Bruno Ganz "Die Venezianer sind eine knallharte Sippe"
Bruno Ganz verbringt so viel Zeit wie möglich in Venedig. Im Interview erzählt er vom warmen Nebel der Stadt und warum die Venezianer die Hemingway-Touristen vermissen.
© Rafa Rivas/AFP

Bruno Ganz posiert nach der Vorstellung von "Satte Farben vor Schwarz" für die Kameras. (Archivbild vom 18.09.2010)
Frage: Herr Ganz, Sie leisten sich Residenzen in gleich drei europäischen Städten. Warum?
Bruno Ganz: Das hängt mit meiner Biografie zusammen: Ich stamme aus Zürich, also habe ich dort einen Wohnsitz. Ich bin lange Zeit als Schauspieler am Theater in Berlin gewesen, dort brauchte ich auch eine Wohnung. Und ich habe 1999 einen Film in der Stadt Venedig gedreht, bei dem ich mir gedacht habe: Warum soll ich hier nicht wohnen? Ich kann etwas Italienisch, denn meine Mutter ist Italienerin. Wieso also nicht: Venedig? Diese Stadt ist das Großartigste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.
Frage: Viele Venedig-Besucher sind wie Sie überwältigt – und fahren dennoch wieder heim.
Ganz: Ich habe erst einmal Brot und Tulpen fertig gedreht. Am Ende dieser Wochen stand für mich fest, dass ich mich darum kümmern werde, in Venedig eine Wohnung zu ergattern. Das habe ich dann getan.
Frage: Eine Wohnung in Venedig finden – das kann nicht leicht sein.
Ganz: Ich fand eine Agentur, die mir Immobilien anbot. Da ich zu der Zeit in Triest einen Film drehte, waren es nur anderthalb Stunden Bahnfahrt bis Venedig. Ich konnte mir also jeweils die Wohnungen anschauen, und irgendwann war meine dabei. Zuerst gab es ein Problem, weil man mir das ganze Haus verkaufen wollte, das hätte ich finanziell nie schaffen können. Aber schließlich bekam ich den dritten Stock. Und die Altana darauf, den typischen hölzernen Balkon auf dem Dach.
Bruno Ganz, 70, spielte u.a. an der Schaubühne, am Berliner Ensemble und dem Wiener Burgtheater. Einem großen Publikum wurde er in Der Himmel über Berlin und als Adolf Hitler in Der Untergang bekannt. Ganz wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk.
Frage: Haben Sie bei der Besichtigung der Wohnungen prächtige Dinge gesehen?
Ganz: Es gibt Objekte, die man gar nicht zu sehen bekommt, denn die prächtigen Wohnungen kosten ungeheuer viel Geld. Doch ich bin bei anderer Gelegenheit mit jemandem unterwegs gewesen, der mit Immobilien handelt. Da bin ich in das Innere von richtig großen Palazzi gekommen. Einer davon steht am Canal Grande und ist berüchtigt, denn es heißt, alle Besitzer hätten Selbstmord begangen. Ein Unglückshaus also, für das sich übrigens Woody Allen eine Zeit lang interessierte. Dort sah ich dann das, was man sich unter Innenräumen in Venedig vorstellt: das Piano Nobile, also das Wohngeschoss, riesengroß im ersten Stock, viele Spiegel, Verzierungen, sehr hohe Räume.
Frage: Mussten Sie in Ihrer Wohnung viel herrichten?
Ganz: Ja, das Haus stand zehn Jahre leer. Aber ich hatte Glück, obwohl mir das gar nicht klar war, als ich die Wohnung gekauft habe: Mein Stockwerk wird vom Acqua Alta nicht berührt. Wenn ich bei Hochwasser mit großen Stiefeln in die Stadt gehe und sehe, wie viel dort unter Wasser steht, dann muss ich mir sagen: Ich habe extremes Glück, ich musste noch nie Wasser abpumpen.
Frage: Wenn Sie in Venedig leben und jeden Tag von dieser Kulisse umgeben sind: Nehmen Sie die Schönheit noch wahr?
