Als Marlene Dietrich 1979 meinte, sie habe ihre besten Jahre hinter sich, zog sie sich in ihr Pariser Appartement in der Avenue Montaigne 12 zurück, legte sich ins Bett und mied fortan die Öffentlichkeit. Vermutlich geschah dies zu ihrem eigenen Vorteil, aber auch zum Vorteil ihres Publikums, das eine eindrucksvolle, lebensfrohe Frau in Erinnerung behalten durfte. Diese Zeiten, in denen sich Stars jenseits ihres Zenits aus der Öffentlichkeit zurückzogen, sind vorbei.

Mit Youtube hat auch in Hollywood und Babelsberg eine Art Videobeweis Einzug gehalten: Den Verfall einstiger Show-Größen kann man heute vor dem Computer verfolgen und bei Bedarf hämisch kommentieren: Wenn Britney Spears ohne Unterwäsche aus einem Auto steigt, wenn David Hasselhoff sturzbetrunken Fastfood zu sich nimmt, wenn Charlie Sheen wirre Reden hält oder sich Pete Doherty beim Drogenkonsum filmen lässt, ist das Publikum ganz nah dran.

So auch im Fall von Joaquín Phoenix. Der amerikanische Schauspieler verkündete im Jahr 2008 nach großen Erfolgen unter anderem in der Rolle des Johnny Cash, er beende mit sofortiger Wirkung seine Schauspielkarriere und wolle sich künftig als Rapper versuchen. Diese Phase seines Lebens ist Gegenstand der von Casey Affleck gefilmten Dokumentation I'm still here , die neben dem Branchenwechsel vor allem Phoenix' körperlichen und geistigen Niedergang dokumentiert. Oder besser gesagt: den vermeintlichen Verfall vermeintlich dokumentiert.

Wer die Klatschspalten und Filmseiten in den Medien in den vergangenen Jahren verfolgt hat, der weiß, dass es sich bei I'm still here um einen Versuchsaufbau handelt. Um eine Finte. Wenn der Film Joaquín Phoenix als verlottert, drogensüchtig, als außer Kontrolle und im freien Fall zeigt, ahnt der Zuschauer, dass nichts von alldem wahr ist. Dass Phoenix sich selbst und diese Rolle des verwahrlosten Schauspielers spielt.

Die Versuchsanordnung des Films ist schlicht, weder wahnsinnig überraschend, noch sonderlich kreativ: Der bislang aalglatte Schauspieler Joaquín Phoenix stürzt vor den Augen der Welt ab und will so die Sensationsgier Hollywoods vorführen. Als Phoenix am Flughafen aufgedunsen an einer Meute Klatschreporter vorbeiläuft, wird die Tonspur einer Boulevardsendung eingespielt: "Der ehemalige Schauspieler behauptet immer noch, er habe das Showgeschäft endgültig verlassen, um sich verstärkt auf seine Musikkarriere zu konzentrieren – und weniger auf seine Körperhygiene, wie es scheint. Wird Phoenix aus der Asche seiner Schauspielkarriere auferstehen und die Musikbranche erobern? Ist das alles ein schlechter Scherz? Wird er ein Album veröffentlichen? Vor allem aber: Interessiert uns das überhaupt?" Dass Hollywood unerbittlich und die Klatschpresse rücksichtslos ist – wer hätt’s nicht gedacht?