Mitten auf dem Schlossplatz steht jetzt eine große Open-Air-Leinwand, sichtbares Zeichen dafür, dass das am Dienstagabend startende Trickfilmfestival im Stuttgarter Zentrum angekommen ist. Aber dies ist kein Festival aus der Retorte, es ist der Stadt nicht aufgepfropft worden, sondern von den Rändern her organisch in diese hineingewachsen. Begonnen hat alles in den frühen achtziger Jahren als kleine, improvisierte Veranstaltung der örtlichen Film- und Animationsszene, jetzt ist man hier stolz auf ein Großereignis, bei dem sich das Publikum ganz unbefangen mit Fachleuten aus aller Welt mischt.

Tausend Filme in sechs Tagen! Sechs Kinos und fünf Wettbewerbsreihen! Ein Dutzend Preise! Dazu Workshops, Kinderprogramme, Seminare, Studiopräsentationen, Hommagen, Partys oder die Crazy Horse Session, bei der fünf Animatoren-Teams gegeneinander antreten und in 48 Stunden einen zweiminütigen Film zusammenbasteln. Das bisher in Europa führende Animationsfestival im französischen Annecy habe man jetzt ein-, wenn nicht sogar überholt, sagt der künstlerische Geschäftsführer Ulrich Wegenast. Kann er innerhalb dieses riesigen Angebots bestimmte Trends ausmachen? Da zögert der eloquente Wegenast, es sei doch alles sehr breit gestreut, verweist dann aber auf die moderne Stereoskopie, also auf 3-D-Filme, und gleichzeitig auf ein nostalgisches Aufflackern des Puppenfilms, der nun freilich mit digitaler Unterstützung erzeugt werde. Auch von den künstlerischen Kurzfilmen im Internationalen Wettbewerb, der nach wie vor den Kern des Festivals bildet, dürfte kaum einer ohne Computerhilfe entstanden sein.

Die Digitalisierung hat die früher so unendlich langsame Trickfilmproduktion ein bisschen beschleunigt, eine der vielen Stuttgarter Programmreihen will sogar auf aktuelle Ereignisse reagieren. Die schon vergangenes Jahr geplante Retrospektive zu den Anfängen des Animationsfilms in Ägypten wird nämlich kurzfristig ergänzt durch ganz frische Beiträge, die sich direkt mit dem Aufruhr in Nordafrika auseinandersetzen und zum Teil erst während des Festivals eintreffen werden.

Die meisten anderen Programmpunkte aber stehen fest, auch die Präsentation des diesjährigen Oscar-Gewinners The lost Thing von Andrew Ruhemann und Shaun Tan. Für den Animations-Oscar nominiert waren auch die deutschen Trickfilmer Max Lang und Jakob Schuh mit ihrer Kinderbuchadaption Der Grüffelo. Das Stuttgarter Festival, sagt Schuh, habe für ihn einen immens hohen Stellenwert. "Es war Mitte der neunziger Jahre der Ort, an dem ich die erstaunliche Vielfalt des Mediums und damit die vielen Möglichkeiten, die dieser Beruf für mich bereithalten könnte, zum ersten Mal gesehen und verstanden habe."

Jakob Schuh hat an der Filmakademie im benachbarten Ludwigsburg studiert, die mit ihrer Trickabteilung früh Furore machte. Dort erzählt man sich immer noch gern, dass Roland Emmerich schon in den neunziger Jahren Hochschulstudenten nach Hollywood holte und für seine Special-Effects-Katastrophenfilme tricksen ließ. Jakob Schuh arbeitet inzwischen für das Ludwigsburger Trickfilm-Studio Soi, er ist immer noch regelmäßiger Besucher des Festivals und lässt sich dort inspirieren: "Der künstlerische Animationsfilm bildet für unseren Beruf den hochreaktiven Nährboden auf dem alles Neue gedeiht, alle Theorien aufgestellt und getestet werden.“

Wenn man Jakob Schuh allerdings fragt, ob man wegen der vielen Auszeichnungen für deutsche Animationsfilme von einem Boom der Branche sprechen könne, ist er vorsichtig. Die Ausbildung hierzulande sei zwar, auch im internationalen Vergleich, "sehr solide", aber die "produzentischen Strukturen, die eigentlich auf diesen jungen Talent-Pool zurückgreifen sollten, können sich selten mit dem Ausland messen." Auch Ulrich Wegenast sagt, dass die deutsche Trickfilmproduktion "einen schweren Stand" hat, dass einige ältere Studios Pleite gegangen sind, dass die öffentlich-rechtlichen TV-Sender ihre Budgets kürzen, dass auch der Kika-Skandal sich negativ auswirkt. Vielleicht wird ja der Unmut einiger Studios, der bisher eher im Geheimen rumort, in Stuttgart öffentlich gemacht. Auch dafür böte das Festival mit seinem angeschlossenen Animation Production Day ein Forum.