Angelina Jolie : "Ich wollte, dass die Zuschauer sich unwohl fühlen"

Auf der Berlinale zeigt Angelina Jolie ihr Regiedebüt über den Bosnien-Krieg. ZEIT ONLINE spricht mit ihr über politisches Engagement und ihr Verhältnis zu Hollywood.
Angelina Jolie beim Dreh © Ken Regan © 2011 GK Films

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie den Krieg in Bosnien als Thema für Ihr Regiedebüt gewählt?

Angelina Jolie: Als dieser Krieg ausgebrochen ist, war ich siebzehn und bin munter durch Europa gereist, ohne zu wissen, was dort nur ein paar Hundert Meilen von mir entfernt vor sich ging. Ich war vollkommen ignorant. Als erwachsene Menschen sind wir für unser eigenes Wissen verantwortlich, das uns in die Lage versetzt, aus der Geschichte zu lernen. Ich wollte einen Film machen, der sich mit dem menschlichen Sein im Krieg beschäftigt. Ich wollte zeigen, dass alle Figuren, egal auf welcher Seite sie in diesem Konflikt stehen, eine Menschlichkeit besitzen – und was mit dieser Menschlichkeit geschieht, wenn sie sich mitten in einem Krieg befinden. Das betrifft übrigens auch die Frage von Interventionen, wie sie jetzt anhand der Krisengebiete in Nahost diskutiert werden. Denn je länger so ein Krieg anhält, umso stärker fällt die Gesellschaft auseinander, umso tiefer werden die Wunden und umso länger dauert der Heilungsprozess.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie für diesen Film recherchiert?

Angelina Jolie

ist unangefochten der größte weibliche Star am Hollywoodhimmel. Ihren schauspielerischen Durchbruch hatte sie in der Rolle einer Psychiatriepatientin in Durchgeknallt, für die sie 1999 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Zur weiblichen Action-Ikone wurde sie als Lara Croft in der Videospielverfilmung Tomb Raider. Es folgten Arbeiten unter der Regie von Robert De Niro (Ein guter Hirte), Clint Eastwood (Der fremde Sohn), Michael Winterbottom (Ein mutiger Weg) und Florian Henckel von Donnersmarck (The Tourist). Seit 2001 arbeitet Jolie als Sonderbotschafterin für das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR).

Jolie: Ich bin in den vergangenen zehn Jahren sehr viel in Krisengebiete gereist und habe mit Leuten gesprochen, die solche kriegerischen Konflikte überlebt haben und zurück in diese Regionen gegangen sind, in denen die eigenen Nachbarn zu Feinden wurden. Ich hatte also ein sehr klares Bild davon, was mit Menschen in solch einer Situation geschieht. Dennoch habe ich natürlich zu dem Krieg in Bosnien sehr viel gelesen und recherchiert. Wichtig waren auch die Schauspieler, die ihre eigenen Erfahrungen eingebracht haben. Sie waren alle auf die eine oder andere Weise von diesem Krieg betroffen. Ihre Erfahrungen haben das Projekt stark beeinflusst.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig war es Ihnen, von diesem Krieg aus der Perspektive einer Frau zu erzählen?

Jolie: Ich habe mich nicht hingesetzt und wollte unbedingt einen Film aus der Frauenperspektive machen. Aber die systematische Vergewaltigung von Frauen war in diesem Konflikt nun einmal ein signifikantes Kriegsverbrechen und das musste auch deutlich gezeigt werden.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie als Regisseurin mit der Inszenierung dieser Gewaltszenen umgegangen?

Jolie: Ich wollte, dass die Zuschauer sich unwohl fühlen. Ich finde, man sollte keine Massenexekution oder Vergewaltigung im Kino zeigen, ohne dass es dem Publikum nahe geht. Gleichzeitig wird die Gewalt in diesem Film oft nur indirekt gezeigt. Die Exekution zu Beginn findet außerhalb des Bildausschnittes statt und wird nur über die Tonspur wahrgenommen. Bei den Vergewaltigungen sieht man keine nackten Körper. Aber an einzelnen Punkten musste ich weiter gehen, um die verstörende Macht der Gewalt authentisch zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Zu Beginn der Dreharbeiten in Bosnien gab es Schwierigkeiten mit den Genehmigungsbehörden. Wie sind Sie mit der Skepsis gegenüber Ihrem Projekt umgegangen?

