Max Ophüls Preis Die Kamera behält das Monströse im Blick
Das Filmfestival Max Ophüls zeichnet junge Filmemacher aus. Dieses Jahr ehrt die Jury Arbeiten, die sich mit Missbrauch und Machtstrukturen beschäftigen.
Die Hand des Mannes, die sich beim Spaziergang sanft, aber bestimmt in den Nacken des Jungen legt, wirkt auf Unwissende wie eine vertraute, väterliche Geste. Aber diese Hand ist keine, die das Kind beschützt, sondern eine, die es gefangen hält. Für sein Debüt Michael erhielt der österreichische Regisseur Markus Schleinzer beim diesjährigen Max Ophüls Festival den Hauptpreis der Jury (36.000 Euro). Sein Film erzählt, angelehnt an die Geschehnisse im Fall Kampusch, von dem Versicherungsangestellten Michael (Michael Fuith – Preis für den besten Nachwuchsdarsteller), der im Keller einen zehnjährigen Jungen gefangen hält und regelmäßig missbraucht.
"Ich finde, dass eine Gesellschaft nur so weit entwickelt sein kann, wie sie auch in der Lage ist, sich mit ihren Tätern auseinanderzusetzen“, sagt Schleinzer und zeigt das Unfassbare in einem nüchternen und dokumentarischen Stil mit konsequentem Blick auf den Päderasten. Der Film, der die sexuelle Gewalt nie direkt ins Bild fasst, entwickelt seine nachhaltig verstörende Wirkung gerade dadurch, dass er das Monströse fest in die gesellschaftliche Normalität einbindet. Michael fährt jeden Tag ins Büro, brutzelt am Abend für sich und den Jungen Leberkäse, feiert mit ihm Weihnachten und trägt jeden Missbrauch fein säuberlich in den Kalender ein.
Die Beziehungen und Auseinandersetzungen zwischen Tätern und Opfern war das große Thema im diesjährigen Wettbewerb des Saarbrücker Festivals, das seit nunmehr 33 Jahren einen kompakten und kompetenten Überblick über den deutschsprachigen Nachwuchsfilm gibt. In Not in My Backyard porträtiert der Dokumentarfilmer Matthias Bittner zwei entlassene Sexualstraftäter in Florida. Stillleben des Österreichers Sebastian Meise erzählt von der Implosion einer Familie, nachdem die nicht ausgelebten pädophilen Neigungen des Vaters ans Licht kommen. Festung von Kirsi Marie Liimatainen zeigt aus der Perspektive eines pubertierenden Mädchens die Mechanismen familiärer Selbstisolation, die durch eheliche Gewaltverbrechen entstehen. In Die Unsichtbare untersucht Christian Schwochow die Machtstrukturen am Theater zwischen einem berserkerhaften Regisseur (Ulrich Noethen) und einer unsicheren Jungschauspielerin.
Mit fast schon Shakespearescher Wucht und differenziertem Blick konfrontiert Lars-Gunnar Lotz in Schuld sind immer die Anderen einen jugendlichen Straftäter in einem Projekt des offenen Strafvollzuges mit dem Opfer seiner Gewalttaten. Die Komplexität von Schuld und Vergebung wird hier sorgfältig ausgelotet und gleichzeitig der allzu oft mit Stereotypen belegte Berufsstand des Sozialarbeiters gründlich rehabilitiert – einer der stärksten Filme des Festivaljahrgangs, der bei der Preisverteilung unbegreiflicherweise leer ausging.
Viele Filme des Festivals überzeugten durch Drehbücher, die mit starken Prämissen das Publikum direkt in die Geschichten hineinziehen. So auch Transpapa von Sarah Judith Mettke, der mit dem Preis des saarländischen Ministerpräsidenten (11.000 Euro) ausgezeichnet wurde. Hier erfährt die 15-jährige Maren (Luisa Sappelt), dass ihr Vater, der die Familie früh verlassen hat, mittlerweile eine Frau ist. Devid Striesow, der übrigens, wie die Regisseurin berichtete, dank eines Online-Frisuren-Test-Tools auf brigitte.de gecastet wurde, spielt mit unnachahmlicher Nonchalance den transsexuellen Vater, der ebenso wie die pubertierende Tochter seinen neuen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat.
Den persönlichen Konflikten im verengten, erzählerischen Raum standen in Saarbrücken Filme gegenüber, die ihre Figuren gezielt in die Mühlen der Zeitgeschichte und der sich rasant verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse geraten ließen. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges inszeniert der Schweizer Pascal Verdosci in Manipulation ein mit Klaus Maria Brandauer und Sebastian Koch hochkarätig besetztes Kammerspiel, das von einem Spionage-Plot ausgehend einen intelligenten Diskurs über die Manipulierbarkeit der öffentlichen Meinung führt.
- Datum 23.01.2012 - 17:48 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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