"Die Unmassen von Menschen sind manchmal niederschmetternd"
Frage: Sie sagten einmal, Venedig sei die europäischste Stadt, die Sie kennen. Wie definieren Sie eine europäische Stadt?
Ganz: Wir sind alt. Das unterscheidet Europa von Amerika. Die Amerikaner haben Pop, und dann ist Schluss. Wir haben eine gewachsene Architektur. Man merkt, dass wir ein alter Kontinent sind, und dass es vor 1.000 Jahren schon einen enormen Reichtum an Kultur gab. Venedig ist ein Ort, wo man das auf Schritt und Tritt sehen kann: Allein die Steinmetzarbeit an vielen Palazzi, irgendwann im 16. Jahrhundert von lombardischen Steinmetzen gestaltet, ist ein Wunderwerk des Handwerks und der künstlerischen Konzeption. Das ist Europa.
Frage: Haben Sie in Venedig die Klischees mitgemacht? Sind Sie etwa Gondel gefahren?
Ganz: Ich würde ja gerne Gondel fahren, aber die sind so teuer, diese Hallodris! Am besten man schafft sich einen Gondoliere an, den man bei Bedarf anruft. Das hätte ich gern – vor allem nachts ist es reizvoll, mit der Gondel zu fahren. Das ist schließlich auch eine Fortbewegungsart, die der Stadt entspricht, es knattert nicht immer ein Motor hinter einem.
Frage: Sie haben kein eigenes Boot?
Ganz: Nein. Das Boot selber wäre nicht das Problem. Man braucht eine Anlegestelle, und die gehört zu den begehrtesten Dingen in Venedig.
Frage: Was sind die anderen?
Ganz: Das Hüttchen, diese Badekabine, auf dem Lido. Der Parkplatz an der Piazzale Roma – seit Generationen vererbt. Das Grab auf der Friedhofsinsel San Michele – seit Generationen vererbt. Und der Liegeplatz für das Boot. Das sind die vier Sachen, die bei Venezianern immer in der Familie bleiben.
Frage: Schauen Sie sich manchmal die Touristenhölle hinter Punta Sabbioni an?
Ganz: Die Touristen werden sowieso alle schiffsweise nach Venedig hereingekippt. Da muss ich nirgends hinfahren, die ganze Stadt ist voll von ihnen. Dafür hat zum Leidwesen der Venezianer der Hemingway-Tourismus aufgehört.
Frage: Was sind denn Hemingway-Touristen?
Ganz: So nannte man die Amerikaner, die im Hotel Gritti abstiegen und locker mal 10.000 Euro in der Woche ausgaben, nur um dort zu wohnen. Natürlich gingen die auch entsprechend essen und waren entsprechend angekleidet. Das ist vorbei. Was die Stadt jetzt hat, ist der Massentourismus. Die Touristen kommen frühmorgens mit dem Schiff von Zeltplätzen auf dem Festland. Abends werden sie wieder dorthin zurückgebracht. Sie füllen Venedig den ganzen Tag, das ganze Jahr über.
Frage: Das muss eine Stadt verändern.
Ganz: Es ist manchmal niederschmetternd, diese Unmassen von Menschen, deren Anblick nicht wirklich Freude macht. Sie kommen mit dem Vorsatz in die Stadt, kein Geld auszugeben, und als Erstes kaufen sie sich eine Narrenkappe für 15 Euro. Dann schieben sie sich durch den Ramsch von Souvenirs und sehen nichts von dieser Stadt. Sie haben nicht einmal San Marco wirklich gesehen! Allein um die Basilika anzuschauen, nur von außen, bräuchte ich mehrere Stunden.
Frage: War das bei den Hemingway-Touristen anders?
Ganz: Früher wusste wenigstens ein Teil der Touristen, was Venedig ist. Sie kannten die Geschichte und wollten einen bestimmten Stein in einer Kirche sehen. Sie gingen selbstverständlich in die Gallerie dell’ Accademia, oder sie wollten die Scuola Grande di San Rocco ansehen, weil da alle wichtigen Tintorettos hängen, und so weiter. Der Hemingway-Tourismus wiederum war zentriert auf Harry’s Bar. Das ist auch wieder eine Sache für sich.
Frage: Macht Sie diese Menge der Besucher aggressiv oder deprimiert?
Ganz: Ich übe mich in Gleichmut. Als Gegengewicht gibt es die italienische Lebensart.
Frage: Kennen Sie denn viele Venezianer?
Ganz: Ja, ich kenne eine ganze Menge Leute. Wenn man mit denen über das Versinken der Stadt reden will, machen sie höchstens eine abfällige Geste. Zu mehr lassen sie sich nicht herab. Denn diese Stadt wird ewig bestehen. Das glauben jedenfalls die Venezianer. So ist das eben in Italien: Jeder findet seinen eigenen Kirchturm am tollsten.
Erschienen im Tagesspiegel
- Datum 27.07.2011 - 06:20 Uhr
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Dieser Artikel macht für mich guten und lesenwerten Journalismus aus. Ein interessanter Mensch, eine interessante Stadt und ein gutes gespräch. Klar hätte ich Herrn Ganz auch anderes gefragt, aber heute muss man ja dankbar sein, dass eine Zeitung, neben den ganzen schnellebigen News, die in der nächsten Sekunde verpufft sind, etwas bieten, was den Leser einlädt zu verweilen und zu lauschen, was Herr Ganz über Venedig sagt. Gern mehr davon.
Ich muss mich meinem Vorredner anschließen, ein wirklich interessantes Interview. Von all den Städten, die ich in Italien bisher besucht habe, war Venedig schon etwas Besonderes - und entgegen den gängigen Klischees gar nicht "versifft". Natürlich gab es auf der Piazza San Marco Unmengen an Tauben, aber das Wasser selbst habe ich beispielsweise als überraschend sauber erlebt, ebenso wie die Gassen. Die Massen an Touristen, die sich durch die engen Gassen schieben, nehmen etwas von dem Zauber der Stadt, aber was will man machen, man gehört schließlich selbst dazu.
in Venedig, über Brückchen hinauf und hinunter, spät abends, und habe gedacht, jetzt störe eigentlich nur noch ich...
...und ein höchst niveauvoller Artikel. Es liest sich wie in einem kleinen Traum.
...und ein höchst niveauvoller Artikel. Es liest sich wie in einem kleinen Traum.
...und ein höchst niveauvoller Artikel. Es liest sich wie in einem kleinen Traum.
und das von Bruno Ganz ist - wie könnte es auch anders sein - ganz besonders zu "erlesen". Chapeau!
aber wenn ich das richtig verstanden habe, hat Herr Ganz dort eine Wohnung, die 10 Monate im Jahr leersteht, und man beklagt die Verdrängung der Einheimischen, weil "immer mehr reiche Ausländer sich Wohnungen kaufen"?
den Mist der Touristenkühe, die man melkt, ertragen.
http://www.sueddeutsche.d...
Danke für dieses wirklich interessante Interview. Venedig aus Sicht eines dort Lebenenden - toll!
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