ZEIT ONLINE: Sie haben mit Pedro Almodóvarin den achtziger Jahren Ihre ersten Filme gedreht. Welche Bedeutung hat die Arbeit mit diesem Regisseur in Ihrem Leben?

Antonio Banderas: Der Einfluss von Pedro Almodóvar auf meine filmische Laufbahn ist fundamental. Er war in den Achtzigern mein Meister, mein Bruder, mein Freund. Wir haben zehn Jahre lang zusammen gearbeitet und fünf Filme gemeinsam gedreht. Aber dabei geht es nicht nur um meinen beruflichen Werdegang. Almodóvar hat mir damals gezeigt, dass es viele verschiedene Wege gibt, das Leben zu verstehen und mir eine sehr offene Sicht auf die Welt ohne moralische Vorverurteilungen vermittelt.

ZEIT ONLINE: In den Achtzigern befand sich Spanien nach dem Tod Francos im Umbruch. Betrachten Sie es als Privileg in dieser wilden Zeit Ihre Jugend verbracht zu haben?

Banderas: Ich war 15, als Franco starb. Ich habe mich in derselben Zeit vom Jungen zum Mann entwickelt, in der sich mein Land von einer Diktatur in eine Demokratie gewandelt hat. Als ich mit Anfang 20 nach Madrid kam, war die Bewegung, die mit der Vergangenheit grundlegend aufräumen wollte, in vollem Gange. Das war eine sehr aufregende Zeit. Als wir Das Gesetz der Begierde beim Filmfestival in San Sebastian zeigten, flüchteten manche aus dem Kino, andere jubelten, einige beschimpften uns – es war eine wilde Mischung der Emotionen. Da war mir klar: Hier geht es nicht nur um den Film. Hier findet gerade eine große, gesellschaftliche Umwälzung statt.

ZEIT ONLINE: Sie haben in den letzten drei Jahren mit Woody Allen, Steven Soderbergh und Pedro Almodóvar zusammen gearbeitet – drei der interessantesten Regisseure aus sehr verschiedenen Generationen. Was unterscheidet, was verbindet die drei?

Banderas: Gemeinsam ist ihnen, dass sie starke Persönlichkeiten sind, deren Filme man immer an ihrer ganz eigenen Handschrift wiedererkennen kann. Bei Woody Allen sind es die Schnelligkeit und Lebendigkeit der Dialoge, in die man sich hineinfinden muss. Soderbergh ist vielleicht der Verrückteste von den Dreien. Während des Drehs geht bei ihm alles rasend schnell. Er bleibt immer in Bewegung und er reduziert das Verhältnis zu den Schauspielern auf ein Minimum. Aber wenn man zu ihm geht und ihn etwas fragt, ist er ein offenes Buch. Almodóvar wiederum hat immer sehr klare Vorstellungen davon, wie eine Szene aussehen muss. Dabei geht es oft nur um minimale Bewegungen. Ein Finger, der sich ein wenig hebt, eine Augenbraue, die nur ein bisschen hochgezogen wird. Die meisten amerikanischen Schauspieler würden bei Almodóvar wahrscheinlich ausflippen, weil sie es gewohnt sind, Emotionen immer in große Gesten zu verpacken.

ZEIT ONLINE: In Almodóvars neuem Film Die Haut, in der ich wohne spielen Sie einen grausamen plastischen Chirurgen. Wie sind Sie an die Figur herangegangen?

Banderas: Ich gehe an jede Figur wie ein Hausarzt ohne jegliche moralische Verurteilung heran. Eigentlich wollte ich in der Rolle meine schauspielerischen Muskeln einmal richtig spielen lassen. Aber Almodóvar hat das nicht zugelassen. Er sagte: "Wir werden die Geschichte über die Augen erzählen." Ich hatte immer Angst, dass die Figur vielleicht zu flach wirkt, aber Almodóvar hat mich beruhigt und gesagt, dass der Horror der Figur gerade in der Ökonomie der Darstellung zur Geltung kommt. Als ich den Film gesehen habe, war ich froh, dass ich diesen Kampf gegen ihn verloren habe. Außerdem hat mich die Arbeit an diesem Film auch mit meinem Alter versöhnt. Ich bin jetzt 51 und diese Figur hat mir für die Zukunft viele schauspielerische Anregungen gegeben.