Zum Tod von Vicco von BülowLoriot, unser Lehrmeister
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 Die typische Loriot-Figur ist ein Mann, der dabei ist, den Anschluss zu verlieren

Sie wollen es recht machen, und zwar allen: dem Chef, dem zusehenden Gott, den eigenen Eltern. Heutzutage, etwa in einer U-Bahn, besetzt mit zugestöpselten, unter Kapuzen versunkenen, Röntgenblicke durch die Wände schickenden Gelegenheitsautisten, würde die typische Loriot-Figur vermutlich buchstäblich vertrocknen, ausgesetzt in einer sozialen Wüste, in der es keinen gibt, der ihn wahrnimmt und seine Signale wenigstens ignoriert: denn heute ist es ja Comment und Gebot, dass man einander demonstrativ für unsichtbar hält, dass man einander nicht sieht und nicht hört.

Eine Hausfrau hat das im Gefühl.

"Das Frühstücksei"

In der Öffentlichkeit von heute, so könnte man sagen, ist jeder am Rand und jeder allein. Loriots Komik aber entfaltet sich in der Mitte. Seine Helden sind Menschen der Mitte, die sich vor den Rändern fürchten. Im Gegensatz zu Chaplins Figuren, den Wanderern und Nomaden, die immer schon außerhalb stehen, haben Loriots Helden noch ihren Status, ihre Balance und ihren Ruf zu verlieren. Die Hausfrau, die erst dem Staubsaugervertreter und dann dem Weinhändler die vormittägliche Wohnung öffnet, Herr Hoppenstedt, der sich in einen Kosakenzipfel verbeißt, Dr. Klöbner, der in der Badewanne seine Hoheitsgewässer gegen den perfiden Müller-Lüdenscheid verteidigt, Herr Lindemann, dessen Tochter demnächst in Wuppertal eine Herrenboutique mit dem Papst eröffnet: Sie verlieren ihr Gesicht, während wir dabei sind. Es geht ihnen wie dem honorigen Dr. Jekyll, der sich in den monströsen Mr. Hyde verwandelt: Sie stürzen in ihre eigenen Abgründe.

Die typische Loriot-Figur ist eher ein Mann von gestern als einer von heute oder gar von morgen. Dieser Mann ist gerade dabei, den Anschluss zu verlieren an die Gegenwart, den Mainstream, die aktuellen Sitten, er ist verwirrt, was er aber panisch vertuscht. Er versteht die Regeln nicht mehr, immerzu stellt er sich auf die Zehenspitzen, schaut sich um, sucht Hinweise, Anhaltspunkte, wie er sich benehmen soll. Es ist eine versunkene Welt, aus der er stammt und die sich in ihm zeigt. Deshalb hat Loriot uns immer auch gerührt.

Es ist noch eine alte Galanterie um ihn, ein "Heißa, was kost’ die Welt", aber eben nur noch in Resten: Dieser Mann wird von seinen männlichen Trieben nicht verwöhnt, sondern bloß gepeinigt. Er ist ein Mann, der sich zu benehmen weiß, leider aber existiert keine Welt mehr, in der diese Benimmregeln gelten. Er weiß, wie man einen Handkuss über dem Damenhandrücken niederschweben lässt, aber er versteht es nicht, seiner Erwählten einen leidenschaftlichen Liebeskuss zu geben. Wohin nur mit den Nasen? Er ruft empört und verzweifelt: "Die anderen machen es doch auch!"

Er weiß, dass Männer eigentlich Autorität haben, dass es sich gehört, dass andere aufblicken, wenn er das Restaurant betritt; die anderen schauen dann schon alle auf bei Loriot, aber eben erst dann, wenn er einen Stuhl umgeworfen hat oder wenn er, schlimmste Höllenstrafe, unter Beobachtung der Meute die Kalbshaxe verzehrt, die ihm der Kellner ("schmeckt’s?!") gebracht hat.

Leser-Kommentare
  1. Eine Bockwurst bitte

    Welche darf `s denn sein?

    Wie immer, eine dicke Ammerländer

    Bitte sehr

    Mmh, schmeckt aber heute anders, irgendwie ganz witzig.

  2. lacht selber drüber...! THUMBS UP!

    • cornus
    • 23.08.2011 um 20:45 Uhr

    ein sehr schöner Artikel. Danke!

    7 Leser-Empfehlungen
  3. lieber Herr im Himmel, gestatte mir den kleinen egoistischen Freudentaumel. Ich glaube, das Bild hängt schief!

  4. Und: "Das Komische ist man selbst", ist ein ganz großartiger Satz.

  5. war ein Versehen. Sorry. Bitte streichen. Danke.

  6. ...und in seinen zum Teil bitterbösen Sketchen erschienen Typen, die jeder irgendwie kennt und die einem fast tagtäglich begegnen - Typen, die auf deren Bekanntschaft man am besten und liebsten verzichten könnte:

    http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    über die wir lachen, sondern wir selbst.
    So habe ich die Äußerungen von Loriot verstanden.
    Er beschreibt nicht irgendwelchen dummen Spießertypen, sondern sich selbst und uns alle.

    in denen wir uns selbst erkennen.

    H.

    Vor allem gibt es keinen dummen Feminismus; das ist ein Widerspruch in sich. Uns daran erinnert zu haben ist das Verdienst von Frau Ranke-Heinemann. Der "Jodeldiplom"-Klassiker bezieht seine Komik genau daraus, dass KEINE Frau dumm genug wäre, so zu reden: "...da regt mich ja die Frage schon auf! Was heißt denn hier 'Sie als Frau'..." usw. Sonst wird an Loriot ja grundsätzlich seine scharfe Beobachtungsgabe geschätzt, aber Ausnahmen...es hat auch definitiv nichts damit zu tun, dass sich vermeintlich emanzipierte Doppelnamen-Frauen in einem solchen Sketch wiedererkennen. NEIN, so etwas gibt nirgends - während, wie Sie - ähnlich verdienstvoll - korrekt darauf hinweisen, dass böse deutsche Spießer überall sind

    über die wir lachen, sondern wir selbst.
    So habe ich die Äußerungen von Loriot verstanden.
    Er beschreibt nicht irgendwelchen dummen Spießertypen, sondern sich selbst und uns alle.

    in denen wir uns selbst erkennen.

    H.

    Vor allem gibt es keinen dummen Feminismus; das ist ein Widerspruch in sich. Uns daran erinnert zu haben ist das Verdienst von Frau Ranke-Heinemann. Der "Jodeldiplom"-Klassiker bezieht seine Komik genau daraus, dass KEINE Frau dumm genug wäre, so zu reden: "...da regt mich ja die Frage schon auf! Was heißt denn hier 'Sie als Frau'..." usw. Sonst wird an Loriot ja grundsätzlich seine scharfe Beobachtungsgabe geschätzt, aber Ausnahmen...es hat auch definitiv nichts damit zu tun, dass sich vermeintlich emanzipierte Doppelnamen-Frauen in einem solchen Sketch wiedererkennen. NEIN, so etwas gibt nirgends - während, wie Sie - ähnlich verdienstvoll - korrekt darauf hinweisen, dass böse deutsche Spießer überall sind

  7. 8. na ja

    ob er der größte komiker war, dass weiß man nicht.
    er war aber zu recht eine lebende legende.
    und jetzt ist er eine unsterbliche.

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