Max Ophüls PreisBegegnungen mit der eigenen und der fremden Natur

Mehrere Regisseure schicken in diesem Jahr Psychogramme in das Rennen um den Max Ophüls Preis. Außer Konkurrenz: der Eröffnungsfilm "Die Summe meiner einzelnen Teile". von Claudia Lenssen

Martin (Peter Schneider) findet Trost bei einem Jungen (Timur Massold)

Martin (Peter Schneider) findet Trost bei einem Jungen (Timur Massold)  |  © Wildbunch Germany

Sechs Tage im Januar konzentriert sich die Nachwuchsszene des deutschsprachigen Films im Südwesten Deutschlands. Zu Ehren des in Saarbrücken geborenen Regisseurs Max Ophüls ( Lola Montez ) gegründet, ist das Filmfestival Max Ophüls Preis seit 1979 der traditionsreichste und renommierteste Wettbewerb für Talente aus Deutschland, Österreich und der Schweiz . Siebzehn Spielfilme konkurrieren um den Hauptpreis, daneben werden Dokumentarfilme, kurze und mittellange Filme ausgezeichnet sowie Publikums- und Kritikerpreise vergeben.

Das Beste ist: Saarbrücken ermöglicht Gespräche. Das Festival feiert, vor allem bringt es jedoch Produzenten, Redakteure, Verleiher und Karrierevorbilder in Kontakt mit dem Nachwuchs, um über die ersten Filme hinaus weitere Zukunftschancen zu eröffnen. Philipp Bräuer , zusammen mit Gabriela Bandel Leiter des Festivals, kennt die Erwartungen: "Bei 500 neuen Filmen pro Jahr in unseren Kinos und meist nur kleinen Marketingbudgets ist die Konkurrenz riesengroß. Aber Nachwuchsregisseure sehen unser Festival grundsätzlich als Gehversuch. Ihr Traum ist immer der Kinostart und in manchen Jahren konnte man leider sehen, dass sie die Machart der Filme an vermeintliche Erfolgsrezepte anpassten."

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Der Regisseur des Eröffnungsfilms, Hans Weingartner, steht für Eigensinn und persönliche Handschrift, wie sie die Festivalmacher auch unter den Wettbewerbsfilmen des diesjährigen Programms wieder verstärkt entdecken. Im Jahr 2001 gewann der in Berlin lebende Österreicher den Max Ophüls Preis für sein Debüt Das weiße Rauschen . Das Drama um einen jungen Psychotiker, der seinen Weg fernab systemkonformer Psychiatrie sucht, wurde zum Überraschungserfolg der Programmkinos und auch Weingartners Anarcho-Komödie Die fetten Jahre sind vorbei brachte das aufkeimende Unbehagen gegen den Turbokapitalismus des neuen Jahrzehnts schlaglichtartig auf den Punkt. Mit der Erstaufführung seines fulminanten neuen Spielfilms Die Summe meiner einzelnen Teile kehrt Hans Weingartner zur Eröffnung des Max Ophüls Festivals nach Saarbrücken zurück.

Eindringlich erzählt Die Summe meiner einzelnen Teile vom Absturz eines hochbegabten Mathematikers (Peter Schneider) aus den sozialen Netzen, die ihm seine Leistungsbereitschaft ermöglichte. Nach dem Burn-out entlassen, verliert der Vereinsamte den Boden unter den Füßen. Urszenen seiner Kindheitstraumen erwachen, seine Visionen werden konkret, für die Zuschauer sichtbar und spürbar als lose Enden eines "zerspringenden Ichs" (Hans Weingartner). Der Mann vagabundiert gemeinsam mit einem zugelaufenen zehnjährigen Jungen, der vielleicht nur eine Vision seines "inneren Kindes" darstellt, doch diese wahnhafte Wahrnehmung verdichtet sich zu einem Bild der Freundschaft und Solidarität. Sie wird zum Ausgangspunkt einer existentiellen Abenteuerreise, einer Wiederbegegnung.

Stilistische Eigenwilligkeit und Mut zu Visionen bemerkt Festivalleiter Philipp Bräuer in vielen Filmen dieses Jahrgangs: "Oft ist das Dilemma typischer Nachwuchsfilme, dass sie sich kaum aus dem Umkreis der eigenen Erfahrungen heraustrauen. Jetzt haben wir es wieder mit Filmen zu tun, die Themen von gesellschaftlicher Relevanz aufgreifen – nicht unbedingt experimentell. Sie machen die klassischen Erzählformen nicht kaputt, sie nutzen sie auf eine reife Art."

Der Berliner Kameramann und Regisseur Jan Zabeil zeigt in Saarbrücken ebenfalls einen Film, in dem die Begegnung mit Naturkräften die rationalen Gewissheiten eines einsamen Reisenden außer Kraft setzt. Für Der Fluss war einst ein Mensch reiste Zabeil mit einem Kameramann, einem Tonmann und dem Schauspieler Alexander Fehling nach Afrika und zeichnete die quasidokumentarischen Erlebnisse seines Extremtouristen in der Wildnis auf, die eine tiefgreifende Veränderung und radikale Infragestellung seiner Selbstwahrnehmung hervorrufen. Der Fluss war einst ein Mensch wurde bereits auf Festivals in Toronto und München gezeigt und in San Sebastian ausgezeichnet, doch sein deutscher Kinostart ist nicht "in trockenen Tüchern", räumt der Regisseur ein. "Das Max Ophüls Festival gibt jungen Filmemachern eine tolle Chance", sagt Jan Zabeil, "Der Gewinner des Hauptpreises erhält auch eine Prämie von 18.000 Euro, um damit einen Verleih für den Film zu interessieren. Das ist nicht zu unterschätzen."

Eine Expertenjury wird entscheiden, ob Jan Zabeils Reise ins Innere des fremden Kontinents Afrika den Max Ophüls Preis verdient. Oder Christian Schwochows Film Die Unsichtbare , der psychische Parforceritt einer jungen unsicheren Schauspielerin. Auch Sarah-Judith Mettkes Transpapa , die Konfrontation eines pubertierenden Mädchens mit seinem zur Frau gewordenen Vater, könnte sich ebensolche Chancen ausrechnen, wie die weiteren Filme des Wettbewerbs.

Philipp Bräuer sieht Saarbrücken trotz der immensen Konkurrenz zu den Festivals in München, Ludwigshafen , Hof oder Berlin als Treffpunkt, der den besten Filmen des Jahrgangs Aufmerksamkeit garantiert: "Aber wir dürfen uns nicht ausruhen auf dem guten Ruf."

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Max Ophüls | Film | Festival | Lola Montez | Regisseur | Spielfilm
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