FilmfestivalCottbuser Novembrigkeit

In der schmucken Altstadt von Cottbus startete das 21. Festival des osteuropäischen Films mit zwei Beiträgen aus Kasachstan und Polen. Der Tenor: radikaler Pessimismus. von 

Festivalbesucher warten vor dem Cottbusser Weltspiegel auf Einlass.

Festivalbesucher warten vor dem Cottbusser Weltspiegel auf Einlass.  |  © FilmFestival Cottbus

Allein der Weltspiegel! Daran führt in Cottbus nichts vorbei: Prächtigster Jugendstil, der Republik zweitältestes – man muss sagen – Filmtheater, denn mit dem, was multiplex an deutsche Stadtränder geknallt wurde, hat dieses Haus nichts zu tun. Im Jahr 1911 erbaut, von Ulbricht und Honecker verschont, kürzlich restauriert zum 21. Festival des osteuropäischen Films . 3D und Surround im kaiserlichen Bau, eine architektonische Ode ans Kino, auch wenn der Wettbewerb des Festivals wenige Meter weiter in der Stadthalle läuft. Wer in die spreewaldumpelzte Lausitz fährt, muss dieses Kino sehen. Und auch anderes: Spremberger Turm, die schmuck renovierte Altstadt und den Branitzer Park mit Gartenbaukunst des Fürsten Hermann von Pückler, nicht-brandenburgischen Kindern bekannt durch seine Farblehre Schoko-Vanille-Erdbeer, die auch auf zahlreichen Cottbuser Gründerzeitfassaden beherzigt wurde.

Manche Gäste, die vom blauen Teppich in die Stadthalle laufen, unterhalten sich überrascht über diese Stadt und ihre gelassene Uneitelkeit. Nur einige schräggeparkte Limousinen erinnern an den künstlichen Glanz eines Filmfestivals, und die Mehrsprachigkeit ist man in Cottbus eh gewöhnt. Die Straßenschilder sind auf Deutsch und Sorbisch, die Leuchtschrift der Busse entschuldigt sich in modernem Globalkauderwelsch: "Sorry, kein Linienverkehr".

Anzeige

Es heißt, neben dem FC-Energie-Fanshop gegenüber soll es den besten Döner Brandenburgs geben, der auch manche Cineasten hinein begleitet. Im gedimmten Saallicht der Stadthalle bilanziert eine Gruppe Kebabkenner Fleischmenge (viel), Soßenschärfe (nach hinten raus), Brotknusperstufe (hoch) und generellen Lieferumfang (reicht für den ganzen Film), während die oberen Sitzreihen allmählich einzwiebeln. Zu den olfaktorischen kommen leider auch gelegentlich akustische Irritationen: Aus den Übersetzungsgeräten blecht der Beamtenbariton des deutschen Simultandolmetschers, meistens viel zu laut, bisweilen gar nicht nötig – den ersten Wettbewerbsbeitrag verstünde man womöglich ohne Worte.

In Nariman Turebayevs Sonnige Tage wird im Urtext des Alltags gesprochen. Wo finde ich Arbeit? Wo etwas Liebe? Wo Hoffnung oder wenigstens etwas zu trinken? Mit diesen Fragen schlurft ein sehr dürrer Mann durchs schneebestäubte Almaty, früher Alma-Ata und einstmals Hauptstadt von Kasachstan. Man sieht ihm zu, wie er den immergleichen roten Pullover trägt, Zahnpastareste aus einer Tube drückt, morgen für morgen, und Halt sucht in diesem dunstigen, schlecht ausgeleuchteten Ort am Rande der Welt, die ihn nicht haben will. Sein Strom ist abgestellt, das Telefon tot, und die letzten Münzen reichen für die billigste Flasche Wodka, ehe der Mann, betrunken und krumm vor Erniedrigung, unter einen Lastwagen kommt.

Ein erschütternder, beeindruckend unaufgehübschter Auftakt des Wettbewerbs, in dem in den kommenden drei Tagen neun weitere Filme gezeigt werden. Aus Polen, Serbien, Russland, Rumänien, Tschechien und Georgien. Vielleicht hat der radikale Pessimismus von Turabayevs Film im Voraus viele abgeschreckt: Nur ein Drittel der Stadthalle ist besetzt, ganz wenige gehen vor Ende des Films, der Rest applaudiert. Zum Abend hin füllt sich aber das Kino, obwohl es ähnlich tiefgestimmt weitergeht, mit dem etwas sehnsuchtssäuseligen Schwarzmeerfilm Salz Weiss aus Georgien und Lynchen aus Polen, das äußerst drastische Debüt von Krzysztof Lukaszewicz.

Eine Szene aus dem Film "Lynchen" von Krzysztof Lukaszewicz

Eine Szene aus dem Film "Lynchen" von Krzysztof Lukaszewicz  |  © FilmFestival Cottbus

Es erzählt aus einem Dorf im polnischen Nordosten dessen Einwohner den Obdachlosen Zarenek ermorden. Dieser hatte zuvor die Menschen terrorisiert, sie misshandelt und ausgeraubt. Die notorisch unterbesetzte Polizei des Landkreises konnte nicht helfen. Lukaszewicz rekonstruiert diese wahre Geschichte zu einem sehr effektvollen Gerichtsdrama, das um die prekären Verhältnisse in den postsozialistischen, entvölkerten Gegenden Polens kreist. Und lässt dabei ähnlich triste Landschaften nebenbei Film werden, wie sie Schriftsteller wie Andrzej Stasiuk in den vergangenen Jahren in der Weltliteratur verewigt haben.

Was sich in den ersten drei Filmen andeutete, wird in den kommenden Festivaltagen einen Großteil des Wettbewerbes bestimmen: die postkommunistische Realität, die unbarmherzig in wenige Gewinner und viele Verlierer trennt. Porträts über illusionslos gewordene Menschen, Kriegsversehrte, Verlorene. Während die anderen Rubriken des Festivals zuweilen Heiterkeit versprechen, herrscht im Wettbewerb wohl eine tiefe Novembrigkeit. Das muss nicht schlimm sein, gerade, da das Herbstwetter draußen vor den Kinos noch auf sich warten lässt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • -
    • 04. November 2011 13:44 Uhr

    mal was von Cottbus in einen ernsthaften Medium zu hören.
    Und dann auch noch Kultur, das hätte ich nie erwartet :)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kasachstan | Kino | Polen | Weltspiegel | Filmfestival | Georgien
Service