Jolie: Ich kann sehr gut verstehen, dass die Leute dort Vorbehalte gegenüber Außenstehenden haben, die sich ihrer Geschichte bedienen. Schließlich ist das Ganze erst fünfzehn Jahre her und kein Film kann alle Seiten des Konfliktes zeigen.

ZEIT ONLINE: Wussten die Schauspieler beim Casting, dass sie in einem Film von Angelina Jolie mitspielen werden?

Jolie: Nein, sie haben die Drehbücher anonym bekommen. Ich wollte ihre Entscheidung nicht beeinflussen und wissen, was sie ehrlich über das Skript denken.

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Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

an der Zeit

es ist immer an der Zeit und da kann man nicht so lange warten.Aber wie auch immer, hauptsache Amerika mischt Europa auf. Vielleicht sollte Angelina mal schauen was in ihrem eigenen Land so abgeht hinsichtlich Politik u. Machenschaften. Vielleicht wäre es besser gewesen den Irakkrieg , den Busch ausgelöst hat und damit unendliches Leid verursacht hat, weiter aufzuarbeiten. Wie dem auch sei, Bosnien war übel und ich denke, dass es die Aufgabe eines Osteuropäischen Filmteams ist, diesen Krieg aufzuarbeiten. Jolie lehnt sich da weit aus dem Fenster und weiss als Amerikanerin vielleicht einfach zu wenig von der Geschichte dieser Menschen und ihrer Mentalitäten.[...]

Gekürzt. Verzichten Sie auf generalisierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

Also bitte...

woher wissen Sie über Angelina Jolies Geschichtsverständnis bescheid? und warum ist sie als Amerikanerin dazu verpflichtet, ihr Regiedebüt über die USA zu drehen? Man sollte auch über Grenzen hinweg denken können. Kritik an den Washington ist in diesen Zeiten durchaus angebracht, jedoch nicht sobald irgendwo "USA" steht. Und schon gar nicht sollte man über Künstler anhand ihrer Nationalität urteilen. Oder generell über alle Menschen.
(Übrigens: Amerika ist nicht gleich USA)

Amerika

Sehr geehrte Damen und Herren, einige Amerikaner haben sich im Kosovo eher wie Besatzer aufgeführt. Sie wussten alles besser und wollten gern jedem ihre Weisheit aufdrücken. Das sind halt Erfahrungen . Wer mit den Füssen auf dem Schreibtisch, Zigarre rauchend, die amerikanische Flagge hinten auf dem Moped wehend durch das Kosovo fährt, oder sich wie ein Cowboy auf der Strasse bewegt, den kann ich nicht wirklich respektieren. Dass nicht jeder Amerikaner so ist , weiss ich auch.
Aber leider oft die, die sie uns Ausland versenden, haben ein gewisses Gehabe an sich, welches durchaus als arrogant und überheblich bezeichnet werden kann.

Jede und jeder hat das Recht über jedes Land der Erde einen Film zu drehen. Erst recht Frauen zum Thema Frauen.

