ZEIT ONLINE: Warum haben Sie den Krieg in Bosnien als Thema für Ihr Regiedebüt gewählt?

Angelina Jolie: Als dieser Krieg ausgebrochen ist, war ich siebzehn und bin munter durch Europa gereist, ohne zu wissen, was dort nur ein paar Hundert Meilen von mir entfernt vor sich ging. Ich war vollkommen ignorant. Als erwachsene Menschen sind wir für unser eigenes Wissen verantwortlich, das uns in die Lage versetzt, aus der Geschichte zu lernen. Ich wollte einen Film machen, der sich mit dem menschlichen Sein im Krieg beschäftigt. Ich wollte zeigen, dass alle Figuren, egal auf welcher Seite sie in diesem Konflikt stehen, eine Menschlichkeit besitzen – und was mit dieser Menschlichkeit geschieht, wenn sie sich mitten in einem Krieg befinden. Das betrifft übrigens auch die Frage von Interventionen, wie sie jetzt anhand der Krisengebiete in Nahost diskutiert werden. Denn je länger so ein Krieg anhält, umso stärker fällt die Gesellschaft auseinander, umso tiefer werden die Wunden und umso länger dauert der Heilungsprozess.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie für diesen Film recherchiert?

Jolie: Ich bin in den vergangenen zehn Jahren sehr viel in Krisengebiete gereist und habe mit Leuten gesprochen, die solche kriegerischen Konflikte überlebt haben und zurück in diese Regionen gegangen sind, in denen die eigenen Nachbarn zu Feinden wurden. Ich hatte also ein sehr klares Bild davon, was mit Menschen in solch einer Situation geschieht. Dennoch habe ich natürlich zu dem Krieg in Bosnien sehr viel gelesen und recherchiert. Wichtig waren auch die Schauspieler, die ihre eigenen Erfahrungen eingebracht haben. Sie waren alle auf die eine oder andere Weise von diesem Krieg betroffen. Ihre Erfahrungen haben das Projekt stark beeinflusst.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig war es Ihnen, von diesem Krieg aus der Perspektive einer Frau zu erzählen?

Jolie: Ich habe mich nicht hingesetzt und wollte unbedingt einen Film aus der Frauenperspektive machen. Aber die systematische Vergewaltigung von Frauen war in diesem Konflikt nun einmal ein signifikantes Kriegsverbrechen und das musste auch deutlich gezeigt werden.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie als Regisseurin mit der Inszenierung dieser Gewaltszenen umgegangen?

Jolie: Ich wollte, dass die Zuschauer sich unwohl fühlen. Ich finde, man sollte keine Massenexekution oder Vergewaltigung im Kino zeigen, ohne dass es dem Publikum nahe geht. Gleichzeitig wird die Gewalt in diesem Film oft nur indirekt gezeigt. Die Exekution zu Beginn findet außerhalb des Bildausschnittes statt und wird nur über die Tonspur wahrgenommen. Bei den Vergewaltigungen sieht man keine nackten Körper. Aber an einzelnen Punkten musste ich weiter gehen, um die verstörende Macht der Gewalt authentisch zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Zu Beginn der Dreharbeiten in Bosnien gab es Schwierigkeiten mit den Genehmigungsbehörden. Wie sind Sie mit der Skepsis gegenüber Ihrem Projekt umgegangen?

Jolie: Ich kann sehr gut verstehen, dass die Leute dort Vorbehalte gegenüber Außenstehenden haben, die sich ihrer Geschichte bedienen. Schließlich ist das Ganze erst fünfzehn Jahre her und kein Film kann alle Seiten des Konfliktes zeigen.

ZEIT ONLINE: Wussten die Schauspieler beim Casting, dass sie in einem Film von Angelina Jolie mitspielen werden?

Jolie: Nein, sie haben die Drehbücher anonym bekommen. Ich wollte ihre Entscheidung nicht beeinflussen und wissen, was sie ehrlich über das Skript denken.