Sport vereint die Menschen, und seit 2006 lassen uns Fußballweltmeisterschaften sogar zu stolzen und dennoch integrativen Deutschen werden. Aber wollen wir das schon wieder hören? "Özil! Özil! … Ein Traumtor", brüllt der Kommentator während der WM 2010 im Fernsehen. Seine Stimme schwappt aus den Fenstern auf die Straßen, wo kleine, dunkelhaarige Jungs kicken.

Ja, man kann es noch einmal hören, denn der 27-jährige Philipp Kohl beschwört zwar in seinem Dokumentarfilm Transnationalmannschaft noch einmal die Sommermärchen-Stimmung, hat dafür aber eine neue Perspektive gewählt. Er zeigt kaum Public-Viewing-Bilder. Die WM ist ihm nur Anlass, um seine vielen Protagonisten übers Deutschsein reden zu lassen. Eine ganze Weltmeisterschaft lang – vom ersten Tor Özils bis zum Ausscheiden der "Transnationalmannschaft", wie Kohl das deutsche Team nennt. Alle seine Gesprächspartner leben in Jungbusch, einem Viertel Mannheims, in dem 60 Prozent der Menschen einst von irgendwoher aus der Welt hierher kamen.


Mannheim-Jungbusch hat selbst eine Fußballmannschaft. Die Jungs werden von denen aus Vereinen wohlhabenderer Stadtteile schon mal "die Asos" genannt. Der Trainer muss höllisch aufpassen, dass keiner seiner Schützlinge daraufhin "den Zidane gibt". Wenn diese Jugendlichen von Kohl über die deutsche Mannschaft befragt werden, kommen sie ins Grübeln. Was bedeutet Deutsch für sie? Einer ist sich zwar sicher: "Özil ist kein Verräter", aber er selbst würde doch lieber für die Türkei kicken, wo seine eigenen Wurzeln liegen. Irgendwann im Laufe der Weltmeisterschaft hat dieser Junge die ideale Lösung für sich gefunden: Wenn es eine Nationalmannschaft Mannheim oder gar Jungbusch gäbe, würde er dort spielen – sogar gegen die Türkei. Denn: "Mannheim, das ist meine Heimat."

Ein anderer Jungbuscher, ein deutsch-griechischer Kneipenwirt, beschreibt Ähnliches anhand seiner Sprache: "Uffpasse" sagen hier alle, die jemanden zum Aufpassen ermahnen wollen – egal ob Türke, Italiener, Grieche oder Deutscher.

Deutschsein bedeutet jedem der interviewten Jungbuscher etwas anderes. Heimat lässt sich jedoch für die meisten herunterbrechen auf die kleinste Einheit: ihren Stadtteil – und ab und zu auf eine Fußballnationalmannschaft.

Um das zu zeigen, lässt Kohl viele Menschen auftreten, vielleicht zu viele, um mit ihnen wirklich warm zu werden: neben dem griechisch-deutschen Kneipenwirt auch die serbisch-deutsche Polizistin, das türkisch-griechische Partygirl, den afghanischen Gemüsehändler, die türkischstämmigen Akademiker wie den Musiklehrer und den Anwalt – um nur einige zu nennen.