Film "Tage, die bleiben"Familiengeschichte der Kälte

Mit "Tage, die bleiben" schafft es die junge Regisseurin Pia Strietmann, das schwere Thema Trauer in einem stillen feinen Film zu bearbeiten. Es ist ein gelungenes Debüt.

Es geschieht aus heiterem Himmel. Unverhofft. Christian Dewenter und seine Frau Andrea sitzen im Auto. Gerade hat Andrea in Münster ihr erstes Buch vorgestellt. Christian kam später zur Lesung – er war zuvor noch auf einem Konzert von Laura, der jüngeren Cellistin, mit der er zur Zeit eine Affäre hat. Andrea weiß um die Liaison ihres Mannes, und so setzt sie ihn auf der Heimfahrt direkt vor Lauras Haus ab. Hier sei doch der Ort, an der er hin wolle, meint sie. Er ist verdutzt, zögert, steigt aber dennoch aus, die Aussprache haben sie auf den morgigen Tag verschoben. Doch ein Morgen wird es nicht mehr geben. Andrea fährt lediglich um die Ecke des Wohnblocks, als sie auf der Kreuzung frontal von einem heranfahrenden Laster erwischt wird. Sie ist sofort tot.

Andrea (Lena Stolze) lässt eine Familie in vollkommener Starre und Sprachlosigkeit zurück. Intakt ist hier eigentlich gar nichts mehr. Keiner kommuniziert wirklich mit dem anderen, man umarmt sich nicht, man hält sich nicht. Im Münsteraner Hause der Dewenters herrscht seit jeher Kälte und Distanz. Ein unwirtlicher Ort. Sohn Lars (Max Riemelt) reist aus Berlin an, wo er sich mehr schlecht denn recht als Schauspieler durchschlägt. Tochter Elaine (Mathilde Bundschuh), die jüngste im Bunde, die noch zu Hause wohnt, flüchtet sich in Scheinbeschäftigungen mit ihrer Freundin Merle. Alles – die Vorbereitungen der Beerdigung, der Umgang mit der neuen Situation, und dass sie nun zu dritt sind – überfordert Christian (Götz Schubert), Lars und Elaine. Es gilt, einen Weg, einen Umgang miteinander zu finden. Füreinander.

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Pia Strietmann, 1978 in Münster geboren und heute in München lebend, legt mit Tage, die bleiben nach ihrem Studium an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film ihren Debüt-Langfilm vor. Die junge Regisseurin hat auch das Drehbuch zu diesem schweren Stoff geschrieben, in dem es um das Sterben, das Trauern und das Loslassen geht, um den so schwierigen und schmerzlichen Umgang mit dem Abschied vom Leben. Und zugleich auch um das Neu-Zueinanderfinden einer in sich zerbrochenen Familie. Dass Pia Strietmann dies auf überzeugende Weise gelungen ist, das macht ihren Debütfilm sehenswert.


Es gibt Szenen in diesem dramaturgisch stringent erzählten Familiendrama, die zutiefst berühren: So erfährt Ehemann Christian etwa – und es ist reiner Zufall – dass auch seine Frau Andrea eine Affäre hatte und ihn verlassen wollte. Christian hört schlicht die Mailbox der Toten ab. Der letzte Anruf ist von einem anderen Mann, der Andrea liebt. Als Christian daraufhin wutentbrannt zum Haus dieses Mannes fährt und durch die Gartenfenster sieht, wie dieser allein am Tisch sitzt, gebeugt wimmernd, heulend – trauernd eben –, da wird Christian klar, was ihm selbst fehlte und wozu er bisher unfähig schien. Ganz langsam setzt ein innerer Wandel ein. Es gibt einige solcher Szenen in diesem wunderbar leise erzählten Drama, das letztlich auch Versöhnliches und Tröstliches in sich trägt.

"Es regnet Hamster", meint Elaine zu einem gleichaltrigen Jungen, als dieser ihr erzählt, dass seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen habe, und dass sein Hamster gestorben sei. Daraufhin habe seine Mutter ihm erklärt, dass nichts endgültig geht, dass alles irgendwo bleibt, nur eben in einer anderen Materie. Die beiden sitzen draußen im Garten, es ist Abend, und es regnet. "Es regnet Hamster."

Tage, die bleiben erzählt von dem einschneidenden Erlebnis eines Todesfalles in einer Familie, ohne dabei in Kitsch oder Pathos zu verfallen und ohne belehrenden Gestus. Die Inszenierung ist einfühlsam und zurückhaltend, die Darsteller sind präzise und überzeugend, der Ton des Films ist vollkommen unprätentiös. Tage, die bleiben ist junges, deutsches und zugleich kleines, feines Kino, wie es in dieser glaubwürdigen authentischen Art nur selten zu sehen ist.

 
Leserkommentare
  1. Sehr schön, mit Seltenheitswert. Chapeau!

  2. Liebe ZEIT-Redaktion,

    ihr übergeht doch nicht etwa den Film über den alle Welt spricht und staunt - zumindest ich und viele meiner Bekannten - "Drive" von Nicholas Winding Refn??? Immerhin gabs den Regiepreis letztes Jahr in Cannes...

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