MedienpolitikProtest von ORF-Redakteuren erfolgreich

Der öffentliche Widerstand gegen eine vermutlich parteipolitische Personalie beim Österreichischen Rundfunk hatte Erfolg: Der Kandidat zog seine Bewerbung zurück. von dpa

Der Streit um die Besetzung eines wichtigen Postens in Österreichs öffentlich-rechtlichem Sender ORF ist beendet. Der 25-jährige Nikolaus Pelinka , der den Sozialdemokraten nahesteht, wird nun doch nicht Büroleiter von ORF-Chef Alexander Wrabetz. Er ziehe seine Bewerbung wegen der öffentlichen Debatte zurück, teilte Pelinka mit. Damit setzte sich die Redaktion gegen die Führungsetage durch.

Pelinka koordinierte früher den sozialdemokratischen Freundeskreis im ORF-Stiftungsrat, dem parteipolitisch besetzten Aufsichtsgremium des Senders. In den vergangenen Wochen hatten die Redakteure des Senders die geplante Stellenbesetzung öffentlich kritisiert und sie als politisch motiviert bezeichnet. 1.300 Unterschriften wurden im ORF gesammelt. Anfang der Woche stellten 55 Nachrichtenredakteure ein Protestvideo ins Internet , in dem sie erklärten: "Der ORF gehört den Österreicherinnen und Österreichern, nicht den Parteien."

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Auch der ORF-Betriebsrat hatte gegen die geplante Stellenbesetzung protestiert. Wrabetz habe über diese Personalie entschieden, bevor die Stelle offiziell ausgeschrieben wurde, hieß es.

ORF-Chef Wrabetz sagte, er respektiere die Entscheidung Pelinkas. Zugleich sagte er aber: "Die geplante Bestellung von Niko Pelinka war ebenso wenig Gegenstand einer parteipolitischen Absprache wie sein nun bekanntgegebener Rückzug." Der Protest von mehr als 1.300 Journalisten sei jedoch ernst zu nehmen. Die Diskussion beweise auch die Stärke, das Selbstbewusstsein und die Unabhängigkeit der journalistischen Mitarbeiter des ORF.

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Leserkommentare
  1. Meinen herzlichsten Glückwünsche an die Journalisten des ORF und an ihre Standhaftigkeit.
    So etwas hätte man sich auch vor nicht allzu langer Zeit im ZDF gewünscht. In Deutschland hat bisher nur der MDR (mit Hilfe der anderen Fernsehanstalten) den unverhohlenen Versuch verhindert, konservative Politik in den oberen Etagen zu etablieren.

    Angesichts der Strategien der Konservativen, sich die Macht der Medien zu sichern (Adenauers Parteifernsehen ZDF, der Kampf um die sog. "Ausgewogenheit" in den 70ern, Personelle Querelen, die Einführung des Privatfernsehens in der BRD, um unter Umgehung der Öffentlich-Rechtlichen mehr Macht zu gewinnen usw.) wundert es mich überhaupt nicht, dass die Christsozialen in Europa so still sind, wenn es um Ungarn und Orbans Medien- und Kulturpolitik geht.

    Und das Beispiel ORF zeigt leider, das die Sozis diese Politik auch gerne machen würden. Zum Glück sind sie meist nicht fähig genug dazu. Felix Austria.

    Eine Leserempfehlung
  2. Mein ausdrücklicher Respekt an die Mitarbeiter und Angestellten des ORF.
    Da steckt natürlich auch ordentlicher Druck im Kessel, wenn andernorts massiv gekürzt wird, aber demnoch:
    So sieht gelebte Demokratie und ernstgenommener Berufsethik aus!

    Ich zweifle ja leider, dass sowas bei unseren Öffentlich-Rechtlichen möglich.
    Vor allem wenn man einfach mal an das vergangene Jahr denkt:
    An das Interviewkuscheln mit Wulff, an die Solo-Talkrunde Jauch Mutti Merkel, später selbiges in Rot mit Steinbrück und Schmidt, und nicht zuletzt diese vollkommen sinnfreie Doppelberichtserstattung über irgendwelche adeligen Hochzeiten jenseits unserer Grenzen.

    Wem fühlen sich wohl diese Hofberichtserstatter verpflichtet?
    "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht!"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Bewerbung | Internet | ORF | Redakteur | Redaktion | Selbstbewusstsein
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