In der Natur führen Fehler beim Kopieren der DNS zu Mutationen, die sich evolutionär durchsetzen können. Auch in der Kulturgeschichte spielen Übersetzungs- und Abschreibfehler eine Rolle. So beispielsweise bei Perry Rhodan , der längsten und umfangreichsten fortlaufenden Science-Fiction-Serie der Welt. Der Name ihres Protagonisten geht auf den japanischen Monster-Streifen Radon von 1956 zurück, dessen Titel in der deutschen Version jedoch Opfer eines Silbendrehers wurde. Die Erfinder Perry Rhodans fügten noch ein h hinzu – fertig war der pseudo-amerikanische Name. Fans sprechen ihn noch heute bewusst Denglisch aus, das heißt mit offenem a.

Dieses Stück Trivialwissen erhält man aus dem Dokumentarfilm Perry Rhodan – Unser Mann im All , der das fünfzigjährige Bestehen der Serie kritisch beleuchtet. Es ist beispielhaft für die darin dargestellte Entwicklung des Groschenromans als eine Geschichte des Fehlerhaften, Trashigen, Verdrängten inmitten der bundesdeutschen Normalität. Bis heute ist die Science-Fiction-Reihe als Schund verschrien, hat aber eine wöchentliche Auflage von rund 80.000 Heften.


Perry Rhodan, erfährt man, stammt aus den Einfamilienhäusern Nachkriegsdeutschlands. Der Film zeigt die Heime der Autoren und Zeichner als düstere Orte, deren hölzerne Gartenzäune gleichsam zur Verwerfung der geschichtlichen Wirklichkeit dienten. Die ersten Schöpfer des Mannes aus dem All – allen voran der stilbildende Exposé-Autor Karl-Herbert Scheer – werden porträtiert, indem man ihre Witwen sprechen lässt. Es waren Jäger, Liebhaber von Militaria, ehemalige Kriegsgefangene, die sich in ihren dunklen Wohnzimmern konspirativ bei Leberwurstschnittchen zusammen fanden. Dort, zwischen Holzimitat, ersannen sie Waffen, die an Zerstörungskraft diejenigen der Russen und Amerikaner übertrafen. Mit deren Hilfe einte Perry Rhodan den Planeten und stieg auf zum wohlwollenden Führer eines stetig expandierenden galaktischen Reichs.

Der imaginierte Weltraum diente ihnen und ihren Lesern als eine Art ganz großer Modelleisenbahn-Keller. Hier konnte der deutsche Mann allein sein mit seinem Trauma zweier verschuldeter und verlorener Weltkriege – in Ruhe gelassen von der politischen Korrektheit kultureller Eliten und seiner Frau, die stattdessen Groschenromane für die weibliche Klientel las.

Der Dokumentarfilm hält sich klugerweise weitgehend mit Kommentaren und Thesen zurück, zeigt lediglich das Monströse und nicht zuletzt Tragische dieser gedrungenen Welt. Die damaligen Vorwürfe von Linksliberalen, es handele sich bei Rhodan um einen "Ersatz-Hitler" werden dagegen zwar referiert, aber angesichts des zuvor dargestellten sozialen Milieus zu schnell und leichtfertig aus dem Weg geräumt. Immerhin kommt auch der zeitgenössische Literaturwissenschaftler und Rhodan-Experte Rainer Stache zu Wort, der die frühen Jahre der Reihe treffend als eine "kosmische Landser-Serie" bezeichnet. Allerdings sind solche Zusammenhänge zwischen Popkultur und nationalistischer Propaganda in dieser Zeit nicht ungewöhnlich und auch nicht auf Deutschland beschränkt. Dies zeigt nicht zuletzt die Comic-Serie Captain America , deren Verfilmung zur Zeit im Kino läuft.

Überraschender ist der Umschwung in der nächsten Generation der Reihe, die seit Mitte der Siebziger von dem hippieesken Schnurrbartträger und Exposé-Autoren William Voltz geprägt ist. Aus intergalaktischen Kämpfen wird eine pazifistische Sinnsuche, aus besonders schlagkräftigen Waffen undurchdringliche logische Paradoxien, Parallelwelten und sonstiger LSD-Schmarrn. Der kleinbürgerliche Militarismus wandelt sich zum esoterisch-autodidaktischen Schwurbeln über die letzten Dinge. Doch es gelingt dem Film, die dieser Wende zugrunde liegende Kontinuität herauszustellen. Auch in den späten Siebzigern bleibt Perry Rhodan eine reine Männerserie, die vor allem Junggesellen anspricht. Folgt nicht die offensive Sinnlosigkeit und dezidierte Apolitizität dieser Art von Science Fiction lediglich auf umgekehrte Weise der Ideenwelt der Großvätergeneration, für die einzig der Krieg sinnstiftend war? So gesehen wird hier anhand einer Mikrohistorie ein bundesdeutsches Rätsel gelöst, dasjenige einer partiellen Kontinuität zwischen den Spießern der Fünfziger und den Hippies der Siebziger.