Vaterlandsverräter sitzt der Schriftsteller Paul Gratzik im strahlend weißen Hemd mit kurzem Schlips und Hut der Kamera gegenüber und rudert über einen See. Noch immer sieht er gut aus, der 75-Jährige. Aus dem Off ist die Stimme der Filmemacherin Annekatrin Hendel zu hören: Es habe sie immer beschäftigt, wie das war, wenn er einen Bericht über einen Menschen schreiben sollte, den er mochte. Gratzik antwortet ohne Zögern. Es gebe nur einen Bericht über jemanden, den er sehr gemocht habe. Die ganze Zeit habe dabei ein Satz seiner Mutter an ihm genagt: "Der größte Feind im ganzen Land das ist und bleibt der Denunziant." Hendel will es genauer wissen und hakt nach: "Der Satz hat also an Dir genagt." Da zerbricht plötzlich die ruhige Atmosphäre des schönen Sommertags und Gratzik verliert die Fassung. Aufgebracht sagt er: "Schluss jetzt! Der hat nicht genagt, ich hab' viel zu wenig Leute angeschissen! Bist du jetzt zufrieden! Ich geh über Bord." Und: "Ich hör diese scheiß westdeutschen Filmfragen genau raus!"

Ein Sommertag im Ruderboot. Am Anfang von

Zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem Versuch, aufrichtig zu sein, und der Wut über sich selbst und über die, die zu wissen meinen, wie es war, bewegt sich der Dokumentarfilm Vaterlandsverräter von Annekatrin Hendel. Zwischen 1962 und 1980 hatte Paul Gratzik in der DDR für die Staatssicherheit über Freunde und Bekannte aus der Künstlerszene berichtet. 1980 enttarnte er sich selbst und wurde daraufhin seinerseits von der Stasi überwacht.


In Hendels Film geht es um das Leben Gratziks, den Arbeiterschriftsteller, den Liebhaber, den IM.

1935 geboren, war der gebürtige Ostpreuße als eines von sechs Kindern aufgewachsen. Am Ende des Krieges flieht er zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Mecklenburg. Dort will die kinderreiche Familie keiner haben. In den fünfziger Jahren lernt Gratzig Tischler, arbeitet zeitweise im Ruhrgebiet, nimmt einen Anlauf zum Abitur an der Abendschule, studiert am Institut für Lehrerbildung in Weimar und beginnt Anfang der sechziger Jahre zu schreiben. Seit 1971 ist er im DDR-Schriftstellerverband und hauptberuflich Autor, geht aber 1974 wieder zurück "in die Produktion", das heißt, er arbeitet im VEB Transformatorenwerk Dresden.

Im Laufe der Zeit wird Grazik zu einer der schillerndsten Figuren der DDR-Literatur, als Arbeiterschriftsteller, aber auch als schöner Mann, dem die Frauen zu Füßen liegen. Er ist der Geliebte der sehr viel älteren Schauspielerin Steffie Spira und der Opernsängerin Renate Biskup. Und dann beichtet er seinen Freunden, unter ihnen Heiner Müller, dass er sie ausspioniert hat.

Nach der Enttarnung kann Gratzik in der DDR nicht mehr veröffentlichen, viele Freunde wenden sich von ihm ab. Heute lebt er allein auf einem alten Bauernhof in der Uckermark. Im Film sieht man ihn im Winter auf die entfernt stehende Kamera zulaufen. Ein schwarzer Punkt im weißen Schnee. "Auch Verräter leiden", sagt er. Der Winter setzt ihm zu, er ist den ganzen Tag damit beschäftigt, seinen Ofen zu heizen. Und damit, sich Alkohol-Nachschub aus dem Keller zu holen.