Hans wollte alles anders machen. Baute eine Kommune auf, irgendwo in der hintersten Steiermark. Ein schöner, alter Bauernhof, ein weites Grundstück mit Seezugang, leben und leben lassen. Vielleicht ein gutes Dutzend Frauen und Männer fanden dort ihre neue Heimat, Kinder sprangen ohne Aufsicht herum. Es war nicht immer klar, wer eigentlich ihre Eltern waren. Hans, dem Patriarchen im Kommunardengewand, war das auch ziemlich egal, solange ihm die Frauen zur Verfügung standen und die Kinder ihm beim Spielen nicht zu nahe kamen. Der Mann wollte seinen Spaß und seine Ruhe haben, den Rhythmus bestimmte er auf Gutsherrenart, auch wenn bei Konflikten im Kollektiv das Plenum einberufen wurde.

Gleich zu Beginn von Marie Kreutzers erstem Spielfilm Die Vaterlosen stirbt dieser Hans. Am Sterbebett sagt er seinem Sohn Niki, dieser sei ein schlechter Arzt, feige und wolle es immer allen recht machen. Letzte Worte, die nicht gerade dazu beitragen, dass Niki seinen Frieden mit dem Alten machen kann.


Frieden mit dem tyrannischen Bonvivant hat keines der Kinder gemacht, die nun zum Begräbnis auf dem Hof eintreffen. Die Kommune ist längst aufgelöst; die Witwe, gewissermaßen Hans' "Hauptfrau" bewirtschaftet ihn mit Mühe allein. Die Kinder sind erwachsen geworden, haben sich Jahre oder Jahrzehnte lang nicht mehr gesehen, schnell brechen Konflikte auf, gehen Beziehungen in die Brüche, und ein lange gehütetes Familiengeheimnis kommt ans Licht. So weit, so klassisch die Ausgangslage.

Die 34-jährige Grazerin Marie Kreutzer hat keinen politischen Film über Klima und Binnenstruktur einer antikapitalistischen Wohngemeinschaft gedreht, die es auch im von den 68ern wenig beeinflussten Österreich gegeben hat. Die Vaterlosen ist vielmehr ein Familienfilm, der mit viel Gespür für seine Figuren erzählt, welche psychischen Deformationen die Kinder, nun im Alter der Regisseurin, davon getragen haben, weil sie früher immer machen mussten, was sie wollten – nach den Spielregeln des Patriarchen Hans versteht sich: Macht beim Spielen so viel Lärm, wie ihr wollt Kinder, aber bleibt mir damit aus den Augen! Debattiert ruhig stundenlang, am Schluss bestimme trotzdem ich!

Kreutzers Film, uraufgeführt auf der diesjährigen Berlinale, gelingt das meist recht überzeugend. Man merkt dem Drehbuch an, dass die Absolventin der Wiener Filmhochschule lange daran gefeilt hat – manchmal so lange, dass auf dem Hof ein bisschen viel Emotion hochkocht und zum Ausbruch kommt: Hans' verhärmte Witwe, die noch am Begräbnistag ihre Affäre mit dem Nachbarn aufleben lassen will; Sohn Vito, dem seine Freundin abspenstig wird, weil er sich plötzlich all zu sehr mit dem Vater identifiziert und die Kommune reaktivieren will.


Tochter Mizzi durchforstet akribisch die Tagebücher des Vaters und wird immer wieder von Lähmungen gepeinigt, weil ihr als Baby einmal die Luft abgeschnürt wurde. Warum, das sei hier nicht verraten. Und Kyra, eine weitere Tochter, von deren Existenz die anderen nicht einmal wussten, taucht auf und erfährt, warum Hans ihre Mutter und sie damals vom Hof geschickt hat.

Diese Figuren und noch einige mehr entwickelt die Regisseurin zügig, um das familiäre Verwirrspiel in Gang zu bringen, und sie achtet dabei immer darauf, den dramaturgischen Faden nicht zu verlieren. Ihr Stilmittel, um die Geschichte zusammenzuhalten, sind Rückblenden mit Sinn fürs wichtige Detail. Sie sind farblich verfremdet, mal grün- mal gelbstichig und wirken wie überbelichtete Fotos aus den siebziger Jahren – ein warmer, stimmungsvoller Kontrast zum aus dem Ruder laufenden Familientreffen der Jetztzeit.