Angelina Jolie

Meines Erachtens sollte so ein Thema viel eher behandelt werden. 15 Jahre warten... ok besser als garnichts zu machen.
Dass in jedem Krieg Frauen ohne Ende vergewaltigt werden ist jedem bekannt, der sich mit der Thematik auseinandersetzt.
15 Jahre zu warten ist vielleicht auch der Grund, weil sie vorher nicht so weite war den Film zu erstellen. Dazu gehört Zeit und Recherche. Ich habe den Film nicht gesehen, weil ich mich intensiv mit Reportagen zum Thema Zwangsprostitution im Kosovo auseinander gesetzt habe. Da möchte ich in diesen Thema auch nicht mehr einsteigen, und sei es in einen derartigen Film zu gehen, der eh niemals den Opfern gerecht werden kann. Diese sind ihr Leben lang damit bestraft. Es gab eine Frau , die mehr als 100 Mal von Soldaten vergewaltigt wurde in diesem Krieg. Sie lebt heute unter Auskunftsperre und wird sicher niemals einem Journalisten oder sonst wem erzählen was ihr passiert ist. Sie ist traumatisiert für den Rest des Lebens. Das in Worte oder Filmaufnahmen zu pressen ist eh nicht möglich, nicht mal im Ansatz.

Wird im Film

auch der Genderzid des Krieges gezeigt oder fährt er wieder allein auf der feministischen Schiene?

"Am 11. Juli 1995 fiel Srebrenica. 2.000 gut bewaffnete Soldaten der bosnischen Serben unter der Leitung von General Ratko Mladic zogen in die Stadt ein. Die Serben begannen die Bewohner in Männer und Heranwachsende auf der einen und Frauen und Kinder auf der anderen Seite zu selektieren. 8.000 wehrfähige Männer, bosnische Muslime, wurden in organisierten Massakern außerhalb der Stadt ermordet.

Es war der größte Massenmord an Männern nach dem zweiten Weltkrieg."

Ergänzung

"Im Juni 1999 berichtet der Chirurg Richard Munz, der in einem mazedonischen Lager Flüchtlinge aus dem Kosovo behandelte, der Welt: "Es gab die fast konstante Frage, was wir mit den vergewaltigten Frauen machen, ob wir Abtreibungen vornehmen oder ähnliches. Unsere Antwort war einfach: Wir hatten in der ganzen Zeit, die wir hier sind, keinen solchen Fall einer vergewaltigten Frau. Und wir sind insgesamt für 60.000 Flüchtlinge zuständig ..." Zwei Monate zuvor hatte schon die deutsche Gynäkologin Monika Hauser nach einer Albanienreise abgelehnt, von systematischen oder von Massenvergewaltigungen zu sprechen. Dazu lägen keine Zahlen vor. Selbst die Frauenbeauftragte der Menschenrechtsorganisation Helsinki Watch in New York hält sexuelle Übergriffe als von höchster Stelle angeordnetes Mittel zur Vertreibung nicht zu beweisen. So erkannte die taz-Redakteurin Ulrike Winkelmann, dass die Nachricht der angeblichen "Massenvergewaltigungen" in Jugoslawien "als rhetorisches Instrument zur Rechtfertigung der Nato-Einsätze verwendet" wurde."

Und nein, das ist keine Relativierung von auch nur einer Vergewaltigung. Aber Kriege müssen humanistisch und nicht feministisch betrachtet werden.

Vergewaltigungslager

Die Vergewaltigungslager in Bosnien hat es gegeben, sie sind keine Erfindung zwecks Kriegspropaganda. Was feministisch daran sein soll, darüber zu berichten, ist mir schleierhaft. Im übrigen beziehen sich ihre Anmerkungen auf einen anderen Zeitraum.

Falls sie Zweifel daran haben, fragen Sie doch bei Frau Hausers Organisation an, soweit ich weiss, betreut sie immer noch im Krieg traumatisierte Frauen im ehemaligen Jugoslawien.

Ich frage lieber neutrale Organisationen

Denn Hilfsorganisationen haben das Problem, dass Sie von Spenden leben und wie bei der von ihr verlinkten Seite zu lesen, sind diese recht Mau. Daher - auch wenn das durchaus zu einem guten Zweck sein mag - ist mir eine neutrale Stelle, die in dem Zusammenhang nicht an Spenden gebunden ist, lieber.

Im Kosovokrieg lief leider sehr viel Propganda ab, während gleichzeitig das wirklich Notwendige nicht getan worden ist, womit man Schlimmeres hätte verhindern können. Daher muss man hier vorsichtig sein, zumal die Geschichte des Film auf einem fiktiven Buch zu beruhen scheint.

