Regisseurin Marjane Satrapi: "Ich kann Orientalismus nicht ausstehen"
Marjane Satrapis Filme spielen im Iran. Deswegen müssten sie aber nicht politisch sein, sagt die Regisseurin. Interessanter seien Motive wie Liebe und gutes Essen.
© Giuseppe Cacace/AFP/Getty Images

Marjane Satrapi
ZEIT ONLINE: Frau Satrapi, Ihr erster Film war ein autobiographischer Animationsfilm, der auf Ihrem Comic Persepolis basierte. Für Huhn mit Pflaumen, Ihre zweite Comic-Verfilmung, haben Sie mit Schauspielern gearbeitet. Es gibt nur noch vereinzelt Animationssequenzen. Wie haben Sie den Unterschied empfunden?
Satrapi: Die Arbeit an einem Animationsfilm dauert sehr lange. Beim Spielfilm geht es viel schneller. Man hat Stress während des Drehs. Es ist, als würde man die Ereignisse von drei Jahren in vier Monate pressen. Das ist aufregend. Die grundlegenden Dinge haben sich aber nicht verändert. Man muss die richtigen Einstellungen wählen, den richtigen Bildausschnitt. Beim Animationsfilm stellen die Techniker die Bewegungen des Körpers nach. Wenn man einen Schauspieler anleitet, ist es in gewisser Weise derselbe Vorgang.
ZEIT ONLINE: Wie stark mussten Sie die Vorlage für die filmische Umsetzung verändern? Die Hauptfigur, Nasser Ali Khan, spielt in Ihrer Graphic Novel Laute. Im Film wird daraus eine Geige...
Satrapi: Im Comic hört man das Instrument nicht. Im Film schon. Die Laute ist auch kein bekanntes Instrument. Sie sieht für viele Zuschauer fremd aus und ich wollte nicht, dass sich die Aufmerksamkeit darauf verlagert. Deswegen haben wir das verändert. Außerdem kann ich Orientalismus nicht ausstehen, diese ganzen folkloristischen Dinge, diese Unterschiedlichkeit, auf der alle beharren. Wenn Sie Deutsche im Film zeigen, dann tragen sie auch nicht immer Lederhosen. Ich versuche, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Und davon gibt es viele.
ZEIT ONLINE: Für Huhn mit Pflaumen konnten Sie den französischen Schauspieler Jamel Debbouze gewinnen, der dem Publikum unter anderem aus Die fabelhafte Welt der Amélie bekanntist. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Satrapi: Jamel wollte mich schon vor Jahren treffen. Er war ein Fan meiner Arbeit. Ich habe ihn dann angerufen. Ich mag es nicht, wenn ich den Agenten fragen muss, ob ich mit einem Schauspieler sprechen darf oder nicht. Ich rufe den Schauspieler direkt an und sage: Ich will unbedingt, dass du in diesem Film mitspielst!
ZEIT ONLINE: Sie haben erneut Vincent Paronnaud verpflichtet, der schon bei Persepolis Ihr Co-Regisseur war. Was verbindet Sie?
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Satrapi: Wir sind Freunde, aber unsere Art zu denken ist unterschiedlich. Wir bewegen uns beide von A nach B. Dabei nehmen wir jeweils die entgegengesetzte Richtung, erreichen aber dasselbe Ziel. Das macht es so spannend, mit Vincent zu arbeiten. Vielleicht werden wir das auch weiterhin tun, vielleicht auch nicht. Er will sicher auch seine eigenen Sachen machen – und das gilt auch für mich.
ZEIT ONLINE: Huhn mit Pflaumen spielt im Iran der späten fünfziger Jahre. Warum haben Sie gerade diese Zeit gewählt?
Satrapi: Weil das eine entscheidende Zeit in der Geschichte dieses Landes war. Der Traum von einer Demokratie zerplatzte, die Hoffnung schwand. Ich erzähle die Geschichte eines Mannes, der keine Hoffnung mehr hat. Es besteht eine sehr starke Verbindung zum gesellschaftlichen Kontext.
ZEIT ONLINE: Persepolis hatte eine politische Aussage. Warum gibt es das in Ihrem neuen Film nicht mehr?
Satrapi: Warum sollte ich einen politischen Film machen? Es ginge dann um lange Bärte, den Koran und Atomwaffen. Wie die meisten anderen Menschen interessiere ich mich für Liebe, für Essen, für so vieles anderes.
ZEIT ONLINE: Die politischen Verhältnisse im heutigen Iran haben Ihre Arbeit also nicht beeinflusst?
Satrapi: Ich lebe seit zwölf Jahren nicht mehr im Iran, ich habe mein halbes Leben außerhalb des Landes verbracht. Es wäre eine große Lüge, wenn ich sagen würde, meine Arbeit stünde mit den Verhältnissen im Iran in Zusammenhang. Ja, es berührt mich, wenn Menschen verhaftet werden, es berührt mich, wenn die Situation dort schlechter wird. Aber was soll ich machen? Soll ich über die Grüne Revolution sprechen? Ich war nicht dabei. Ich bin einfach nicht zynisch genug, um so etwas zu tun.






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