Komödie "Chinese zum Mitnehmen"Sprachlos in Buenos Aires

Argentiniens Schauspiel-Star Ricardo Darín spielt in "Chinese zum Mitnehmen" einen netten Misanthropen, der sich durch einen lahmen Plott und fahle Gags knurrt. von 

Roberto (Ricardo Darín) in seinem Laden

Roberto (Ricardo Darín) in seinem Laden  |  © 2011 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Sieben Tage. Sieben Tage und keine Stunde länger will Roberto (Ricardo Darín), der Eisenwarenhändler in einem Außenbezirk von Buenos Aires ist und ein Einzelgänger, den Chinesen Jun (Huang Ignacio Sheng Huang) in seinem Haus dulden. Damit auch Jun, der kein Wort Spanisch versteht, das kapiert, hat Roberto eine Strichliste an den Kühlschrank gepinnt. Jeden Morgen streicht er mit Genugtuung einen weiteren Strich darauf durch. Sein Gast verfolgt das Ritual über ein trockenes Stück Weißbrot hinweg mit sorgenvollem Blick. Der junge Mann weiß: Wenn die Frist abläuft und sein missgelaunter Wohltäter ihn hinauswirft, ist er in der argentinischen Hauptstadt mutterseelenallein.

Dabei kam Jun mit der festen Überzeugung aus China nach Buenos Aires , dass er fortan bei seinem emigrierten Onkel leben würde. Doch gleich nach der Ankunft wird Jun von einem Taxifahrer ausgenommen und neben dem Flughafen auf die Straße gestoßen, direkt vor Robertos Füße. Widerwillig macht sich der mit Jun zur Adresse des Onkels auf – um vor Ort festzustellen, dass der Onkel unbekannt verzogen ist.

Anzeige

Durch diese, leider bereits übermäßig konstruierte Begebenheit am Flughafen findet sich das ungewöhnliche Protagonistenpaar von Chinese zum Mitnehmen . Dass die erste Komödie des argentinischen Regisseurs Sebastian Borensztein – die in Argentinien binnen Wochen ein großer Publikumserfolg wurde – jetzt auch in die europäischen Kinos kommt, dürfte vor allem an Ricardo Darín liegen. Der 55-Jährige hatte 2010 in Juan José Campanellas Oscar-prämiertem Militärdiktatur-Drama In ihren Augen brilliert. Seither gilt Darín als argentinischer George Clooney , der mit seinen wasserblauen Augen auch auf der anderen Seite des Atlantiks Zuschauer(innen) in die Kinos lockt.

Auch für Chinese zum Mitnehmen gilt: Darín ist ein Schauspieler, den zu sehen sich lohnt. Gleich dem Gerichtsbeamten Benjamín Esposito in In ihren Augen ist der schrullige Roberto ein Mann, der sich in der Vergangenheit festgebissen hat. Die Gegenwart besteht nur aus Einsamkeit, Routine und Unverständnis für die modernen Zeitgenossen.

Jeden Abend um Punkt 23 Uhr löscht Roberto das Licht, er zählt seinem Zulieferer die Schrauben in den Paketen vor, wirft wählerische Yuppie-Kunden aus dem Laden und versucht sonst bei der chinesischen Botschaft und in China Town Jun wieder loszuwerden. Robertos anachronistisches Dasein und Tun ist rührend und komisch. Ansonsten aber sind die Lacher über die kulturellen Missverständnisse zwischen Argentinier und Chinese vorhersehbar und die Geschichte bleibt zu lange ohne Höhepunkte. Wenn zum fünften Mal die Sonne über Buenos Aires aufgeht und sich Roberto und Jun zum Frühstück nichts zu sagen haben, riskiert man im Kinosaal schon mal einen Blick auf die Uhr.

Erst in den letzten zwanzig Minuten löst sich dank eines Pizzalieferanten die quälende Sprachlosigkeit. Mit ihr verschwinden dann auch gleich alle Unklarheiten auf einmal: Roberto ist so ein Griesgram, weil er gegen England in den Falklandkrieg ziehen musste und danach in ein leeres Elternhaus zurückkehrte; Jun kam nach Buenos Aires, weil er seine Verlobte bei einem wahnwitzigen Unfall verloren hat. Nach der Aussprache findet Jun seinen Onkel und Roberto erkennt in Nachbarin Marí endlich die Frau seines Lebens.

Un cuento chino , so der spanische Titel von Chinese zum Mitnehmen , bedeutet soviel wie Märchen oder Lügengeschichte. Borensztein will mit seinem Film eine Parabel auf die Einsamkeit, in der man es sich gemütlich machen kann und dabei sein Leben verpassen, erzählen. Den harmlosen Klamauk um den Chinesen Jun hätte er nicht gebraucht, um diese Lehre zu ziehen.
 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • lyriost
    • 06. Januar 2012 18:38 Uhr

    Was ist denn ein "Plott" – Dazu noch ein lahmer? Eigentlich geht es hier doch nicht um schlecht laufende Hunde. Oder?

    Eine Leserempfehlung
  1. Neben dem üblichen Problem, einer schlechten Synchronisation welche dem Film viel Atmosphäre nimmt, scheint die Kritik hier auch ein wenig vorbeizugehen weil die Autorin scheinbar keinen Bezug zum argentinischen Leben hat. Ersichtlich zum Beispiel an der Aussage dies alles wäre sehr konstruiert, dies ist mitnichten der Fall. Weder die Art und Weise der Ankunft Juns angeht, noch die skurrile Geschichte mit der Kuh - diese wird übrigens im Abspann aufgelöst - sind aus der Luft gegriffen...Insgesamt lässt sich aber sagen, jeder der des Spanischen mächtig ist sollte sich das Original anschauen...

    Eine Leserempfehlung
  2. ...muss Zeit Online auch diesmal wieder das Ende verraten? Das passiert gefühlt in etwa der Hälfte aller Filmkritiken. Auch wenn dem Rezensenten der Film nicht gefallen hat - vielleicht wollte ihn sich ja doch irgendwer noch angucken...

    Eine Leserempfehlung
    • ime
    • 15. Januar 2012 9:04 Uhr

    Roberto hat keine "Strichliste" an den Kühlschrank gepinnt, sondern einen improvisierten Wochenkalender. Er streicht also einen "Strich" durch, sondern eine Ziffer.

    Und Marí ist nicht seine Nachbarin.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Falklandkrieg | Flughafen | George Clooney | Kino | Spanisch | Zulieferer
Service