Alltagskatastrophen hießen auf einmal "Loriot-Situationen"
Bei Loriot lernen wir: Nur wer außerhalb der Gesellschaft steht, kann bei sich sein. Wenn Chaplins Figuren stolpern, dürfen sie auch fallen; sie haben nichts zu verlieren. Und jeder Sturz scheint paradoxerweise ihre Freiheit und Grazie zu steigern. Wenn Loriot stolpert, steht alles auf dem Spiel. Eine Loriot-Figur muss mit aller Kraft vertuschen, dass sie gestolpert ist, und diese Vertuschungsarbeit kann sie für Minuten aus der Bahn werfen.
Wer dauernd vertuscht, fühlt sich auch dauernd schuldig. Da hierzulande keiner hingebungsvoller, demütiger stolperte als Loriot, wuchs er uns ans Herz – so wie einem Freigesprochenen der Anwalt ans Herz wächst, der ihn vor Gericht rausgepaukt hat. Unser größter Komiker hat dem Hohen Gericht nämlich dargelegt, dass wir alle in Notwehr handeln. Leben, beweist Loriot, ist eigentlich nicht zumutbar.
Krawehl, krawehl! Taubtrüber Ginst am Musenhain trübtauber Hain am Musenginst Krawehl, krawehl!
Loriot als Dichter Lothar Frohwein in "Papa ante Portas"
Aus Loriots berühmter Feststellung, dass Männer und Frauen "eigentlich" nicht zusammenpassen, lässt sich alles Übrige ableiten: Dass Loriot-Dialoge immer Missverständnisse sind, dass der Herr, der im fremden Haus ein Bild gerade rücken will, in bester Absicht das ganze Mobiliar zertrümmert, dass am Ende der Geburtstagsfeier der Jubilar selbst, gespielt von Loriot, sich alter Zausel nennen lassen muss, dass im TV-Interview der Verwaltungsinspektor von den Höhenbelastungen berichten muss, denen er an seinem Arbeitsplatz (zweiter Stock) ausgeliefert ist.
Es leuchtet auch ein, dass Loriots schönste Figuren seine TV-Ansager und Moderatoren sind: Das Fernsehen ist unser absurdestes Kommunikationsmittel, und kein anderer führt Tele-Kommunikation so gaumig ad absurdum wie Loriot:
"Sie waren bereits zweimal auf einer Mondumlaufbahn…"
"Nein."
"Ah nicht aha aso ... aber schließlich sind Sie ja Astronaut, nicht wahr…"
"Nein."
"Nicht? Ah ja."
Ah so. Jjjja! Achwas. Aha. Diese gehauchten Fermaten der Vergeblichkeit, der misslingenden Kommunikation, welche Loriots Sketche durchwehen – es sind musikalische Lösungen, feine Tröstungen für die Zumutungen der Sprache.
In diesem Land, über dem das harsche Postulat des Entweder-Oder schwebt (entweder man fällt hin oder man geht aufrecht, entweder man lässt sich gehen oder man reißt sich gefälligst zusammen), gehört Loriot zu den wenigen, die glaubhaft das Recht aufs Sowohl-als-auch, aufs aufrechte Stolpern und würdevolle Scheitern einklagen.
Der Komiker Vicco von Bülow hat etwas Einmaliges geschafft, nämlich die Einführung eines Gattungsbegriffs in die Umgangssprache, die Umbenennung von Alltagskatastrophen in "Loriot-Situationen". Noch heute werden tausend kleine Zumutungen dadurch erträglich, ja geradezu erhöht und sozusagen in den großen Kanon aufgenommen, dass einer der Beteiligten ausruft: "Das ist ja wie bei Loriot."
Wenn aber etwas so ist wie bei Loriot, das können sich auch die Nachgeborenen zum Trost merken, dann kann es auf keinen Fall sinnlos sein. Im Gelächter über ihn ahnte man etwas Seltenes: das Gefühl eines Zusammenhangs. Wer soll ihn jetzt herstellen?








Eine Bockwurst bitte
Welche darf `s denn sein?
Wie immer, eine dicke Ammerländer
Bitte sehr
Mmh, schmeckt aber heute anders, irgendwie ganz witzig.
lacht selber drüber...! THUMBS UP!
ein sehr schöner Artikel. Danke!
lieber Herr im Himmel, gestatte mir den kleinen egoistischen Freudentaumel. Ich glaube, das Bild hängt schief!
Und: "Das Komische ist man selbst", ist ein ganz großartiger Satz.
war ein Versehen. Sorry. Bitte streichen. Danke.
...und in seinen zum Teil bitterbösen Sketchen erschienen Typen, die jeder irgendwie kennt und die einem fast tagtäglich begegnen - Typen, die auf deren Bekanntschaft man am besten und liebsten verzichten könnte:
http://www.youtube.com/wa...
über die wir lachen, sondern wir selbst.
So habe ich die Äußerungen von Loriot verstanden.
Er beschreibt nicht irgendwelchen dummen Spießertypen, sondern sich selbst und uns alle.
in denen wir uns selbst erkennen.
H.
Vor allem gibt es keinen dummen Feminismus; das ist ein Widerspruch in sich. Uns daran erinnert zu haben ist das Verdienst von Frau Ranke-Heinemann. Der "Jodeldiplom"-Klassiker bezieht seine Komik genau daraus, dass KEINE Frau dumm genug wäre, so zu reden: "...da regt mich ja die Frage schon auf! Was heißt denn hier 'Sie als Frau'..." usw. Sonst wird an Loriot ja grundsätzlich seine scharfe Beobachtungsgabe geschätzt, aber Ausnahmen...es hat auch definitiv nichts damit zu tun, dass sich vermeintlich emanzipierte Doppelnamen-Frauen in einem solchen Sketch wiedererkennen. NEIN, so etwas gibt nirgends - während, wie Sie - ähnlich verdienstvoll - korrekt darauf hinweisen, dass böse deutsche Spießer überall sind
über die wir lachen, sondern wir selbst.
So habe ich die Äußerungen von Loriot verstanden.
Er beschreibt nicht irgendwelchen dummen Spießertypen, sondern sich selbst und uns alle.
in denen wir uns selbst erkennen.
H.
Vor allem gibt es keinen dummen Feminismus; das ist ein Widerspruch in sich. Uns daran erinnert zu haben ist das Verdienst von Frau Ranke-Heinemann. Der "Jodeldiplom"-Klassiker bezieht seine Komik genau daraus, dass KEINE Frau dumm genug wäre, so zu reden: "...da regt mich ja die Frage schon auf! Was heißt denn hier 'Sie als Frau'..." usw. Sonst wird an Loriot ja grundsätzlich seine scharfe Beobachtungsgabe geschätzt, aber Ausnahmen...es hat auch definitiv nichts damit zu tun, dass sich vermeintlich emanzipierte Doppelnamen-Frauen in einem solchen Sketch wiedererkennen. NEIN, so etwas gibt nirgends - während, wie Sie - ähnlich verdienstvoll - korrekt darauf hinweisen, dass böse deutsche Spießer überall sind
ob er der größte komiker war, dass weiß man nicht.
er war aber zu recht eine lebende legende.
und jetzt ist er eine unsterbliche.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren