Regisseur Andreas DresenEin Preis gegen die Trivialisierung des Kinos

Der Regisseur Andreas Dresen und der Produzent Peter Rommel haben den Douglas-Sirk-Preis des Hamburger Filmfests bekommen. Als erste Deutsche. von 

Im Laufschritt kamen Regisseur Andreas Dresen und Produzent Peter Rommel die Kinotreppe hinab zur Bühne. Überglücklich nahmen sie am Samstagabend beim Hamburger Filmfest den Douglas-Sirk-Preis entgegen, eine Statue aus Kristall. Sie wurden damit für ihre Verdienste für die Filmkultur geehrt. Dresen und Rommel sind als erste Deutsche und als erstes Team überhaupt mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet worden. "Das schönste ist für mich, diesen Preis zusammen mit Peter Rommel zu bekommen", sagt Dresen. "Mit ihm kann man Film als ein Abenteuer begreifen, nicht als Industrie." Die beiden sind seit mehr als 20 Jahren befreundet und haben preisgekrönte Filme wie Halbe Treppe , Wolke 9 und Sommer vorm Balkon zusammen realisiert.

Ihr neuester gemeinsamer Film Halt auf freier Strecke wurde im Frühjahr in Cannes in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet . Albert Wiederspiel, der Leiter des Filmfests Hamburg, sagte, er habe sich dort "spontan entschieden, Andreas Dresen und Peter Rommel den Douglas-Sirk-Preis zu überreichen". Sirk wurde 1897 als Hans Detlef Sierck in Hamburg geboren, drehte zunächst für die Ufa und später in Hollywood Filme. Frühere Preisträger sind Clint Eastwood, Jodie Foster, David Cronenberg, Jim Jarmusch und Wong Kar-Wai.

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Halt auf freier Strecke erzählt vom Sterben des krebskranken Frank Lange. Seine Frau Simone tut alles dafür, dass ihr Mann in der Familie bleibt. Wie die Familie sich mit dem nahen Tod auseinandersetzt, wie Franks Persönlichkeit sich durch den Hirntumor verändert, wie er die Welt und sich selbst zunehmend nicht mehr begreift, zeigt Dresen ganz nah. Rührend hält die Familie zusammen, obwohl die Krankheit und das Sterben ihre Kraft fast übersteigen; nur selten und voller Scham wagt Simone zu sagen, dass sie nicht mehr könne.

Dresen arbeitete mit den hervorragenden Hauptdarstellern Milan Peschel (Frank) und Steffi Kühnert (Simone) zusammen, sowie den Filmkindern Mika (Mika Nilson Seidel) und Lilli (Talisa Lilli Lemke). Der Arzt Uwe Träger, der die Diagnose Hirntumor stellt, und die Palliativmedizinerin Petra Anwar, die Langes zu Hause begleitet, sind echte Ärzte. Andreas Dresen und Dramaturgin Cooky Ziesche recherchierten für ihren Film unter anderem in Krankenhäusern und Sterbehospizen. Die Szenen und Dialoge wurden spontan entwickelt, was dem Film eine halbdokumentarische Anmutung gibt.

Der Laudator Joachim Gauck, bekennender Nicht-Cineast, fand bewegende Worte für und über den Film. Der frühere Pastor hob hervor, dass Halt auf freier Strecke das Allzumenschliche und damit auch die menschliche Schwäche, Hingabe und Verantwortung für den anderen zeige. Aus der Tragödie werde ein Liebesfilm, "uns begegnet, wonach alle Menschen sich sehnen: Liebe". Gauck dankte Dresen und Rommel: "Ich bin mit Furcht auf die Begegnung mit dem Film zugegangen. Und am Ende war ich ein glücklicher Mensch, obwohl ich am Unglück anderer teilhatte." Die Hingabe an einen Partner, der seine Liebesfähigkeit verliert, das Aushalten in Würde und den Verzicht auf Flucht im Angesicht des Todes – "wo derartiges geschieht, sind wir in der Nähe des Paradieses".

Gauck beglückwünschte auch die "mutige Jury", die den Film durch die Auszeichnung prominent platziert und damit ein "Hoffnungszeichen gegen Trivialisierung, Banalisierung und Infantilisierung des Films" gesetzt habe. Auch die Vorrednerin Barbara Kisseler, Kultursenatorin Hamburgs, hatte zuvor die Film- und Fernsehbranche kritisiert und Zuschauerapplaus geerntet: "Die Degetoisierung des Filmgeschäfts ist schon viel zu weit fortgeschritten."

