Südstaatendrama "The Help"Edelkitsch ohne Irritationen

In "The Help“ wird das aufgeschriebene Wort zur gewaltlosen Kampfansage gegen die Rassentrennung. Der Film riskiert wenig, vermittelt aber, dass Worte Macht haben. von Nathalie Mispagel

In Jackson, Mississippi, zu Beginn der 1960er Jahre bewegt sich nichts, weder die heiße Luft im Sommer noch die gesellschaftlich-soziale Situation. Die weiße Oberschicht beschäftigt afroamerikanische Frauen als Haus- und Kindermädchen, räumt ihnen jedoch keine nennenswerten Rechte ein. Wie ein frischer Wind mutet da die Ankunft der aus dem College heimgekehrten Skeeter (Emma Stone) an, die als Schriftstellerin reüssieren möchte und sich hierzu ein heikles Projekt aussucht: Sie will die Geschichten der schwarzen Hausmädchen aufzeichnen.

Das erscheint undenkbar in einem rassistischen US-Bundesstaat, wo in manchen Haushalten sogar Extra-WCs für schwarzes Personal angebaut werden. Es gilt der zynische Grundsatz separate but equal. Gleichwohl findet Skeeter mit der gütigen Aibileen (Viola Davis) und der burschikosen Minny (Octavia Spencer) zwei Bedienstete, die aller Gefahr zum Trotz ihre Storys erzählen. Ihnen werden sich bald weitere Frauen anschließen.

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Regisseur und Drehbuchautor Tate Taylor will seine Filmadaption von Kathryn Stocketts gleichnamigem Bestseller als klassisches Erzählkino verstanden wissen, in dem die moralischen Fronten von Anfang an geklärt sind. Irritationen werden gar nicht erst zugelassen: Die gutherzigen, lebensklugen Schwarzen auf der einen Seite, die hartherzigen, bornierten Weißen auf der anderen, dazwischen als niedlicher Gutmensch die emanzipierte Skeeter. Woher deren Gerechtigkeitssinn kommt, wird im übrigen unterschlagen, ist womöglich Produkt ihrer heraufdämmernden Erinnerungen an ihr weises, fürsorgliches schwarzes Kindermädchen. Jene Bilder werden gerne mal mit Weichzeichner geschönt oder als stimmungsvolle Szenerie unter Trauerweiden eingefangen.

Ohnehin lässt die Kamera von Stephen Goldblatt keinen Zweifel daran aufkommen, wer das menschlich noblere Leben führt, sind doch die bescheidenen Behausungen der Afroamerikanerinnen in warm-dezentes Licht getaucht, während die schicken Wohnungen der Weißen eher überhell, gar überbunt wirken. Sie sind so überkorrekt wie deren schneidige Kleidung und die mit Haarspray betonierten Frisuren. Allein Skeeter fällt mit ihren frechen Löckchen optisch aus der Reihe, wie sie auch ethisch völlig neue Wege geht, indem sie den diskriminierten Hausmädchen über ihre Interviews eine individuelle Persönlichkeit zugesteht.

Das ist auch das Bemerkenswerte an dem Film The Help, der ansonsten keinen überzeugenden historisch-politischen Hintergrund aufbaut und das zeitgleich stattfindende African-American Civil Rights Movement nur marginal mit dem Mord an Medgar Evers erwähnt. Dafür feiert das Ensemble-Drama den stillen Aktivismus und Mut einzelner Namenloser (Skeeters Buch wird später unter dem Pseudonym ’Anonymous’ erscheinen), welche im Erzählen, im Aufschreiben, im Veröffentlichen ihren Ausdruck finden. Welch wunderbarer Gedanke: Sprache leitet den Wandel ein, die Stimme der zuvor nicht beachteten Schwarzen erhebt sich. Indem jene die Dinge beim Namen nennen und wenigstens einen finden, der ihnen Gehör schenkt, gewinnen sie Selbstbewusstsein.

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Auch wenn sich Tate Taylor glücklicherweise dem Pathos verweigert, ist seine zwischen Ernst und Humor austarierte Inszenierung zu sehr Stereotypen verpflichtet – ebenso wie der sentimentale Geigen-/Klavier-Score von Thomas Newman. Anstatt die Handlung den Charakteren unterzuordnen, wanken die Protagonisten durch die allzu schlichte Dramaturgie, sind wie die ignorante Society-Furie Hilly Holbrook (Bryce Dallas Howard) überzogen präsentiert und gespielt oder wie Celia Foote (Jessica Chastain), eine der wenigen anständigen Weißen, extrem infantil gezeichnet. Geschichtlicher Realismus wird hier vom filmischen Naturalismus abgelöst.

Es ist der munteren Emma Stone und ganz besonders dem zutiefst bewegenden Spiel von Viola Davis sowie Octavia Spencer, eine Art frauensolidarische Kerntruppe, zu verdanken, dass The Help Wahrhaftigkeit entwickelt, die schließlich in eine aufklärerisch humanistische Botschaft mündet. Der Film riskiert nichts, rennt längst offene Türen ein, vermittelt jedoch etwas, das zweifelsohne Allgemeingültigkeit besitzt. Erst wer eine Stimme verliehen bekommt, rückt aus dem Schattendasein der rassistisch motivierten Ausgrenzung ins bürgerliche Bewußtsein, inszenatorisch akzentuiert von Aibileens Voice-over, die den gesamten Film begleitet. Ihre Worte sind der Weg in eine vielversprechende Zukunft.

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Leserkommentare
    • Plunder
    • 07. Dezember 2011 19:16 Uhr

    Kann mich erinnern, dass es da auch einige Kontroversen gab. Ein gutes Statement zu dem Film/Roman (Bestseller, kurz vor dem Film erschienen, glaub ich) generell von der Association of Black Women Historians:

    http://www.abwh.org/index.php?option=com_content&view=article&id=2:open-...

    Und dann da war noch, dass die Autorin bezichtigt wurde, sich einfach am Leben des real existierenden Hausmädchens ihres Bruders bedient zu haben:

    http://www.dailymail.co.uk/femail/article-2033369/Her-family-hired-maid-...

    Zumindest die Ähnlichkeit bei der Namengebung ist nicht von der Hand zu weisen. Kann auch einfach als Inspiration abgetan werden, schätze ich.

    Ich habe kein eigenes Urteil zu dem Film/Roman, aber es hat alles irgendwie schon ein Geschmäckle.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Roman Polanski | College | Robert Pattinson | Mississippi | Filmrezension
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