Leserartikel

Vicco von BülowDie Würde des Scheiterns

Loriots Humor lebt von seiner detaillierten Darstellung des Lebens, stellt Leser M. Feindler fest. So konnte der Komiker mehrere Generationen zum Lachen bringen.

Als ich auf die Welt kam, war Loriot bereits 65 Jahre alt. Er hätte also durchaus mein Großvater sein können. Politisch und kulturell haben wir demnach völlig unterschiedliche Entwicklungen und Umbrüche erlebt. Die Spannweite reicht vom zweiten Weltkrieg über den kalten Krieg und die Wiedervereinigung bis hin zu all den technischen Neuerungen der vergangenen fünfzig Jahre.

Es wäre naiv, zu glauben, diese Entwicklungen hätten nur einen geringen bis gar keinen Einfluss auf unseren Umgang mit Komik gehabt. Loriot hat das selbst erkannt, als er sich vor fünf Jahren entschied, dem Medium Fernsehen den Rücken zu kehren. Seine Art von Humor passe nicht mehr zum Tempo der heutigen Zeit, begründete er seine Entscheidung. 

Anzeige
Leserartikel auf ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Auch bei Leserartikeln, die unter Pseudonym veröffentlicht wurden, kennt die Redaktion Namen und Anschrift des Autors. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Leserartikel schreiben

Welches Thema brennt Ihnen schon seit Längerem auf der Seele? Was freut, ärgert oder verwundert Sie? Welches Buch, welche Musik oder welchen Film würden Sie gerne einmal auf ZEIT ONLINE rezensieren? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihren Leserartikel. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie alle wichtigen Hinweise, wie Sie beim Verfassen Ihres eigenen Artikels für ZEIT ONLINE vorgehen sollten.

Zur Artikeleingabe

Der ZEIT-ONLINE-Wald

Als symbolisches Dankeschön pflanzen wir für jeden Leserartikel, den wir veröffentlichen, einen Baum. Dabei arbeiten wir mit iplantatree.org zusammen. Zum Start des neuen Leserartikel-Projekts haben wir schon 1000 Bäume in Berlin Friedrichshagen gepflanzt und hoffen, dass daraus im Lauf der Jahre ein ganzer ZEIT-ONLINE-Wald wird. Mehr Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Die Information von Loriots Tod erreichte mich in Form von YouTube-Videos und Kommentaren, die auf Facebook verbreitet wurden. Unvergessliche Sketch-Momente wechselten sich dort mit Zitaten ab, die im Laufe der Jahre von Loriots Drehbüchern in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen sind.

Verglichen mit dem Humor der heutigen sogenannten Comedians fällt auf, dass Loriots Komik eher zurückhaltend, ruhig und geradezu schüchtern wirkt. Pointen wurden von ihm niemals laut erzählt. Er fasste Situationen behutsam an, schuf Szenarien, in deren Aufbau bereits ein Großteil der eigentlichen Komik lag.

Es bedurfte zwangsläufig mehr Zeit, um dem Humor und den Charakteren den nötigen Raum zur Entfaltung geben zu können. Loriots Figuren und ihre Verhaltensweisen waren dabei stets liebevoll in Szene gesetzt. Er verstand es, die menschliche Würde noch im Scheitern, im verletzlichsten Moment zu erhalten. So etwas hat nicht nur Stil, sondern zeugt von Respekt gegenüber allem, was er karikierte. Er verurteilte das Verhalten von Menschen nicht, er wies nur darauf hin. In seiner Erzählweise schwang dabei immer ein nachsichtiges – niemals triumphierendes – Lächeln mit.

Eine treffsichere Beobachtungsgabe und eine detailverliebte Darstellung des Lebens, gepaart mit ungebrochenem Respekt gegenüber allem Menschlichen, machte die Genialität von Loriot und seinen Werken aus. Nur so konnte er das zeigen, was alle Generationen verbindet: die Angst vor dem Scheitern. Dadurch fühlt sich jeder, der sich mit Loriots Werken auseinandersetzt, nicht nur ermutigt, sondern vor allem verstanden.

 
Leserkommentare
  1. Vielen Dank für den schönen, mir aus der Seele sprechenden Artikel!

