Zum Tod von Vicco von BülowLoriot, unser Lehrmeister

Loriot verlachte das deutsche Ungeschick gegenüber allem Schönen und Eleganten. Er war der erste, dem das Publikum das erlaubte. Erinnerung an unseren größten Komiker. von 

Loriot, der größte Komiker der Deutschen, ist tot. Er starb am 22. August in Ammerland am Starnberger See, und sofort nach Bekanntgabe der Todesnachricht versammelte sich eine riesige Gemeinde auf YouTube und zelebrierte das gemeinsame Aufrufen von Lieblingsfilmen: Vertreterbesuch, Kosackenzipfel, Bundestagsrede, Astronaut, Badewanne, ein Klavier. Einer der ersten Trauerkommentare lautet: "Der Beste der besten! Dein Humor wird hier fehlen! Viel Spaß da oben…" Loriot war 87 Jahre alt, doch auf Facebook treffen sich nun die Jungen in seinem Namen, sie feiern Loriot, sie rufen ihm nach, sie trauern um ihn.

Loriot entstammt einer alten Offiziersfamilie, und das haben manche Kritiker ihm nicht verziehen. Sie stießen sich an etwas, was sie Aristokratenhumor nannten: Sie warfen Loriot vor, dass durch jede seiner wunderbaren Rollen die Blässe, das Edel-Täppische eines Mannes durchschimmere, der sich mit dem Volk nicht gemein mache. Er sei, so sagten sie, ein herablassender Mechaniker des Humors, ein kalter Kalkulateur des Ungeschicks. Er bleibe noch im Stolpern der Weltmann, der sich von jenen distanziert, über die er stolpert.

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Ein Charakterdarsteller, der sich nicht die Hände schmutzig macht? So haben wir Loriot nie gesehen. Uns erschien er wie ein Pionier: einer, der uns in die Peinlichkeit vorausging. Einer, der den Deutschen ihr eigenes Ungeschick gegenüber allem Schönen, Gelungenen, Eleganten erträglich machte, der Erste, dem sie erlaubten, dass er ihre klammen Umgangsformen verlachte. Denn er tat es ja, wenn man so will, auf eigene Rechnung: In den Höllen der Peinlichkeit, die er sich ausdachte, siedete vor allem er selbst; er war sich stets der beste Darsteller.

"Das Komische ist man selbst", sagte Loriot einmal. "Wer glaubt, Humor bestehe darin, sich über andere Leute lustig zu machen, hat nichts verstanden." Und er sagte: Die Herstellung des Komischen ist ein kalter Vorgang. Man muss es also aushalten, sich selbst zu betrachten.

Früher war mehr Lametta!

"Weihnachten bei Hoppenstedts"

So waren die Figuren, die er spielte: Aristokraten mit dem Zwang zur Selbstbeobachtung. Vor jedem Wort nahmen sie einen Peinlichkeitsanlauf, der im Comicstrip gern mit einem dezenten "Ähem" oder dem Wörtchen "Räusper" benannt wird. Durch Loriots Spiel ging immerzu der Ruck der Selbstüberwindung. Seine Helden fürchteten sich vor der gesellschaftlichen Ächtung. Aber das galt nur bis zu dem Punkt, da Angst in Empörung umschlug und ihnen die Ächtung egal war und die Gesellschaft gleich mit. So gerieten seine Figuren für kostbare Momente außer sich, und für diese Momente lohnte sich das ganze Leben.

Vicco von Bülow wurde am 12. November 1923 in Brandenburg geboren, sein Vater war ein Polizeioffizier mit Neigung zu großen theatralischen Auftritten, er mag im Sohn beides geweckt haben: die Lust am Spiel und das Gespür für das Peinsame jedes Auftritts. Aber es dauerte lange, bis Vicco von Bülow zum großen, zum größten komischen Schauspieler wurde. Zuvor wurde er noch einer der witzigsten Zeichner unseres Landes, Erfinder von Rudolf, dem Nashorn, und Schöpfer des wulstlippigen Knollennasenmännchens, welches als Loriot-Mann in die Cartoon-Geschichte einging.

Fotostrecke: Loriots Zeichnungen
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Um zur Fotostrecke zu gelangen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Loriot/Diogenes Verlag

Loriot hatte als Oberleutnant im Panzergrenadierregiment 3 den Russlandfeldzug mitgemacht und wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter und erster Klasse ausgezeichnet; er sprach kaum über diese Zeit. Es sei schwer, so sagte er später einmal, sich selbst zu verzeihen, derart gut funktioniert zu haben. Eine Regel aber könne er jedem mitgeben, der in einen Krieg ziehe: "Ein stets abrufbarer Vorrat poetischer Selbstgespräche erleichtert das Ertragen irdischer Katastrophen." Man könnte es auch so sagen: Man braucht eine starke, störrische Innenwelt, um eine katastrophale Außenwelt zu überstehen. Am Ausbau dieser Innenwelt hat er nach dem Krieg weiter gearbeitet.

