Max Zähles Arbeitszimmer ist ein raumgewordenes Stück Filmgeschichte. Zettel voller Notizen, Filmskizzen und eine Schrankwand unsortierter DVDs. Citizen Kane steht da neben Zombieland , Absolute Giganten neben einer David Lynch-Box und irgendwo dazwischen findet sich gleich zweimal Til Schweigers Keinohrhasen . "Wenn ich in Videotheken gehe, weiß ich oft gar nicht, was ich zu Hause noch so rumstehen habe", sagt Zähle beinahe entschuldigend.

Max Zähle ist 33 Jahre alt, trägt einen Fünf-Tage-Bart und hat häufig eine Zigarette im Mundwinkel. Er gilt derzeit als die große Nachwuchshoffnung des deutschen Films. Der junge Regisseur ist ein frisch dekorierter Oscar-Gewinner. Der Preis für die beste studentische Arbeit wird ihm und seinen Kollegen der Hamburg Media School für den Kurzfilm Raju am 11. Juni verliehen und doch scheint sich Zähle an diesem Tag gerade mehr Gedanken über das Champions League-Finale am Abend als über die bevorstehende Reise nach Los Angeles zu machen. "Absurd ist das", kommentiert er den Erfolg nüchtern, fasst sich in die verstrubbelten blonden Haare und klopft sich eine weitere Zigarette aus dem Päckchen.

Dass er sich kreativ ausleben wollte, wusste er schon immer. Erst über die Musik, als er in einer Band spielte und ein Gespür für Rhythmik lernte, später dann, als er den Film entdeckt. Zähle, der in Hamburg gerade in ein altes Gründerzeithaus in Altona umgezogen ist, kennt das System. Er hat es von Beginn an durchlaufen. Von ganz unten, wenn man so will. Praktikant, Kabelträger, Cutter. Irgendwann war der Wunsch da, selber Drehbücher zu schreiben, Regie zu führen. Einen Auslöser gab es nicht, keinen berühmten Schlüsselmoment und erst recht keine Vorbilder. Zähle macht sein eigenes Ding, er verkörpert die Rhythmik der Lässigkeit. Die beste Voraussetzung für seinen späteren Erfolg.

Viel mehr als jeder Film hat ihn ohnehin die Biografie von Robert Rodriguez geprägt. "Ich habe sie mit Anfang 20 gelesen. Das hat etwas verändert." Für die Werke des amerikanischen Regisseurs kann sich Zähle zwar nur bedingt begeistern: " El Mariachi war ziemlich gut." Was ihn an Rodriguez aber faszinierte, war der unbedingte Wille zum Filmemachen. Um für sein Filmdebüt einige Dollar zusammenzukratzen, schrieb dieser sich als Versuchskaninchen für Medikamententests ein. "Das ist für mich die absolute Filmromantik", sagt Zähle.

Als er sich nach verschiedenen Jobs um einen Platz an der Hamburg Media School für den Masterstudiengang "Film" bewarb, war Zähle schon dreißig Jahre alt. Als Bewerbungsstück reichte er sein Debüt Der Untermieter ein. Der wurde schon bald mit Preisen ausgezeichnet und auf arte gezeigt. Naturtalent? Quatsch. Davon will Zähle nichts wissen. Es folgte der nächste Kurzfilm: Wattwanderer und schließlich, als Abschlussarbeit Raju – sein Oscarwerk.

Der zwanzigminütige Film handelt von einem deutschen Paar (gespielt von Wotan Wilke Möhring und Julia Richter), das ein Kind in Kalkutta adoptieren will. Nach und nach erfahren die beiden, dass es sich bei Raju nicht um einen Waisenjungen, sondern um ein verschlepptes Kind handelt. In eindringlichen Bildern und schnellem Rhythmus verbildlicht Zähle das moralische Dilemma seiner Protagonisten: ist es dennoch richtig den Jungen mit nach Deutschland zu nehmen? Ihm eine Perspektive zu geben? Oder muss man ihm eine Chance vor Ort ermöglichen?

Raju ist der Beweis, dass sich Konzepte durchsetzen. Der Film wurde mit geringstem Budget gedreht, seine beiden gut gebuchten Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring und Julia Richter hat Zähle mit seinem Drehbuch, nicht mit der Gage überzeugt. Sie arbeiteten kostenlos für ihn, genau wie die meisten Mitarbeiter.