C.G. Jung-DokumentationFahrt durchs Dunkle
Seite 2/2:

Das Kino als Mythenstifter

Das düsterste Kapitel in Jungs Leben ist jedoch, wie er sich von den Faschisten vereinnahmen ließ. Während der Jude Sigmund Freud von den Nazis verteufelt wurde, ließ sich C.G. Jung hofieren und für den Rassenwahn instrumentalisieren. Öffentlich hat sich Jung nie davon distanziert.

Eine Art von Aufarbeitung war es für ihn, sich mit der Entstehung des Bösen auseinanderzusetzen. Er kam zu dem Schluss, dass es nicht ferngehalten werden kann, wie es die christlichen Märtyrer mit ihren Speeren gegen die Drachen versuchten. Laut Jung muss das Böse ins Bewusstsein integriert werden. Er strebte nach seelischer Ganzheit und wollte die Rationalität mit der Seele versöhnen. Der Mensch muss hinabsteigen in die Depression, um die Angst vor dem Dunklen zu verlieren.

Die Nachtmeerfahrt, die dem Film den Titel gibt, ist Sünners Bild für diesen Weg, das er bei Jung entliehen hat.

Die Kinowoche auf ZEIT ONLINE

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts dieser Woche

Fünf Jahre Leben (Deutschland, Regie: Stefan Schaller)
11 Freundinnen (Deutschland; Regie: Sung-hyung Cho)
Mutter und Sohn (Rumänien; Regie: Calin Peter Netzer)

Ab 15. Mai berichtet ZEIT ONLINE von den Filmfestspielen in Cannes

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Vergangene Filmwoche

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts vergangenen beiden Wochen:

Der große Gatsby(Australien, USA; Regie: Baz Luhrmann)
Paradies: Hoffnung (Frankreich, Österreich, Deutschland; Regie: Ulrich Seidl)
Evil Dead (USA; Regie: Fede Alvarez)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Ihre Rezension

Haben Sie diesen Film bereits gesehen? Wie hat er Ihnen gefallen? Oder hat Sie in letzter Zeit ein anderer Film besonders beeindruckt oder enttäuscht? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihre Filmrezension. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen. In unseren Leserartikel-FAQ erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen sollten.

Der Film will nicht nur eine Hommage zum 50. Todestag sein, sondern behauptet glaubwürdig, dass die Suche nach Religiösem auch jenseits der Kirchen viele Menschen aktuell umtreibt. Besonders gut lässt sich das im Kino erkennen. Spirituelle und angsteinflößende Sujets locken das Publikum. Harry Potter muss das Böse in sich akzeptieren und Todeserfahrungen überstehen. In Melancholia ist der Weltuntergang gleichzeitig Faszinosum und pure Angst. Wir schrecken zurück und wollen es doch durchleben.

Irgendwann sagt die Psychologin Verena Kast, dass Filmbilder die Funktion der Märchen ersetzt haben. Große Filme, auch die, die sich nicht explizit mit dem Unbewussten oder Märchenwelten beschäftigen, stützen sich immer wieder auf uralte archetypische Strukturen – auf das kollektive Unbewusste. Das hält C.G. Jung aktuell.

 
Leserkommentare
  1. Tja, mit der Aussage "Eine Art von Aufarbeitung war es für ihn, sich mit der Entstehung des Bösen auseinanderzusetzen. Er kam zu dem Schluss, dass es nicht ferngehalten werden kann, wie es die christlichen Märtyrer mit ihren Speeren gegen die Drachen versuchten. Laut Jung muss das Böse ins Bewusstsein integriert werden." Kann man auch sagen, dass er nichts aufgearbeitet hat, sondern so getan hat als ob sein verhalten OK war, da ja das Böse dazugehört.

    So faszinierend Jungs Gedanken auch sind, so muss man doch erkennen, dass er einiges falsch gemacht hat und davon einiges wohl noch nicht mal bereut hat.

    Eine Leserempfehlung
  2. Daß Jung sich von den Nazis hofieren ließ, habe ich bisher nicht gewusst. Das wirft für mich ein ganz neues Licht auf ihn. Mir war er bisher jedenfalls immer viel sympatischer, als Kollege Freud mit seiner Aggressionstheorie. Aber ich kann über C.G. Jung nicht weiter urteilen, weil ich mich mit ihm und seinen Theorien bisher nicht tiefer beschäftigt habe. Deshalb bin ich dankbar für den Artikel, möchte mir den Film auch ansehen. Das mit den Nazis interessiert mich nun wirklich. Vielleicht war es ja auch ganz anders?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich muss sagen, dass es mir ganz genau so geht. Mir war es völlig unbekannt, dass sich Jung von den Nazis hofieren ließ. Und ich würde gern mehr darüber wissen. Schon allein deswegen werde ich mir diesen Film anschauen.
    C. G. Jung hatte z.B. auch Kontakt zu Hesse, einem erklärten Antifaschisten und Nazi Gegner. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass er allen Ernstes mit den Nazis sympathisiert hat. Obwohl ja auch das ganz anderen, hoch entwickelten Geistern seiner Zeit "passiert" ist. (Benn, Heidegger...) Was natürlich keine Entschuldigung sein kann, und soll. Im Gegenteil, verstehen möchte man es.

