Filmexperiment "Arirang"Der eigenen Schwäche auf der Spur

Der koreanische Regisseur Kim Ki-duk drehte mit "Arirang" einen Film über seine eigene Schaffenskrise. Wird seine Trauer dadurch zum Schauspiel? von Fokke Joel

Die Bilder, die Kim Ki-duk in Arirang zeigt, sind denkbar gewöhnlich. Man sieht ihn in einer kleinen Hütte, irgendwo am Rande eines Bergdorfes in Korea. Man schaut ihm zu, wie er morgens aufsteht, wie er sich Kaffee mit seiner selbstgebauten Espressomaschine macht, wie er isst. Doch die Art, wie der südkoreanische Regisseur diese alltäglichen Bilder montiert und seine Geschichte erzählt, ist alles andere als gewöhnlich. In Cannes wurde der Film im vergangenen Jahr mit dem renommierten Preis der Reihe Un certain regard ausgezeichnet.

Arirang thematisiert nicht nur den Filmemacher, der seit 2008 keinen Film mehr gedreht hat und in eine tiefe Schaffenskrise geraten ist. Kim Ki-duk fragt sich auch, wie er in einem nur von ihm selbst gedrehten und geschnittenen Film von dieser Krise erzählen kann. Spielt er letztlich nicht bloß die Rolle des verzweifelten Kim Ki-duks? Sind es echte Tränen oder nur für die Dramatik des Films gespielte Tränen? Wer ist überhaupt Kim Ki-duk, wenn er sich selbst vor dem Monitor zeigt, auf dem er weinend zu sehen ist und sich angesichts dieser Bilder als Deppen bezeichnet?

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Unklar bleibt auch, ob ein Unfall während der Dreharbeiten zu seinem bis dahin letzten Film, Dream, Ursache dieser Krise gewesen ist. Vielleicht habe er auch einfach, sagt er, zu viel gearbeitet. Fünfzehn Filme in zwölf Jahren, für die er nicht nur das Drehbuch schrieb, sondern die er auch noch selbst geschnitten und produziert hat. Am Ende stellt Kim sogar den Zuschauer infrage, indem er ihn – mit einem vorwurfsvollen Blick direkt in die Kamera – als Voyeur seines Elends outet.


Doch bei allem Infragestellen der Bilder und der Geschichte wird deutlich: Diesem Mann geht es wirklich schlecht. Und ob er will oder nicht, mit Arirang zeigt Kim Ki-duk auch seine weniger vorteilhaften Seiten, seine Eitelkeit zum Beispiel. Ob er jemals wieder Filme drehen wird – außer diesem, den er, wie er sagt, gedreht hat, um überhaupt wieder zu filmen – bleibt unklar. Vielleicht wird er den Rest seines Lebens in der Einsamkeit seiner Hütte verbringen?

Am Ende von Arirang hat man den Eindruck, Kim Ki-duks eigentliches Problem bestehe darin, dass er die für ihn wirklich authentische Geschichte niemals in einem Film erzählen kann. Denn in jedem Film, selbst in einem Dokumentarfilm, wird gespielt und inszeniert. Diese Tatsache kann ihm durchaus bei dem Unfall während der Dreharbeiten zu Dream bewusst geworden sein. Genau in jenem Moment, als plötzlich die Wirklichkeit in die Scheinwelt des Filmsets einbrach und beinahe eine Schauspielerin gestorben wäre.

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Dann aber sagt Kim: "Filme sind für mich genau das: Sie sind wahr." Einen Satz also, der hoffen lässt, dass er wieder Filme drehen wird. Denn Filme enthalten keine absolute, endgültige Wahrheit, sondern eine Wahrheit, die immer wieder infrage gestellt wird. Und die durch neue Filme, durch neue Geschichten erneuert werden muss. Das ist eine unabschließbare Aufgabe des Filmemachens allerdings. Das koreanische Volkslied Arirang , nach dem der Film benannt ist, drückt es auf eine denkbar schlichte Weise aus: "Mal geht's bergauf. / Mal geht's bergab ... So sollst du leben. / So ist das Leben. / So ist es."

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Leserkommentare
  1. fellini hat ja auch noch ein paar filme nach 8 1/2 gemacht

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kim Ki-duk | Film | Dokumentarfilm | Drehbuch | Monitor | Geschichte
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