Nachruf Theo AngelopoulosDer tragische Tod eines Filmkünstlers

Er war der Meister der Langsamkeit und der Zelebrator des 360-Grad-Schwenks. Jetzt ist der griechische Regisseur Theo Angelopoulos tödlich verunglückt.

Theo Angelopoulos im Jahr 2009

Theo Angelopoulos im Jahr 2009

Was für ein lauter, oberflächlich dramatischer Tod, der so gar nicht zu diesem inwendig glühenden Leben passen will. Aber wann passt ein Tod schon zum Leben? Mit fast boulevardesker Präzision verbreiteten Agenturen die Nachricht, der 75-jährige Theo Angelopoulos sei in Piräus bei Dreharbeiten zu seinem Film Das andere Meer beim Überqueren der Straße von einem Motorrad erfasst worden und "nach dem Aufprall in einen vier Meter tiefen Schacht gestürzt". Am Abend sei der Regisseur in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen.

Eine Action-Szene. Absurd. Ja, es gibt Szenen der Gewalt im kohärent sich entfaltenden Werk des Regisseurs Theo Angelopoulos, aber die Gewalt spiegelt sich eher in Gesichtern, in der Summe ihrer Leiden, als dass sie sichtbar ausbräche, gar mit Lust auf Effekt.

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Ja, es gibt darin sogar Motorradszenen, aber sie sind choreografisch, symbolisch, überhöht wie so vieles in seiner Kopfinnenwelt – etwa jene Szene in Angelopoulos’ nunmehr letztem vollendeten Film The Dust of Time (2009), in der Motorradfahrer behutsam einen leblos am Boden liegenden Körper umrunden. Und war nicht Bruno Ganz als sterbender Dichter in Die Ewigkeit und ein Tag, für den Angelopoulos 1999 in Cannes endlich, endlich die Goldene Palme erhielt, sogar mitten auf den Fahrbahnen der Metropole Thessaloniki herumgeirrt – nur war es früher Morgen und die Stadt menschenleer?


Ein irrer Cut für den Meister der Langsamkeit. Für den Zelebrator des minutenlangen 360-Grad-Schwenks, für den Weltmeister der langen Plansequenz. Kam nicht sein vorletzter Film Die Erde weint mit sagenhaften 340 Einstellungen in 170 Minuten aus? Man raunt sich jetzt diese Zahlen zu, unter Eingeweihten, die diesem Solitär der Filmgeschichte bis zum Ende die Treue hielten. Man erinnert sich, angesichts seiner majestätisch anhebenden und verebbenden Bildsinfonien, an Trancezustände vor der Riesenleinwand, wie es sie vorher ähnlich nur bei Tarkowski und Antonioni gab. Und heute allenfalls noch, und was für ein Glück, bei Sokurow. Ins Kino gehen wie in einen Zwischenzustand zwischen Tod und Leben, zu Hause sein bei Leuten, die von eben diesen Zwischenzuständen zu wissen scheinen.

Die Helden des Theo Angelopoulos sind Verlorene, von Anfang an. Sie kehren zurück von weither, aus fremden Kontinenten und nach Jahrzehnten, in etwas, das ihre Heimat war, und sie gehören nicht mehr dazu. Aber haben sie jemals irgendwo dazugehört? Schon in seinem Erstling Rekonstruktion, den Angelopoulos erst mit knapp 40 Jahren drehte, kehrt ein Mann zurück, aber seine Frau – Eleni heißt sie wie die Heldin seiner letzten, nun unvollendet bleibenden Trilogie – liebt einen anderen. Es endet schlimm. Immer endet es schlimm für die verstörend verstörten Figuren der Angelopoulos-Filme, ob sie von eigener Hand umkommen oder auch nicht. Und wenn es nicht tödlich ausgeht, so geht es hinaus ins kalte, neblige, weltenendenah verregnete Offene.

Angelopoulos’ Griechenland, und er hat seine universellen Schmerzensdramen fast ausschließlich in der Heimat gedreht, ist eine Landschaft, wie sie an Polarkreisen der Seele gedeiht: kühl, nass, dunkel. Und wenn es jetzt heißt, sein letzter Film habe die griechische Staatsfinanzkatastrophe zum Thema gehabt, so kann das nicht mehr als eine grotesk verkürzte Pointe sein. Denn die Fantasiewelt dieses Regisseurs, so sehr sie sich an den Großachsen der griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts orientiert, ist thematisch und formal grenzenlos. So wie unglückliche Heimkehrer, Migranten und Flüchtlinge sie durchströmen, so kann der Blick aus einem Fenster mühelos in ein anderes Land, eine jahrzehnteferne Zeit gehen. Ein gutes Dutzend Werke hat dieser große Autorenfilmer der Nachwelt hinterlassen, und ihre Heimat heißt: Immer und Überall.

Leserkommentare
  1. 1. DANKE!

    Danke für diese Erinnerung an ihn ..

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