Andreas Dresen dankte seinem nur siebenköpfigen Team, mit dem er den Film drehen konnte. Den Douglas-Sirk-Preis nehme er "stellvertretend für die Menschen entgegen, mit denen wir diese Filme machen"; er nannte unter anderem Steffi Kühnert, Milan Peschel, Axel Prahl. Und so war es nur richtig, dass Gabriela Maria Schmeide, die 2000 Die Polizistin in Dresens gleichnamigem Film spielte, in weinrotem Glitzerkleid die Glückwünsche sang. Bis ans Ende der Welt könne man mit Dresen und Rommel reisen, mindestens aber bis Frankfurt an der Oder: "Welch Schicksal, euch begegnet zu sein!"

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Leserkommentare
  1. heißt der gute Mann.

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    Redaktion

    Liebe/r VinhVinh,

    danke für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Mit bestem Gruß
    D. Hugendick

  2. Redaktion

    Liebe/r VinhVinh,

    danke für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Mit bestem Gruß
    D. Hugendick

    Antwort auf "Wong Kar-Wai..."
  3. Kino ist eine Unterhaltungsmedium, das deutsche Kino leidet eher an Überfrachtung auf der einen Seite oder plattem Kitsch auf der Anderen, wirklich gutes Kino ist eher die Ausnahme.
    Das ernste Themen durchaus auch im Kino transportiert werden können, haben so manche amerikanischen Blockbuster demonstriert. Aber nur, wenn der Unterhaltungswert das zuließ. Z.B. Rainmam oder auch Forest Gump, aber auch die Antikriegsfilme von Clint Eastwood.
    Dabei steht eingentlich völlig zu Recht nie das ernste Thema selbst im Mittelpunkt und das ist auch gut so.
    Denn wer ins Kino geht will unterhalten werden. Menschen sind durchaus bereit bei einer guten Geschichte die ernsten Untertöne zur Kenntnis zu nehmen, ja sogar zum Nachdenken angeregt zu werden. Aber zuerst muss immer eine gute Geschichte erzählt werden, deren Realitätsgehalt immer zweitrangig ist, selbst wenn die Realität selbst mal eine gute Geschichte hergibt.

    Denn was nützt einem die seriöseste Darstellung ernster Zusammenhänge, wenn kaum einer sie sehen will? Nur Masochisten genießen in ihrer Freizeit die Probleme der Welt und ins Kino geht man des Genusses wegen.

    H.

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    "Denn was nützt einem die seriöseste Darstellung ernster Zusammenhänge, wenn kaum einer sie sehen will? Nur Masochisten genießen in ihrer Freizeit die Probleme der Welt und ins Kino geht man des Genusses wegen."
    Sie scheinen eines zu vergessen:
    Genuss liegt im Auge des Betrachters. Ich kann auch Filme ohne Effekt-Hascherei geniessen. Es kommt auch immer auf die Intelligenz der Zuschauer an.

  4. als "Hoffnungszeichen gegen Trivialisierung, Banalisierung und Infantilisierung des Films".
    Dabei standen Douglas Sirks`Kitsch-Filme gerade für Trivialisierung, Banalisierung und Infantilisierung des Films.

  5. "Denn was nützt einem die seriöseste Darstellung ernster Zusammenhänge, wenn kaum einer sie sehen will? Nur Masochisten genießen in ihrer Freizeit die Probleme der Welt und ins Kino geht man des Genusses wegen."
    Sie scheinen eines zu vergessen:
    Genuss liegt im Auge des Betrachters. Ich kann auch Filme ohne Effekt-Hascherei geniessen. Es kommt auch immer auf die Intelligenz der Zuschauer an.

    Antwort auf "Gegen Trivialisierung?"
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    Doch geht es nicht um Effekthascherei, sondern um eine gute Geschichte.
    Effekthascherei kann auch gute Unterhaltung sein, allein ist sie es aber niemals.

    H.

  6. Doch geht es nicht um Effekthascherei, sondern um eine gute Geschichte.
    Effekthascherei kann auch gute Unterhaltung sein, allein ist sie es aber niemals.

    H.

    Antwort auf "@hermann.12"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Andreas Dresen | Joachim Gauck | Regisseur | Axel Prahl | Wong Kar-wai | Hamburg
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