    Ich muss sagen, dass es mir ganz genau so geht. Mir war es völlig unbekannt, dass sich Jung von den Nazis hofieren ließ. Und ich würde gern mehr darüber wissen. Schon allein deswegen werde ich mir diesen Film anschauen.
    C. G. Jung hatte z.B. auch Kontakt zu Hesse, einem erklärten Antifaschisten und Nazi Gegner. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass er allen Ernstes mit den Nazis sympathisiert hat. Obwohl ja auch das ganz anderen, hoch entwickelten Geistern seiner Zeit "passiert" ist. (Benn, Heidegger...) Was natürlich keine Entschuldigung sein kann, und soll. Im Gegenteil, verstehen möchte man es.

  3. Wie sie ja selber schreiben: "Vielleicht war es ja auch ganz anders?"

    Obwohl ich kein besonders grosser Freund der Psychologie von Jung bin, so will ich ihm gerne zugestehen, dass er mit seiner Zeit besseres anzufangen wusste, als sich bei einem Volk zu entschuldigen, dass ja den Herrn aus Braunau selber an die Macht gewählt hat!

    Vielleicht sollte man auch bei der ZEIT vielleicht ein wenig länger darüber nachdenken, wen man denn am besten so einen Artikel schreiben lässt. Jemand dem so viel an politischer Korrektheit gelegen ist, erbringt damit nicht gerade einen Eignungsnachweis dafür.... Wenn ich mich entsinne, ist Parveen ein weiblicher indischer Vorname, was den Kommentar so zu einem anscheined so wesentlichen Teil des freudschen und jungschen Lebenswerkes betreffs Frau Spielrein erklärt! Die Autorin scheint deren Bedeutung auf dieselbe Stufe einer Lise Meitner im Zusammenhang mit Otta Hahns Ruhm zu stellen, was ein wenig arg absurd ist.

    Und, allein so ein Satz sollte doch einen Lektor stutzig machen: "Auch wenn der Regisseur seine Bilder und Effekte sehr kunstvoll aufgenommen hat, sind sie oft enervierend plakativ: Spricht der Erzähler von Petroleumlampen, den einzigen Lichtquellen in Jungs Turm am Zürichsee..." Wahrscheinlich wäre als Illustration dazu ein Bild Franz Beckenbauers angebrachter gewesen?
    Trotzdem: Danke an die ZEIT, dass sie auf diesen Film hinweist....

    Eine Leserempfehlung
    • eeee
    • 27.10.2011 um 7:50 Uhr

    ein paar Schreckgespenster und Nazidämonen. So macht man Lust aufs Unbewusste.

  4. Ich muss sagen, dass es mir ganz genau so geht. Mir war es völlig unbekannt, dass sich Jung von den Nazis hofieren ließ. Und ich würde gern mehr darüber wissen. Schon allein deswegen werde ich mir diesen Film anschauen.
    C. G. Jung hatte z.B. auch Kontakt zu Hesse, einem erklärten Antifaschisten und Nazi Gegner. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass er allen Ernstes mit den Nazis sympathisiert hat. Obwohl ja auch das ganz anderen, hoch entwickelten Geistern seiner Zeit "passiert" ist. (Benn, Heidegger...) Was natürlich keine Entschuldigung sein kann, und soll. Im Gegenteil, verstehen möchte man es.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist letztlich schwer zu beantworten, inwiefern Jung eigentlich "sympathisiert" hat. Dabei gilt es, die Definition von "sympathisiert" sehr genau zu bestimmen.
    Hier wird meist gern mit dem Hammer argumentiert.
    Definitiv kann man sagen, dass er kein Nazi war, dass er jüdischen Mitarbeitern half und den Wahnsinn als solchen bezeichnet hat.
    Äußerungen über das "germanische" Unbewusste kann man Äußerungen von Freud zur Seite stellen über die arische und die jüdische Seele. Diese Begrifflichkeit war Zeitgeist.
    Was Jung getan hat war, die Machtergreifung zu nutzen, um sich (33) zu profilieren als einer, der das germanische Seelenleben besser verstehen könne als Freud.
    Dies bezeichnete er später als "ich bin ausgerutscht".

    Es ist letztlich schwer zu beantworten, inwiefern Jung eigentlich "sympathisiert" hat. Dabei gilt es, die Definition von "sympathisiert" sehr genau zu bestimmen.
    Hier wird meist gern mit dem Hammer argumentiert.
    Definitiv kann man sagen, dass er kein Nazi war, dass er jüdischen Mitarbeitern half und den Wahnsinn als solchen bezeichnet hat.
    Äußerungen über das "germanische" Unbewusste kann man Äußerungen von Freud zur Seite stellen über die arische und die jüdische Seele. Diese Begrifflichkeit war Zeitgeist.
    Was Jung getan hat war, die Machtergreifung zu nutzen, um sich (33) zu profilieren als einer, der das germanische Seelenleben besser verstehen könne als Freud.
    Dies bezeichnete er später als "ich bin ausgerutscht".

  5. Es ist letztlich schwer zu beantworten, inwiefern Jung eigentlich "sympathisiert" hat. Dabei gilt es, die Definition von "sympathisiert" sehr genau zu bestimmen.
    Hier wird meist gern mit dem Hammer argumentiert.
    Definitiv kann man sagen, dass er kein Nazi war, dass er jüdischen Mitarbeitern half und den Wahnsinn als solchen bezeichnet hat.
    Äußerungen über das "germanische" Unbewusste kann man Äußerungen von Freud zur Seite stellen über die arische und die jüdische Seele. Diese Begrifflichkeit war Zeitgeist.
    Was Jung getan hat war, die Machtergreifung zu nutzen, um sich (33) zu profilieren als einer, der das germanische Seelenleben besser verstehen könne als Freud.
    Dies bezeichnete er später als "ich bin ausgerutscht".

    Antwort auf "Zweifel, Fragen"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service