ZEIT ONLINE:  Viele Menschen fordern für Kinderschänder drakonische Strafen. Sie auch?

Markus Schleinzer: Ich kann Menschen verstehen, deren erster Gedanke der Ruf nach einem mittelalterlichen Recht ist. Meine Emotion schließt sich dem an. Es ist erschreckend. Als ich von dem Attentat in Oslo gehört habe, war mein erster Wunsch, dass sich dieser Mann hoffentlich selbst hingerichtet haben wird, wie man das in solchen Fällen oft so sauber serviert bekommt. Dann wünschte ich mir, dass man ganz Schreckliches mit solchen Menschen anstellt. Dieses Wünschen hat mich so schockiert, dass es ein zusätzliches Motiv wurde, an diesem Stoff zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Ihr Protagonist, hat nichts mit den bekannten Täterfiguren zu tun, die in den vergangenen Jahren durch die Medien gingen: mit dem Fall Kampusch, dem Fall Fritzl. Ihre Täterfigur haben Sie von einer Psychologin wissenschaftlich absichern lassen. Haben Sie Ihrem eigenen Konstruktionstalent nicht getraut?

Schleinzer: Ich halte es für nicht richtig, einen Film über das Thema zu machen und sich dem Wildwuchs der eigenen Phantasie zu überantworten. Das ist geschmacklos. Ich habe schon zu viele Filme gesehen, in denen Kindesmissbrauch als Motiv herbeizitiert wurde, ich aber das Gefühl hatte, die Filmemacher erzählten ihre Geschichte, wie es ihnen dramaturgisch in den Kram passte – kaum eine CSI -Folge oder ein Tatort , in dem das nicht der Fall wäre. Das finde ich widerlich und ärgert mich wahnsinnig, weil so viel Dummheit damit getrieben wird – und Missbrauch. Es war mir also wichtig, dass die Handlung noch einmal von Heidi Kastner, einer forensischen Psychologin, deren Spezialgebiet diese Art von Mensch ist, überprüft wird. Vielleicht bin ich außerdem ein ängstlicher Mensch und wollte nicht in der Sorge leben, mir nachher von Hinz und Kunz sagen lassen zu müssen, das sei alles ein Quatsch.

ZEIT ONLINE:Michael und das gefangene Kind unternehmen auch Ausflüge. Warum läuft der Junge nicht einfach weg?

Schleinzer: Weil er das nicht kann! Das Schreckliche an der Opfersituation ist ja, dass man so sehr viel mitmacht und mitträgt. Eines der berührendsten Bücher, die ich je gelesen habe, ist das von Sabine Dardenne, Ihm in die Augen sehen . Sie war eine der zwei Dutroux-Überlebenden, das Mädchen, das am längsten gefangen gehalten wurde. Dutroux hat sie glauben gemacht, dass ihr Vater, ein Polizist, sich mit der Mafia eingelassen hätte. Und dass die Mafia komme und alle häuten und umbringen würde und dass ihr Vater ihn persönlich gebeten habe, das Mädchen in Gewahrsam zu nehmen und zu beschützen. Sie hat das geglaubt, obwohl sie in diesem Käfig eingekerkert war, nackt, angekettet, schwerst missbraucht – grauenvoll. Trotzdem hat sich irgendetwas in ihrem Kopf daran festgehalten, dass dieser Mensch noch etwas von Güte haben müsse. Sie sagt in ihrem Buch, das sei es, wofür sie sich am meisten schäme: Dass sie bis zum Ende immer noch bereit war, Dutroux zu glauben.

Sabine Dardenne war etwas älter als mein Darstellerkind. Aber wenn du mit zehn Jahren einer Situation wie dieser ausgeliefert bist, musst du dich organisieren, um das überleben zu können, nicht nur im Alltag, sondern auch in deinem Geiste. Wenn einem so etwas Extremes widerfährt, dann mit absolut geistiger Offenheit geschlagen zu sein, kann auch ein Fluch sein, möchte ich fast sagen.

ZEIT ONLINE: Stilistisch könnte Michael auch ein Film von Michael Haneke sein. Inwieweit ist Haneke ein Vorbild für Sie?