Nanni Moretti "Politik? 90 Prozent Propaganda, 10 Prozent schlechte Witze"

Der italienische Regisseur Nanni Moretti ist bekannt dafür, dass er mit den Schwächen seiner Filmhelden mitfühlend umgeht. Im Gespräch erweist er sich jedoch als unnachgiebig gegenüber den Politikern seines Landes.

ZEIT ONLINE: In Ihrem neuen Film, Habemus Papam, spielen ein leerer Balkon und eine wartende Menschenmasse eine zentrale Rolle. Sehnt sich unsere medial geprägte Gesellschaft danach, dass auf dem leeren Balkon eine Person auftaucht, die wieder Autorität ausstrahlt?

Nanni Moretti: Ich glaube an die Verantwortung des Einzelnen. Der Papst in meinem Film schafft es nicht, jene Rolle auszufüllen, zu der er vom Konklave aufgerufen ist. Auch der Pychoanalytiker, der daraufhin in den Vatikan gerufen wird, schafft es nicht, seine Rolle richtig auszufüllen. Anstatt seinen Auftrag auszuführen, erfindet er eine neue Rolle und organisiert die Freizeit der Kardinäle. Auch der Journalist und Vatikanexperte im Film beginnt, seine Rolle zu improvisieren, weil er zugeben muss, dass er sich nicht mehr auskennt.

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ZEIT ONLINE: Aber sehnt sich die Gesellschaft, die sich ja dauernd sagt, sie sei in der Krise, nicht nach einer starken Autorität, gerade in moralischer Hinsicht?

Moretti: Ich persönlich spüre nicht das Bedürfnis nach einem starken Mann. Ich spüre das Bedürfnis nach Persönlichkeit, nach Vorbildern. Unter Politikern – gerade auch wenn ich in Richtung der Linken schaue –  sehe ich viel Selbstdarstellung, aber wenig Persönlichkeit. Starke Autorität überzeugt mich nicht. Ich hoffe eher, dass sich die Menschen bewusst werden, dass sie den Bereich der eigenen Verantwortung ausdehnen müssen.

Nanni Moretti

Nanni Moretti ist einer der profiliertesten und prominentesten Filmemacher Italiens. Gleichzeitig arbeitet er als Produzentund betreibt in Rom sein eigenes Kino. 1953 in Brunico/Bruneck in Südtirol geboren und aufgewachsen in Rom, dreht Moretti seit 1973 Filme. 2001 gewann Das Zimmer meines Sohnes die Goldene Palme in Cannes; auch bei den Filmfestspielen in Berlin und Venedig wurde Moretti ausgezeichnet.

Zum Film "Habemus Papam"

Zu Habemus Papam, seinem jüngsten Film, sagt der erklärte Atheist Moretti im Interview: "Ich wollte die Geschichte einer fragilen Persönlichkeit erzählen, die sich angesichts einer so enormen Macht wie die des Papstes ohnmächtig fühlt. Ich wollte die Konflikte dieser Persönlichkeit jedoch im Rahmen einer Komödie behandeln." Entstanden ist ein hochkomisches und dennoch sehr ernsthaftes Porträt eines Papstes (großartig zurückgenommen: Michel Piccoli), der keiner sein will, und erst nach seiner Flucht aus dem Vatikan und dem Eintauchen in den römischen Alltag feststellt, dass er kein Mann ist, der führen kann.

ZEIT ONLINE: Sehnen wir uns also nach einer Person mit starker Glaubwürdigkeit?

Moretti: Ja, sicher. Nach jemandem, der ein Vorbild abgeben kann, gibt es sicher ein Bedürfnis! Glaubwürdigkeit ist die zentrale Frage, wenn sich jemand öffentlich zu Wort meldet. Im politischen Leben fehlt die Glaubwürdigkeit in jedem Fall.

ZEIT ONLINE: So gut wie täglich lesen wir vom Niedergang der Demokratie in Italien. Sie haben vor fünf Jahren den Film Der Italiener über das System Berlusconi gedreht. Was hat sich seit dem Film ihrer Meinung nach auf politischer Ebene verändert?

Leser-Kommentare
    • dojon
    • 27.12.2011 um 8:54 Uhr

    Typischerweise versteht ein Angehöriger der sogennanten Zivilgesellschaft wie Moretti nicht, warum Prodi durch die Rifondazione communista gestürzt wurde. Die Politik des Ulivo Bündnisses wurde zunehmend neoliberal. Eine solche Politik ist nicht links mit Verlaub. Nach dem Verständnis der Zeit und des Herrn Moretti ist links gleich neoliberale Wirtschaftspolitik + Schwulenparaden in den Großstädten + weitestgehende Freigabe der Einwanderung. Meine Damen und Herren von der Zeitredaktion, das ist nicht links. Das was ihr für links hält ist in Wahrheit nur der Zeitgeist einer sogenannten Zivilgesellschaft, die hauptsächlich aus den Angehörigen zünftisch organisierter Berufe besteht.

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