ZEIT ONLINE: Sie haben eine Dokumentation gedreht über die skandalöse Entnahme von Körpergewebe nach dem Tod und den Handel mit diesem Gewebe. Zunächst einmal: Was fällt unter den Begriff Gewebe im Unterschied zu Organen?

Martina Keller: Gewebe ist alles, was eben nicht ein Organ ist, wie zum einen Augenhornhaut, Herzklappen, Gefäße und Haut und zum anderen Knochen, Sehnen und Muskelhäute. Mit diesem muskuloskelletalen Gewebe befassen sich die im Film genannten Firmen.

ZEIT ONLINE: Was prangern Sie in Ihrem Film an?

Keller: Die Methoden, mit denen in der Ukraine Angehörige dazu gebracht werden, ihre Zustimmung für die Gewebeentnahme bei einem Verstorbenen zu geben. Die Angehörigen, mit denen wir gesprochen haben, fühlten sich unter Druck gesetzt und getäuscht. Das hat auch zu Ermittlungen und zu einem Prozess in der Ukraine geführt.

ZEIT ONLINE: Sie berichten auch, dass Gewebespenden im Bereich der plastischen Chirurgie Verwendung finden. 

Keller: Körperteile sind kein Rohstoff wie andere Rohstoffe, sondern sie sind Teil einer verstorbenen Person. So etwas sollte man nur benutzen, wenn es einen nachgewiesenen medizinischen Sinn macht. Wir haben aber herausgefunden, dass zum Beispiel die Firma Tutogen vielfach auch plastische Chirurgen beliefert, die diese Körperteile beispielsweise für Nasenoperationen nutzen.

ZEIT ONLINE: Um welche Werte geht es hier – monetäre und ethische?

Keller: Wird Gewebe verarbeitet, lässt sich viel Geld damit machen. In den USA wird beispielsweise für ein einzelnes Sehnenimplantat wie eine Archillessehne mehr als 1.800 Dollar gezahlt. Der Umsatz der Gewebeindustrie in den USA lag schon vor Jahren bei mehr als einer Milliarde Dollar. Auf der anderen Seite soll auch nach dem Tod mit einem Körper respektvoll umgegangen werden, und die Empfindungen der Angehörigen dürfen nicht übergangen werden. Deshalb ist der menschliche Körper mit seinen Teilen durch internationale Normen geschützt. Mit dem darf man nicht handeln wie mit einer Sache.

ZEIT ONLINE: Dieser Konflikt wird auch in den anonymisierten Aussagen eines Hamburger Schönheitschirurgen deutlich, der seine Patienten nicht über die Herkunft des verwendeten Materials – nämlich aus Leichen – aufklärt. Muss er das nicht?

Keller: Das ist eine Grauzone. Ärzte haben die Pflicht aufzuklären, damit ein Patient alles für ihn Relevante erfahren kann. Und ich würde immer sagen, dass es relevant ist, wenn man mir Leichenteile einpflanzt.