einzige Frau vor. Ist das für Sie auch ein Indiz für eine sterbende Branche?

Sattel: Diese Szenen wirken natürlich sehr anachronistisch. Ich denke schon, dass das auch ein starkes Bild für eine aus der Zeit gefallene Technologie ist. Die Männer leben in einer eingeschworenen Gemeinschaft, scheinen fast verliebt zu sein in ihre Technologie. Und sie haben ihre Rituale: Ein Orchester zum Beispiel. Wenn ein AKW einmal gebaut ist, steht es sechzig Jahre. Auch in der Energieproduktion ist so ein Kraftwerk nicht flexibel. Diese mangelnde Anpassungsfähigkeit eines hermetischen Systems scheint sich auch auf die Menschen darin zu übertragen.