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. Klasse

    Großes Kompliment für diesen guten Artikel. Sie bringen es wirklich auf den Punkt und würdigen Loriot auf wunderbare Weise. Ehrlich gesagt: Ihr Beitrag ist das Beste, was ich zum Tod des großen Humoristen gelesen habe.

    3 Leserempfehlungen
    • hagego
    • 26.08.2011 um 23:34 Uhr

    Es scheint kein Zufall zu sein, dass ein 22- oder 23-Jähriger, nämlich M. Feindler, sich geradezu emphatisch über den "Großmeister des deutschen Humors", über Vicco von Bülow alias Loriot, äußert.

    Vice versa: Wäre es denkbar, dass ein 80-Jähriger sich in ähnlicher Weise über Mario Barth äußern würde? Eher nicht, denke ich.

    Dann aber wäre doch zu fragen, warum ist das so? Warum hat Loriot Jung und Alt, Bildungsbürger, Jugendliche, Kinder, Rentner und Fernsehfastverweigerer so begeistert? Weil Loriot mit dem Florett auf die Planche (Bühne), kam. Er versetzte seinem Publikum höchstens mal einen leichten Hieb. Am liebsten hätte er sich dafür auch noch entschuldigt. Aber er gewann seine Gefechte, weil er stets gut vorbereitet war, weil er ein untrügliches Gespür für das "Timing" hatte und weil er kaum etwas dem Zufall überließ. Und - das ist besonders wichtig - weil er durch seine Arbeiten stets den Eindruck vermittelte, die Sketche seien alle mit leichter Hand in kurzer Zeit entstanden. Deshalb haben ihn ja auch viele Kritiker immer wieder gedrängt, doch mehr zu schreiben und zu veröffentlichen.

    Loriot war ein herausragender Karikaturist, ein idealer Darsteller seiner eigenen Ideen, ein akribischer, ja, fast besessener Regisseur. Und seine Liebe zur Musik hat wohl dafür gesorgt, dass er Taktgefühl hatte - etwas, was viele Comedians heute vermissen lassen.

    Ein Feind Loriots hätte diesen interessanten Artikel gar nicht schreiben können, es musste wohl ein "Feindler" sein.
    ,-)

  3. Es gibt einen allgemeinen Strom deutschen Humors, und deshalb konnte Loriot nahtlos an den historischen Sketch "Auf der Rennbahn" anschließen.

  4. Es gibt immer in allen Kategorien unserer Kultur die Großen und die Kleinen. Die großen sind immer rar, aber ihre Werke bleiben in Erinnerung. Kleingeister in Sachen Humor mögen temporäre Erfolge haben, aber gottseidank ist die Menschheit noch nicht so verblödet, daß ihre Witze Generationen überleben. Ich bedanke mich hiermit auch für das geistreiche Lebenswerk Loriots.

  5. wenn keiner mehr über den Rasen stolpert, weil er so grün ist.

    Danke für diesen schönen Artikel.
    Danke Loriot.

  6. Seit ich mit 12 das erste mal die Ostsee am Strand von Zinnowitz/Usedom bestaunt habe, zieht es mich einmal jährlich immer wieder in die Gegend.Hab mit meinem alten Herrn damals eine Strandwanderung bis Ahlbeck auf die Seebrücke gemacht.Hab das Seebrückenrestaurant aus dieser Zeit noch als graue Bretterbude in Erinnerung.Loriot als Meister seines Berufes hat natürlich nach November 1989 die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und hat Omas 80.Geburtstag in "Pappa ante portas" in diesem Seebrückenrestaurant über den Ostseewellen stattfinden lassen.Hat dafür aus dem Filmfond das graue Ding freundlich weiß anstreichen lassen.Posthum Vielen Dank dafür und die vielen tollen Sketche.Wer ist übrigens Mario Barth? Tschöööö

  7. Und wir sahen eigentlich alle die Sketchsendungen mit ihm und der unvergesslichen Evelyn Hamann. Tags darauf mühten wir uns in der Schule, die besten Passagen aus der Erinnerung zu repetieren und lachten ein zweites, drittes, viertes Mal über den für den Münzeinwurf vorgesehenen Schlitz der Münzparkautomatik oder den Schlipth von Meredith und Gwyneth Molethworth auth Nether Adlethorp.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service