Feministisch bedeutet für mich, dass man ein Problem eben einseitig auf Frauen bezogen beleuchtet und gleichzeitig Männer nicht ausblendet, sondern (hauptsächlich) nur als Dämonen auftreten lässt.

Letter from Iwo Jima zB behandelt zwar nicht das Leid von Frauen, weil es nunmal um die genannte Insel geht, auf der es keine Frauen mehr gab, weil diese in , Sicherheit gebracht worden waren, aber es kommen eben auch keine abgrundtief grausamen Frauen vor, die es genauso gibt.

Man muss bedenken, dass auf vergewaltigte Ehefrauen in der Regel umgebrachte Väter und Söhne kommen und es gibt z.B. Gebiete in Afrika, in denen die Mutter Wasser holen geht, weil sie "nur" vergewaltigt werden würde, wenn man sie erwischt, während man dem Vater die Genitalien abschneiden und ihn ausbluten lassen würde.

Und das meine ich eben, mit nicht feministischer Film. Ein Film, der alle Opfer in diesem Gebiet beleuchtet.

Gegenfrage

Sind Männer keine Menschen?

Mit humanistisch meine ich eben "beide Seiten" (ich mag das eigentlich nicht, hier überhaupt von Seiten zu sprechen) und nicht nur eine.

Wir haben einen bestimmten Tenor in der Gesellschaft.

Beispiel Vergewaltigung:
In einem Film wird eine Mutter vergewaltig und ein Vater bei lebendigen Leibe verbrannt. Die absolute Mehrheit der Menschen findet bei dem Vergleich dieser beiden Taten die Vergewaltigung schlimmer.

Und es geht noch weiter: Sobald man auch nur versucht klar zu machen, dass der Vater gerade bestialisch umgebracht worden ist, wird man geradezu empört angesehen, da es schon als Blasphemie gilt, wenn man Vergewaltigung nicht als das Schlimmstmöglichst Verbrechen der Welt ansieht, sondern auf einer Stufe mit vielen anderen brutalen Verbrechen.

Oder Berichterstattung in den Nachrichten:
Dass Kinder erwähnt werden ist ja noch verständich, doch inwiefern ist eine tote Frau erwähnenswerter als ein toter Mann?

Es gibt diese seltsame Sichtweise natürlich auch umgekehrt, nur sind eben meiner Meinung nach beide falsch.

fort.

fort....

Zumal die besten Kriegsfilme, meiner Meinung nach, sich mit den Tätern beschäftigen, statt sich eine blutige Horrorshow unter den Opfern zu widmen, denn leider kann man von Opfern auch nicht wirklich viel lernen, außer sie haben etwas falsch gemacht.

Letter from Iwo Jima ist deswegen ein genialer Film, weil er keine Seite dämonisiert, sondern zeigt, wie ähnlih sie sich eigentlich sind und wie absurd das alles doch war.

Die beste Szene des Films ist, als die japanischen Soldaten den Brief eines toten US Soldaten lesen und der genauso klingt, wie die ihrer eigenen Familien.

Der Film ist viel mehr als das!

Der Film soll laut Angelina Jolie vor allem auf die grausamen Geschehnisse aufmerksam machen - egal ob Vergewaltigung der Frauen oder Massenmord der Männer - die vor 20 Jahren mitten in Europa, als das schlimmste Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg passiert sind.
Ihre Botschaft ist, dass nicht vergessen werden darf, was geschehen ist, damit es nie wieder wiederholt wird.

Dabei zeigt sie eine typische Geschichte einer Liebe, die zwischen einem Serben und einer Bosnierin stattfindet, und verdeutlicht damit, wie sich die Verhältnisse dieser beiden Nationen nach Kriegsausbruch verändert haben. Die Geschichte ist traurig aber wahr.

Und Hut ab vor Angelina Jolie, der es viel früher als anderen aufgefallen ist, dass so ein Thema behandelt werden muss! Nicht als Unterhaltung, sondern Aufklärung.