Flöten- und Glockenklänge untermalen die sanfte Stimme eines Erzählers. Die Sonne sinkt im Zeitraffer; schwarze Wolken ziehen sich zusammen, bevor sie durch Aufnahmen von Hochhäusern und vorbeifahrenden Autos überblendet werden. Auf den Großstadtverkehr wiederum werden Bilder von magischen Filmfiguren projiziert.

Worum geht’s hier wohl? Ums Unbewusste und die Suche nach Spiritualität in der modernen, rationalen Welt. Der Dokumentarfilmer Rüdiger Sünner erklärt in Nachtmeerfahrten zum 50. Todestag des Schweizer Psychologen C.G. Jungs dessen Theorie vom kollektiven Unterbewusstsein.

Es ist ein informativer, sehr detailliert recherchierter Film. Er beschreibt, wie Jungs Psychologie der Archetypen entstand. Zwischen die chronologische Nacherzählung von Jungs Leben (1875 - 1961) schneidet Sünner immer wieder Gedanken von Psychologen wie Eugen Drewermann, Verena Kast und Hinderk Emrich. Wir erfahren, wie Jungs lebenslange Faszination für die Natur, für Mythen und Träume und die Innenwelt von Wahnsinnigen seine Ideen prägte. Auch seine Erfahrungen aus zwei Weltkriegen und Eindrücke seiner ausgedehnten Weltreisen flossen in seine Theorie ein.


Der Film hätte gewonnen, würde er den Zuschauer nicht mit esoterischen Klängen belästigen. Wäre das Dunkle, das nie ganz verständliche Spirituelle, das C.G. Jung im Gegensatz zum Taghellen der Rationalität so faszinierte nicht immer wieder mit plätscherndem Wasser, Höhlen und Feuerflackern bebildert worden. Auch wenn der Regisseur seine Bilder und Effekte sehr kunstvoll aufgenommen hat, sind sie oft enervierend plakativ: Spricht der Erzähler von Petroleumlampen, den einzigen Lichtquellen in Jungs Turm am Zürichsee, flackert die Flamme einer Petroleumlampe. Geht es um germanische Mythen, sehen wir deutschen Wald.

Schon als Kind war der Schweizer Pfarrerssohn Carl Gustav auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen, aber er fand wahre Ergriffenheit nicht in der Kirche, sondern auf dem Berggipfel. Er beschäftigte sich mit seinen Träumen und Tagträumen. Später, als junger Arzt in der Psychiatrie, meinte er zu beobachten, dass die Wahrnehmung von Geisteskranken nicht einfach irre geleitet sei, sondern darin ein archaisches Denken zum Vorschein komme, das das rationale verdränge. Die Kranken nutzten kollektive Bilder, so Jung, die auch in Märchen und Mythen immer wiederkehren.

Während des ersten Weltkriegs, in dem er auch als Arzt gearbeitet hatte, stellte sich Jung die Frage, warum Menschen lieber ihre Brüder töten, als in sich selbst nach ihren Schatten zu suchen. Er forschte danach – unter anderem auf Reisen nach Afrika, Mexiko und Indien. Dort begeisterte ihn die Nähe der Menschen zu ihren dunklen Seiten, wie Schöpferisches und Zerstörerisches nebeneinander existieren durfte. Doch das Streben nach dem Nirwana stieß ihn ab. Deshalb begann er, sich mit Alchemie und der Mythenwelt der Germanen zu beschäftigen.

Bei aller offensichtlichen Sympathie für Jungs Ideen erzählt Regisseur Rüdiger Sünner auch von Jungs Egoismus und Eitelkeit. Wie seine Patientin Sabina Spielrein zu seiner Geliebten und später zur Kollegin wird und sowohl von Jung als auch von Freud respektlos ausgenutzt wird. Die beiden Freunde, die sich später überwerfen, übernahmen Spielreins Idee vom Todestrieb, ohne sie je zu erwähnen. Der kanadische Regisseur David Cronenberg hat sich ihrer Geschichte in seinem Film "Eine dunkle Begierde" angenommen, der im November in die Kinos kommt.