Ganz: Es gibt eine Phase, während der einen die Alltäglichkeit überrollt. Und es gibt auch die Zeit, in der das Schreckliche überwiegt: das Morbide, der schlechte Zustand vieler Gebäude, der Dreck im Kanal, all das. Da denkt man, man hätte dieses Paradies nun endgültig verloren, diese schönste Stadt, die es überhaupt gibt. Aber dann erobert man sie sich wieder zurück. Ich meine, wer kann schon mit dem Vaporetto zum Rialto fahren und fürs Abendessen einen Branzino kaufen, einen Wolfsbarsch?
Frage: Was lieben Sie außerdem an Venedig?
Ganz: Venedig ist eine Stadt, die sich nicht wesentlich verändert. Man steht in einem intakten Gebilde aus einer anderen Zeit. Hier wurde nur wenig abgeschliffen und der Zeit angepasst, nicht da ein höheres Haus und dort ein neues Haus gebaut. Alles blieb so erhalten, wie es einmal gewesen ist, das gibt es ja nirgendwo mehr. Man lebt fast wie vor 500 Jahren, das hat etwas Fantastisches.
Frage: Die 270.000 Einwohner werden jedes Jahr von etwa 16 Millionen Touristen überrollt.
Ganz: Viele von ihnen sehen Venedig wie ein Museum an. Das ist Blödsinn. Venedig ist eine normale, lebendige Stadt. Das Außergewöhnliche an ihr ist, dass man mit den Bewohnern früherer Zeit auf einer Höhe ist: Man kann sich sehr gut vorstellen, wie Menschen vor 500 Jahren hier gelebt haben, weil man im Wesentlichen die gleichen Transportmittel benutzt, weil die Gässchen und die Fassaden noch so aussehen wie damals.
- Datum 27.07.2011 - 06:20 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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Dieser Artikel macht für mich guten und lesenwerten Journalismus aus. Ein interessanter Mensch, eine interessante Stadt und ein gutes gespräch. Klar hätte ich Herrn Ganz auch anderes gefragt, aber heute muss man ja dankbar sein, dass eine Zeitung, neben den ganzen schnellebigen News, die in der nächsten Sekunde verpufft sind, etwas bieten, was den Leser einlädt zu verweilen und zu lauschen, was Herr Ganz über Venedig sagt. Gern mehr davon.
Ich muss mich meinem Vorredner anschließen, ein wirklich interessantes Interview. Von all den Städten, die ich in Italien bisher besucht habe, war Venedig schon etwas Besonderes - und entgegen den gängigen Klischees gar nicht "versifft". Natürlich gab es auf der Piazza San Marco Unmengen an Tauben, aber das Wasser selbst habe ich beispielsweise als überraschend sauber erlebt, ebenso wie die Gassen. Die Massen an Touristen, die sich durch die engen Gassen schieben, nehmen etwas von dem Zauber der Stadt, aber was will man machen, man gehört schließlich selbst dazu.
in Venedig, über Brückchen hinauf und hinunter, spät abends, und habe gedacht, jetzt störe eigentlich nur noch ich...
...und ein höchst niveauvoller Artikel. Es liest sich wie in einem kleinen Traum.
...und ein höchst niveauvoller Artikel. Es liest sich wie in einem kleinen Traum.
...und ein höchst niveauvoller Artikel. Es liest sich wie in einem kleinen Traum.
und das von Bruno Ganz ist - wie könnte es auch anders sein - ganz besonders zu "erlesen". Chapeau!
aber wenn ich das richtig verstanden habe, hat Herr Ganz dort eine Wohnung, die 10 Monate im Jahr leersteht, und man beklagt die Verdrängung der Einheimischen, weil "immer mehr reiche Ausländer sich Wohnungen kaufen"?
den Mist der Touristenkühe, die man melkt, ertragen.
http://www.sueddeutsche.d...
Danke für dieses wirklich interessante Interview. Venedig aus Sicht eines dort Lebenenden - toll!
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