Cannes 2011: Baguettegeflüster
Schwelgen im Dekor: Ein Held reist in die Stadt von Hemingway, Picasso und Gertrude Stein. Woody Allens Komödie "Midnight in Paris" eröffnet das Filmfestival von Cannes.
© Cannes Film Festival

Woody Allens neuer Film "Midnight in Paris" mit Marion Cotillard, Carla Bruni und Owen Wilson wird zur Eröffnung des Festivals von Cannes gezeigt
Alles eigentlich bestens. Das Wetter freundlich, die Touristen in Schlabberklamotten weichen allmählich den Tausenden von akkreditierten Filmleuten in – nun ja, etwas eleganteren – Schlabberklamotten, bevor das Mittelmeerstädtchen sich am Eröffnungsabend richtig in Schale wirft. Da schockiert den Passanten auf der Promenade diese Zeile: “Das letzte Festival von Cannes?“
Es ist die Tageszeitung “Libération“, die da, kaum gebändigt vom bohrenden Recherchefragezeichen, dem Festival in seinem 64. Jahr das Totenglöcklein läutet. Dazu auf der Titelseite ein Kleinejungsgesicht mit 3-D-Pappbrille von dunnemals und “Boah ey“-offenem Mund.
Auf den Innenseiten kommt der totgesagte Patient allerdings schnell wieder zu sich. Mehr Öffnung fürs digitale Kino wird dem Festival von Cannes, dieser “sympathischen, aber uralten Dame auf ihrem Sterbebett“, im Leitartikel empfohlen – und mehr Öffnung fürs lokale Publikum der 60.000-Einwohner-Gemeinde, als gelte es, sich in dieser Hinsicht an Toronto oder Berlin zu orientieren. Wenn’s weiter nichts ist: Takashi Miike hat einen 3-D-Film im Wettbewerb, und er heißt, das sollte “Libération“ gefallen, “Harakiri“.
Ob das Blatt mit jenem Miesepeter-Menetekel vielleicht nur ablenken will von eigenen Nöten und jenen der Branche überhaupt? In Cannes selber sind sie offensichtlich: Wer hier noch auf Papier gedruckte Nachrichten aus der sogenannten Holzwelt erhaschen will, muss weite Wege gehen.
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Alljährlich macht sich neuer Schwund bemerkbar. Zeitungskioske im Städtchen weichen dekorativen Springbrunnen, unmittelbar neben dem Festivalpalast ist ein traditionsreicher Papierwarenhandel einem weiteren Souvenirshop gewichen, und die “Tabacs“, jene legendär französische Mischung aus Kneipe und Zigaretten- sowie Zeitungsladen, sind ohnehin auf dem Rückzug. Soll der moderne Mensch sich vielleicht neben dem Rauchen und dem Trinken auch das Lesen abgewöhnen, Hauptsache, er macht sich schick und schön? Im Alltag führt solch Exorzismus überständiger Laster allerdings geradewegs in die ganzheitliche Vergammelung.






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