"Hast du schon mal zu lange in den Spiegel geschaut?", fragt eine kratzige Stimme. Auf Colleen Wests stark geschminkten Lidern kleben falsche Wimpern, asynchron öffnet sie ihre Augen in Nahaufnahme und fährt fort: "So lange, bis du dich vor dir selbst geekelt hast?"

Colleen West ist Schauspielerin, gespielt von Ellen Barkin. In Shit Year sucht sie nach einem Ich jenseits einer Rolle, ohne Drehbuch und Filmpartner. Sie will ihre Karriere beenden. Selbstbewusst, in glitzernder Strickjacke gibt sie zu Beginn des Films Fernsehinterviews, um ihre Entscheidung für den Ruhestand öffentlich zu machen. Doch unbarmherzig fasst ein Moderator ihre Situation als "das Ende von Allem und dem Anfang vom Nichts" zusammen.

Kurz darauf sieht man sie knutschend mit ihrem blutjungen Schauspielkollegen Harvey West (Luke Grimes), der noch am Anfang seiner Karriere steht und bei dem erfahrenen Hollywood-Star Bestätigung sucht. Zwischen ihnen entfaltet sich eine Beziehung erregter Körperlichkeiten und belangloser Gespräche; der Nachname West scheint das Einzige zu sein, was die beiden gemeinsam haben.


Während Colleen am Beckenrand eines Pools sitzt, die Beine als Schutzschild vor ihrem Körper verschränkt, und versucht ihre Angst mitzuteilen, nach dem Ende ihrer Karriere nichts mehr zu haben, um das es sich zu ängstigen lohne, sieht man Harvey, wie er im Wasser ab- und auftaucht, als würde er in seiner Schönheit baden, und auf die meisten Fragen mit "Ich weiß nicht" antwortet.

Die inhaltliche Leere dieser Verbindung wird durch die Farblosigkeit des Films noch verstärkt. Der 29-jährige Regisseur Cam Archer drehte auf schwarz-weißem 16-mm-Material. Während einer Autofahrt zeigt er Colleen und Harvey von der Rückbank aus. Die Elektronik des Bordcomputers nimmt das Zentrum des Bildes ein und steht in starkem Kontrast zum nostalgischen Schwarz-Weiß. In solchen Momenten wirkt das Fehlen der Farbe ebenso aus der Zeit gefallen wie die Figuren. Archer gelingt es, zwischen Inhalt und Form eine interessante Spannung aufzubauen, die Colleens und Harveys Unvereinbarkeit auch formal zum Ausdruck bringt.

Nachdem Colleen ihren Rückzug aus dem Berufsleben verkündet hat, nimmt sie auch räumlich Abstand von ihrem bisherigen Leben und lässt Los Angeles und damit Harvey hinter sich, um eine Holzhütte im kalifornischen Nirgendwo zu beziehen. In der Einsamkeit der Wälder werden die Erinnerung an den Liebhaber und die unstete Beziehung Auslöser für eine schwere Depression.

In einem riesigen Pelzmantel, die Augen von einer Sonnenbrille verdeckt stapft Colleen durch die Sinnkrise und gesteht ihrem Bruder: "Mein Sein ist voller Schmerz." Sie reagiert auf die plötzliche Trennung von ihrem gewohnten Leben mit einer gesteigerten Sensibilität ihrer Sinneswahrnehmung.

Schon Vogelgezwitscher empfindet sie als Belästigung und der Maschinenlärm einer benachbarten Baustelle bringt sie fast zur Verzweiflung. Während Ellen Barkin ihr Gesicht gekonnt clownesk verzieht und sich ihr Körper wie unter Qualen windet, sorgt das Sounddesign von Archers Bruder Nate dafür, dass auch dem Zuschauer irgendwann die Ohren schmerzen.