Der Mann ist 55, aber seinem Ruf als ewiges Enfant terrible des Kinos will er offenbar bis in alle Ewigkeit gerecht werden. Nicht nur in seinen radikalen Filmen, für die er in aller Welt geliebt und auch gefürchtet wird, sondern auch draußen im noch viel unübersichtlicheren Leben. Bei der Pressekonferenz in Cannes am Mittwochmittag zu seinem apokalyptischen Drama Melancholia lief er – leider – in dieser Hinsicht zu großer Form auf. Er sagte nicht nur zum gelinden Entsetzen seiner Hauptdarstellerin Kirsten Dunst, sie leide unter Depressionen, sondern behauptete, demnächst auf Bitten seiner Akteurinnen einen Porno zu drehen.

Und als sei dies nicht genug, outete er sich auch noch als Nazi schließlich habe seine Familie deutsche Wurzeln. Hitler habe zwar "ein paar schlechte Dinge" gemacht, aber "ich kann mir ihn in seinem Bunker vorstellen, am Ende".

Die Leitung des Filmfestivals findet derlei sardonische Einlassungen nicht lustig. Am frühen Abend teilte sie in einem so knappen wie scharfen Kommuniqué mit, man werde niemals zulassen, dass Cannes zur Bühne solcher Einlassungen werde. Lars von Trier habe sich, um eine Erklärung für sein Verhalten gebeten, inzwischen mit den Worten entschuldigt, er habe sich "von einer Provokation hinreißen lassen".

Die Tendenz zur höchst eigentümlichen Eigenwerbung war schon im Presseheft zu Melancholia erkennbar. Dort macht Lars von Trier kurzerhand die Selbstbeschimpfung zum Prinzip. "Schlagsahne auf der Schlagsahne" sei sein Film geworden, und erst das Plakat, die Filmfotos, der Trailer: Das alles sehe "irgendwie Scheiße" aus. Wahrscheinlich will das Enfant terrible damit sagen, dass es seinen neuen Film großartig findet. Jedenfalls irgendwie.

Zumindest erfreulich ist es – oder es schien so bis zu der Pressekonferenz –, dass Lars von Trier aus der tiefen Depression, der er vor zwei Jahren mit Antichrist ein furchterregendes Denkmal setzte, offenbar herausgefunden hat. Melancholia erzählt zwar, indem ein gleichnamiger Riesenplanet auf die Erde zurast und sie verschlingt, von nichts Geringerem als dem Ende der Welt. Aber statt seine Filmfiguren wie damals physisch und seine Zuschauer psychisch zu foltern, feiert Lars von Trier seinen Fatalismus und Nihilismus in einem Katastrophenfilm, wie man ihn in solcher Ruhe noch nie gesehen hat. Und für seine übersichtliche Geschichte braucht er nur einen einzigen Schauplatz mit höchst übersichtlichem Personal.

Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgard) feiern ihre Hochzeit in einem Schloss mit angrenzendem Golfplatz am See, das Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und deren Mann John (Kiefer Sutherland) gehört. Mit der Handkamera nervös nah an den Personen gefilmt, geht das Fest, nicht zuletzt durch tatkräftige Mithilfe der von Charlotte Rampling verkörperten Brautmutter, ähnlich grausig daneben wie schon die Familienfeier in Thomas Vinterbergs Dogma-Klassiker Festen (1998): Das Paar trennt sich in der Hochzeitsnacht, und die psychisch labile Justine bleibt mit Claires Familie auf dem Anwesen allein. Derweil nähert sich der Planet Melancholia unaufhaltsam: In fünf Tagen soll er, sagen die Optimisten unter den Wissenschaftlern, knapp an der Erde vorbeiziehen.

Nur Justine weiß – oder besser: fühlt – es besser. Und sie ahnt auch den Grund der umgekehrten Schöpfungsgeschichte. Die Erde ist so böse wie die Erdlinge, und ein Leben draußen im All nach dem großen Knall gibt es sowieso nicht. Also bleibt der Restfamilie nichts, als sich so tapfer wie möglich auf das Unvermeidliche einzustellen. Sie tut das, mal mit wilden Ausritten über das weitläufige Gelände, mal mit dem vorsorglichen Kauf batteriebetriebener Lampen, und immer wieder mit dem bang auf den sich nähernden Himmelskoloss gerichteten Teleskop.