Alles kostet Zeit. Diese Floskel hat der Regisseur Andrew Niccol für bare Münze genommen und die Vision einer Gesellschaft entworfen, in der die Lebenszeit als Währung gehandelt wird: Ein Kaffee zum Mitnehmen kostet vier Minuten, das Busticket zwei Stunden, und einen Jaguar E-Type gibt es für 58 Jahre. – Sekunde, wie viele Jahre? Wer kann sich das leisten?

Nun, jemand, dessen Lebenserwartung ins Unermessliche geht. In der Welt von In Time stoppt der Alterungsprozess der Menschen mit 25. Sie wachen an diesem Geburtstag mit einem Zahlendisplay auf, das giftgrün am Unterarm tickt. Dieses Display weist ein Guthaben von einem Jahr auf; läuft das Guthaben ab, stirbt man wie ein batteriebetriebenes Spielzeug, dem der Saft ausgegangen ist. Um zu überleben, hat man drei Möglichkeiten: Man erwirbt sich zusätzliche Zeit durch Arbeit, man stiehlt jemandes Zeit, oder man bekommt Zeit geschenkt.

Mit seinem Regiedebüt Gattaca hatte Andrew Niccol 1997 einen Klassiker der Science-Fiction geschaffen. Darin hinterfragte er die Präimplantationsdiagnostik einer von Eugenik getriebenen Gesellschaft, in der Kinder nach Maß möglich waren. Nun macht sich Niccol  dystopische Gedanken zur Zukunft der Menschheit angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts: Was, wenn es tatsächlich gelänge, den Alterungsprozess zu stoppen? Sein ebenso perfider wie genialer Gedanke: In einer mithin hoffnungslos überbevölkerten Welt würde die Lebensdauer zum gehandelten Gut.


Will (Justin Timberlake) lebt mit seiner Mutter (Olivia Wilde) in einem Armen-Ghetto und schuftet von morgens bis abends in der Fabrik, um sich den jeweils nächsten Tag zu verdienen. Dann, beim Feierabendbier, rettet er einem Fremden das Leben, als sich dieser mit halbstarken Ghetto-Gangstern anlegt. Der Fremde ist mitnichten glücklich über seine Rettung: Er ist reich, hat Jahrzehnte auf dem Konto, könnte also noch ewig leben, hat aber die Lust verloren. Während Will schläft, überträgt ihm der Mann seine verbleibende Zeit und stirbt. Weshalb er seine Zeit nicht gleich verschleuderte, sondern den Tod im Kampf mit den Gangstern suchte, bleibt eine der vielen Ungereimtheiten des Drehbuchs.

Will kann sich über seine gewonnenen Jahrzehnte nur kurz freuen: Seine Mutter stirbt, Sekunden ehe er ihr etwas von seiner vielen Zeit schenken kann. Er beschließt, ihren Tod zu rächen, indem er gleich das ganze System zum Kollaps bringen will. Er verlässt das Ghetto, um ins Zentrum der Macht zu gelangen. Dort lernt er die Tochter (Amanda Seyfried) eines Superreichen kennen. Zunächst gehen sie schwimmen, später muss Will die Frau als Geisel nehmen, um sich einen Timekeeper (Cillian Murphy) – das sind Polizisten in langen Ledermänteln, die das Zeitmanagement überwachen – vom Leib zu halten.

Die Prämisse des Films ist bestechend: Aus dem Traum vom ewigen Leben wird ein alptraumhafter Wettlauf gegen das Verfallsdatum am Unterarm. Und Niccol hat auch in der Umsetzung gute Einfälle. Weil für die Armen nur das Heute zählt, während die unsterblichen Reichen alles auf Morgen verschieben, wirkt seine Welt wie stehengeblieben. Es mangelt an Innovationen, was Niccol durch eine Szenerie und eine Mode ausdrückt, die kurios zwischen Vergangenheit und Zukunft changieren.

Amanda Seyfried trägt als Tochter des Superreichen eine kastanienrote Prinz-Eisenherz-Perücke, mit der sie an Faye Dunaway aus Bonnie and Clyde (1967) erinnert. Offensichtlich hat sich die Kostümdesignerin dabei etwas gedacht: Nach der Entführung der jungen Frau entwickelt sich die Geschichte zur Gangsterpärchen-Action, in der die Zeitreserven der Banken geplündert werden.

 "Hast du mal 'ne Minute?"

Zunächst aber schleppt der Rebell die Reichentochter mit Stockholm-Syndrom ins Armen-Ghetto, wo den Menschen die Zeit im wahrsten Sinne davonläuft, bis sie auf dem Gehweg tot umkippen: "Wie könnt ihr hier nur existieren?", fragt die Frau ihren Kidnapper. Er antwortet ihr ernst: "Wir schlafen nicht aus."

Um bissige Einzeiler ist Niccol nicht verlegen. Stellenweise geraten sie ihm zu Kalauern. Der eine fragt: "Hast du mal 'ne Minute?" Der andere rät: "Nimm dir Zeit." Auch das Drehbuch lässt leider den nötigen Ernst vermissen: Die Menschen wirken seltsam emotionslos, sie ticken selbst dann noch nicht aus, wenn sie, nun ja, fast ausgetickt haben. Die Figuren sind nicht fertig gezeichnet. So ist mehrmals vom rätselhaften Vater des Rebellen die Rede, doch was es mit diesem auf sich hat, geht vergessen.

Für Justin Timberlake ist In Time nach Bad Teacher und Freunde mit gewissen Vorzügen bereits der dritte Film in diesem Jahr. Zuvor hatte der frühere ’Nsync -Sänger in Social Network den Facebook-Berater gespielt. Nun gibt der Omnipräsente den Mann der Stunde: Schlecht ist er als Actiondarsteller nicht, nur kann er nicht wettmachen, dass einem Film, in dem sämtliche Figuren junge Gesichter tragen, der Charakterkopf fehlt.

Vor allem aber fehlt den Machern der Mut, die sozialkritische Prämisse zur dringlichen Parabel weiterzudenken. Die Robin-Hood-Moral des Gangsterduos ist kaum mehr als zeitgeistig. Was von In Time bleibt, ist Zerstreuungskino aus dem Handgelenk, ein lockerer Zeitvertreib, aber nichts, was die Zeit überdauern wird.