Krebs-Film Vor dem Tod herrscht Schweigen

Der Regisseur Andreas Dresen erzählt in seinem jüngsten Film "Halt auf freier Strecke" vom Krebstod eines Familienvaters. Damit bringt er erneut ein Tabu ins Kino.

Halt auf freier Strecke von Andreas Dresen. Wenig später sieht Lange seinen Gehirntumor zum ersten Mal als Halluzination vor sich: Er ist ein mittelalter Mann mit einer Warze über dem rechten Mundwinkel. Er hat braune Augen und tritt selbstbewusst bei Harald Schmidt auf. "Ich bin der Gehirntumor von Frank Lange", sagt er. Auf dem Monitor im Studio wird der Querschnitt eines Hirns eingeblendet, und der Gehirntumor erklärt seine Lage. Operabel ist er nicht, also tödlich.

Mit der Nachricht, dass Frank Lange einen tödlichen Tumor habe, beginnt der Film

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Harald Schmidt fragt: "Und, kommt man sich bösartig vor?"

Später wird Lange in den Radionachrichten hören, sein Tumor sei um 2,5 Zentimeter gewachsen, und noch später wird er ihn auf dem Display seines Smartphones sehen. Der Gehirntumor hat, was Frank Lange verloren geht, einen funktionierenden Körper, Sprache, Wachheit, Haare. Er wächst, während Lange immer weniger wird, seinen eigenen Verfall wahrnehmend, hilflos und leidend.

Dresen sagt, sein vergangenes Jahr sei eines der Trennungen gewesen und auch des Todes enger Freunde. Vor Drehbeginn zu seinem Krebsdrama recherchierte er ein halbes Jahr lang. Er sprach mit Neurochirurgen und Menschen, deren Freunde und Angehörige gestorben waren. Die Ärztin, die Franks Frau Simone darin bestärkt, ihren Mann zu Hause zu pflegen, ist auch in der Realität Palliativ-Medizinerin.

Für den halbdokumentarischen Charakter seiner Filme ist Dresen bekannt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem für seine Filme Halbe Treppe, Sommer vorm Balkon und Wolke 9. So alltäglich scheinen die Welten, denen er sich in seinen Filmen widmet, und zugleich zeigen sie immer den Einbruch dessen, was die Gesellschaft mit Tabus belegt. So war es bei Wolke 9, in der Dresen Liebe und Sex im Alter nachspürte.

So ist es auch bei Halt auf freier Strecke: Reden über Krebs und Tod sind ein gesellschaftliches Tabu, und das, obwohl in Deutschland jeder vierte Todesfall krebsbedingt ist. Laut Statistischem Bundesamt ist eine Krebserkrankung bei Menschen zwischen 45 und 65 Jahren mit 41 Prozent die häufigste Todesursache.

Frank und Simone Lange, dargestellt von den Schauspielern Milan Peschel und Steffi Kühnert, sind gewissermaßen angekommen – in der Mitte des Lebens, mit einem Haus, das nun abzubezahlen ist, und zwei Kindern. Frank ist bei einem Logistikunternehmen angestellt, Simone ist Straßenbahnfahrerin. Als Frank Lange die Diagnose bekommt, ringt der Arzt um Worte, Schweigen, dann Simones bange Frage, ob man den Kinder den zu erwartenden Tod des Vaters mitteilen müsse, und: "Was sagt man da?" Diese Sprachlosigkeit, mit nahem Tod und der Angst davor umgehen zu müssen, zieht sich durch den Film. Immer wieder besteht die Kommunikation aus Schutzphrasen, oft verknappt – "geht gut", "wird schon wieder", dabei weiß jeder, dass es eine offene Lüge ist.

Leser-Kommentare
  1. einer Dokumentation bekommt dieser Film eine ganz besondere Authentizität, sodass der Zuschauer zu jeder Zeit das Gefühl bekommt, dass ein ähnliches Schicksal auch ihn und seine Familie einholen könnte. Sehr realitätsnah und aufwühlend! Empfehlenswert!

  2. Nichts gegen die Arbeit von Herrn Dresen, dennoch, immer wieder sind hier Plots zu sehen die durchgekaut sind noch und nöcher. Ich weiß gar nicht wieviele Filme es allein nur im deutschen Fernsehen gibt über Krebstod, Diagnose Krebs oder eben die Alzheimerfilme. Wenn Qualität zutage gefördert wird dann immer in den selben Plots. Damit will ich gar nicht das Thema verharmlosen, jedoch tritt der Film damit auf der Stelle. Außerdem ist das kein Tabubruch, viel mehr das Aufzeigen einer drastischen Wahrheit. Es gibt aber noch mehr Themen als Patchworkfamilien, Alter und Krankheit. Das deutsche Kino wird (Fernsehen ist es schon) immer mehr ein Abbild unserer alternden Gesellschaft, hat man öfter das Gefühl. Ab und an, kommt dann Herr Schweiger oder Otto daher mit ihren enddreißigerfilmen oder billig-Humorfilmen um Geld in die Kassen zu spülen.

    • rabin
    • 19.11.2011 um 17:51 Uhr

    Bis auf wenige jenseitige Augenzwickern ist der Film nüchtern.
    Er macht nicht mehr Drama aus dem Tod, aber auch nicht weniger.
    Das Sterben, das in eine Familie einbricht, wird ziemlich ungeschminkt gezeigt. Es ist gar nicht verklärt. Aber dennoch von grosser Wucht. Schon die Eingangs-Acht-Minuten, als die Diagnose eröffnet wird, der Arzt sich durch die Sitauation der Auswegslosigkeit laviert, ist sicher höchst real und deswegen bedrängend.
    Es ist nicht Dresens Art, nicht an die Kraft realer Bilder zu glauben. Es ist ein ganz normales Sterben, geschieht tagtäglich und doch wird selten so präzise der Einschlag in das System " Familie" gezeigt. Die Kinder, die es kaum verarbeiten können, die ünberforderte Frau, die hilflosen Eltern.
    Zugleich gibt es eine wunderbare Palliativmedizinerin, die das Wohl der Familie im Auge hat und ihr Wissen einsetzen kann, Leid ein wenig zu vermindern.

    Schluss: das Leben geht weiter. In einer so kurzen Scene soviel Gewissheit und auch Trost zu zeigen, ist schon grosse Meisterschaft.
    Man wird geboren, lebt, stirbt. Auch wenn es zur Unzeit ist, auf halber Strecke oder wo auch immer, es genau dieser Ablauf.
    Dresen schockt nicht, er zeigt nur, was eben doch meistens nicht angeschaut wird.

  3. Nun lese ich in der Zeit, um mich abzulenken, und finde dies.
    Auch ich saß am Samstag in so einem Arztzimmer. Auch ich schaute auf die Aufnahme eines MRT. Auch ich sah ein riesiges todbringendes Glioblastom mit noch größerem Ödem. Wie sagt man einem Menschen, dass er sterben wird? Es ist die zweite Glioblastomdiagnose in meinem nähchsten Umfeld. Und es ist die beschissenste Diagnose! Ich finde es gut, dass dieses Krankheit so thematisiert wird. Die Pharmaindustrie vernachlässigt Studien zur wirksamen Glioblastomtherapie. Dieser Tumor ist der Tod. Ein seltener Tumor im Vergleich zu anderen Krebsdiagnosen. Und niemand hat ihn bis jetzt überlebt.

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