Film "Empire me" Die Utopie sind wir

Freiheit ist, was man daraus macht: Der Regisseur Paul Poet besucht in seinem sehenswerten Film "Empire me" sechs winzige Nationalstaaten.

Die "Swimming Cities"

Die "Swimming Cities"

"Utopia. Was ist sie, die Gesellschaft der Zukunft? Wo ist das Ich, das Wir, das Abenteuer?" Der österreichische Regisseur Paul Poet ist diesen Fragen auf eine ungewöhnliche, aber einleuchtende Weise nachgegangen. Bekannt wurde er 2002 mit einem Film über Christoph Schlingensiefs Container-Aktion "Ausländer raus!". In seinem Film Empire me – Der Staat bin ich besucht er sechs winzige Staaten (von mehr als hundert), die sich seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Zwängen der Nationalstaaten entzogen und den Weg in die Freiheit genommen haben. Manche dieser unabhängigen Territorien sind nur einige Hundert Quadratmeter groß, andere einige Quadratkilometer. Manche haben sich zum Königreich erklärt, andere sind Kommunen.

Immer aber geht es um eine Form der Freiheit. "Freiheit ist etwas, was man nicht kennt, bevor man sie verliert", sagt Prinz Michael von Sealand. Sein winziges Reich befindet sich auf einer Betonplattform mitten in der Nordsee vor der englischen Küste. Im Zweiten Weltkrieg schossen von dort Luftabwehrkanonen auf deutsche Bomber. Im Jahr 1967 wurde die Plattform vom englischen Fischer Paddy Roy Bates besetzt und als erste Mikronation nach internationalem Recht anerkannt.

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Nur hin und wieder kommentiert Paul Poet seine Bilder. Der Film bildet die Realität nicht eins zu eins ab. Eher versucht er, sie zu verstehen. Überzeugend gelingt das zum Beispiel in dem Teil über das ZeGG, das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen Olympiadorfs von 1936 in Brandenburg befindet. Eine Kommune, die die Befreiung der Sexualität ins Zentrum stellt. Empire me zeigt, dass darunter mehr zu verstehen ist als Gruppensex und wechselnde Sexualpartner. Dass dazu auch eine andere Art der Lebensgestaltung gehört, eine andere Art des Liebens. Ob das der Weg in die Freiheit ist oder die Regressionstherapie, indem sich eine Gruppe nackter Menschen auf einer Plastikplane in die Ursuppe zurückversetzen will – die Schlussfolgerung bleibt dem Zuschauer überlassen.


Möglichkeiten zur Interpretation geben nur die Musik, Bilder und die Beiträge der Protagonisten. Kritische Kommentare oder Fragen von außen kann der Film nur indirekt ausdrücken. Die Freiheit des Zuschauers, über die real existierenden Utopien zu urteilen, ist damit größer. Allerdings steigt so auch die Gefahr für Missverständnisse. Paul Poet zeigt deshalb die Widersprüche und Alltagsprobleme der Mikronationen: So berichtet der König von Sealand von den Kämpfen der Anfangszeit, als die Plattform noch als Piratenradio fungierte und auch andere damit Geld verdienen wollten. Oder er zeigt in der oberitalienischen Esoterik-Kommune Damanhur den Zwang zur Disziplin und zur Einordnung in eine nicht sehr utopische Hierarchie, in der nur sogenannte "A-Bürger" manche Orte auf dem Gelände betreten dürfen.

Vielleicht werden die extremsten Formen der Auffassung von Freiheit und einem utopischen Staat am Anfang und Ende des Films deutlich. Am Anfang zeigt der Film den amerikanischen Science-Fiction-Autor Edwin Strauss, der das Buch How to start your own country geschrieben hat. Er sagt, die Zeit der großen Staaten sei vorbei. Staaten, die mit ihren riesigen und starren Armeen den Anforderungen eines Guerilla- oder Terrorkrieges nicht mehr gewachsen seien. Was heute nötig wäre, seien kleine wendige Staaten, die den neuen Bedrohungen, etwa durch schmutzige Atomwaffen, mit Flexibilität entgegentreten könnten. Eine paranoide Auffassung, die nicht davon ausgeht, dass von etwas befreit werden muss, sondern dass eine existierende Freiheit in Gefahr ist.

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Am Ende des Films zeigt Paul Poet dann die entgegengesetzte Vision, die Schwimmenden Städte von Serenissima, drei aus Schrott und angeschwemmten Holz zusammengesetzte Flöße. Begeistert erzählt Chicken John, der Chefkonstrukteur des Projekts, was er daran gut findet: "Das ist doch witzig. Du parkst einen Haufen Scheiße direkt neben jemanden mit einer 2-Millionen-Dollar-Yacht." Hier geht es nicht um neue Formen des Zusammenlebens, sondern einfach um den Spaß an der Sache. Freiheit ist hier die Freiheit, ohne Geld etwas Ungewöhnliches zu schaffen. Etwas, das noch keiner gemacht hat. "Die Utopie", heißt es zu den Bildern der in den Canal Grande einfahrenden Schwimmenden Städte von Serinissima, "das bist du. Das bin ich. Der Staat bin ich. Die Welt bin ich. Das Imperium, alles, bin ich allein."

 
Leser-Kommentare
  1. Wirklich ein sehr gelungener Film. Eine gute Spur artistischer Kunstfertigkeit (artsy fartsy), ein zumindest für mich völlig neues Thema und gleichzeitig immer sehr unterhaltsam. Ich bin nach wie vor fasziniert davon, dass sich bei diesen 5 doch sehr unterschiedlichen Beispielen der Ausbruch aus den bestehenden Strukturen doch in 2 Dingen immer gleicht:

    1. Es werden engste Anleihen an bestehenden historisch-Kulturellen Phänomenen genommen. Auch wenn unterschiedlichst gemischt und verklärt. Man findet wohlbekannte Hierarchien oder Titel, Stile, Regeln.

    2. Freiheit geht in allen Beispielen mit einem gerüttelt Maß an Unfreiheit einher. In einigen Beispielen ist es richtig bedrückend wie eingeengt die einzelnen TeilnehmerInnen durch die spezifischen Modi des gewählten Ortes wiederum sind, trotz aller Bekenntnisse zur Freiheit. So habe ich auch den Film verstanden. Empire me, ich bin die Unfreiheit, für mich und für andere Menschen, denn ich kann gar nicht anders als sie zu erzeugen.

  2. Solche gesellschaftlichen Experimente sind natürlich spannend. Ich habe z.B. mal eine sehr spannende und differenzierte Dokumentation über einen Kibbuz gesehen. Leider scheint dieser Film auf eine differenzierte/kritische Auseinandersetzung verzichten zu wollen – ARTE schreibt: "Eine ehemalige Fliegerabwehrplattform vor der Küste von Suffolk. Das ist der weltweit größte Standplatz für illegale Server. Was auf ihnen passiert, verrät „Empire Me“ nicht. Und auch die korrupten Aktionen anderer Mikronationen werden nicht thematisiert."

    Für mich ist das vergleichbar mit einer Agentur, die Werbung für Schokoladenriegel macht und nicht erzählt, welche Rolle Kinderarbeit bei der Herstellung der Riegel spielt. Mir ist schon klar, dass man nicht alles immer auf die moralische Feinwaage legen muss, aber es geht mir auch auf die Nerven, wenn Dinge zum Teil über alle Maße glorifiziert werden.

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