Dass Dickens ein wesentlicher Autor seiner Jugend war, mag geholfen haben: Dickens, der Meister der nicht vernichtenden Karikatur, ist ein Autor, der, wie sein Landsmann Chesterton einmal sagte, seinen Lesern die demokratische Botschaft nahebringe, dass es keine uninteressanten Menschen auf der Welt gebe. Bei Loriot lernt man etwas Verwandtes: es gibt keine unkomischen Menschen. Denn das Komische ist die Differenz zwischen dem, was ein Mensch von sich selbst denkt und dem, was die anderen von ihm denken.

"Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann."

Loriot erhob jeden Menschen zum noblen Wesen, indem er ihm sein eigenes Gesicht gab; er verwickelte ihn in einen heroischen Kampf gegen finstere, unüberwindbare Mächte wie die Schwerkraft, den gesunden Menschenverstand oder jene Nudel, die während einer Liebeserklärung – "sagen Sie jetzt nichts, Hildegard!" – von der Nasenspitze des liebenden Mannes baumelte. Weitere Großfeinde waren: großbürgerliche Tischsitten, Sitzordnungen, kurzum: der Blick der anderen.

Loriot-Figuren sind Zur-Seite-Blicker, Augenwinkel-Advokaten. Sie bewegen sich, als stünden sie dauernd unter Beobachtung, sie reden, als würden sie abgehört; sie wenden für den Schein unverhältnismäßig mehr Lebensenergie auf als fürs Sein. Sie sind, kurz gesagt, immer außer sich.

Leserkommentare
  1. Eine Bockwurst bitte

    Welche darf `s denn sein?

    Wie immer, eine dicke Ammerländer

    Bitte sehr

    Mmh, schmeckt aber heute anders, irgendwie ganz witzig.

  2. lacht selber drüber...! THUMBS UP!

    • cornus
    • 23. August 2011 20:45 Uhr

    ein sehr schöner Artikel. Danke!

  3. lieber Herr im Himmel, gestatte mir den kleinen egoistischen Freudentaumel. Ich glaube, das Bild hängt schief!

    • fragfix
    • 23. August 2011 20:55 Uhr

    Und: "Das Komische ist man selbst", ist ein ganz großartiger Satz.

    • fragfix
    • 23. August 2011 21:00 Uhr

    war ein Versehen. Sorry. Bitte streichen. Danke.

  4. ...und in seinen zum Teil bitterbösen Sketchen erschienen Typen, die jeder irgendwie kennt und die einem fast tagtäglich begegnen - Typen, die auf deren Bekanntschaft man am besten und liebsten verzichten könnte:

    http://www.youtube.com/watch?v=Lbz5sy8jPXA

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    über die wir lachen, sondern wir selbst.
    So habe ich die Äußerungen von Loriot verstanden.
    Er beschreibt nicht irgendwelchen dummen Spießertypen, sondern sich selbst und uns alle.

    in denen wir uns selbst erkennen.

    H.

    Vor allem gibt es keinen dummen Feminismus; das ist ein Widerspruch in sich. Uns daran erinnert zu haben ist das Verdienst von Frau Ranke-Heinemann. Der "Jodeldiplom"-Klassiker bezieht seine Komik genau daraus, dass KEINE Frau dumm genug wäre, so zu reden: "...da regt mich ja die Frage schon auf! Was heißt denn hier 'Sie als Frau'..." usw. Sonst wird an Loriot ja grundsätzlich seine scharfe Beobachtungsgabe geschätzt, aber Ausnahmen...es hat auch definitiv nichts damit zu tun, dass sich vermeintlich emanzipierte Doppelnamen-Frauen in einem solchen Sketch wiedererkennen. NEIN, so etwas gibt nirgends - während, wie Sie - ähnlich verdienstvoll - korrekt darauf hinweisen, dass böse deutsche Spießer überall sind

  5. 8. na ja

    ob er der größte komiker war, dass weiß man nicht.
    er war aber zu recht eine lebende legende.
    und jetzt ist er eine unsterbliche.

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  • Schlagworte Loriot | Astronaut | Brandenburg | Starnberger See | Wuppertal
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