Ein guter Film verschränkt die Wirklichkeit mit der Fiktion, das Beobachtete mit dem Inszenierten. Das Ganze möglichst kunstvoll. Darauf könnten sich wohl die meisten Jurymitglieder eines Filmfestivals einigen. Es wäre so etwas wie der kleinste cineastische Nenner. Auf der 62. Berlinale, die am Samstagabend mit der Verleihung der Bären abgeschlossen wurde, dürften den Juroren die Entscheidungen manchmal schwer gefallen sein.

Es gab eine klare inhaltliche Ausrichtung, die der Festivalleiter Dieter Kosslick dieses Mal vorgegeben hatte: Um Umbrüche sollte es in den Filmen gehen und darum, was sie mit dem Menschen machen. Und tatsächlich sahen die Zuschauer in den 23 Wettbewerbsbeiträgen, aber auch in zahlreichen anderen der mehr als 300 Filme, Geschichten oder Dokumentationen von aktuellen und vergangenen Revolutionen oder auch nur von Erschütterungen innerhalb einer Familie.

Zudem hatte Kosslick sich in diesem Jahr für auffallend viele jüngere Regisseure – auch im Wettbewerb – entschieden. Das sollte den Ruf der Berlinale als zukunftsweisendes Filmfest wieder festigen, als die Festspiele, die die neue Generation von Filmemachern entdeckt.

Ursula Meier ist eine von ihnen. Sie stellte in diesem Jahr ihren zweiten Spielfilm Sister vor. Als "intelligente Studie über Wohlstand und Armut, warmherzig, dramatisch und poetisch", pries Jurypräsident Mike Leigh den Film, als er der Regisseurin den Silbernen Bären überreichte. Wie recht er hat.

Nur ein kleiner altmodischer Film

Für ihre künstlerische Leistung wurden die Filme Tabu und White Deer Plain ausgezeichnet. Der portugiesische Film, der in zwei unterschiedlichen Zeitebenen die Geschichte einer alten Liebe zu Kolonialzeiten erzählt, wurde für seine "neue Perspektive" mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Ganz charmant nahm Regisseur Miguel Gomes den Bären mit den Worten entgegen, dass er doch eigentlich nur einen kleinen altmodischen Filme habe machen wollen, und nun werde er für das Avantgardistische daran ausgezeichnet. "Mein Fehler", entschuldigte er sich lächelnd. Der Kameramann Lutz Reitemeier wurde für seine Arbeit in dem dreistündigen chinesischen Epos White Deer Plain ausgezeichnet. 

Für eine erste kleine Überraschung sorgte die Auszeichnung des Historienfilms Die Königin und der Leibarzt für das beste Drehbuch. In der Tat war der Film über das Liebesverhältnis der dänischen Königin Caroline in den Jahren 1769 bis 1772 mit dem Leibarzt und Aufklärer Johann Struensee entspannend kurzweilig. Er basiert auf dem schwedischen Bestseller von Per Olov Enquist Der Besuch des Leibarztes . Und auch wenn die beiden Schauspieler Mikkel Boe Følsgaard und Mads Mikkelsen sich bestens ergänzten als psychisch labiler König Christian und aufklärerischer Denker Struensee, so blieb der Film doch an der opulenten Oberfläche.

Eine filmische Analyse der Mechanismen eines Regime-Untergangs hatte der Eröffnungsfilm – ein weiterer Historienfilm im Wettbewerb – viel besser geliefert: Les Adieux à la Reine hat einen aktuellen Bezug , den man in Die Königin und der Leibarzt vermisst – auch wenn Struensee ein bemerkenswerter Reformer und seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war.