Preisverleihung Ein Goldener Bär für das politische Festival
Die Berlinale will ihren Ruf als engagiertes Festival manifestieren. Mit den Preisen, die jetzt vergeben wurden, hat sie diese Selbstverpflichtung weitgehend eingelöst.
- Datum: 19.02.2012 - 09:07 Uhr
Ein guter Film verschränkt die Wirklichkeit mit der Fiktion, das Beobachtete mit dem Inszenierten. Das Ganze möglichst kunstvoll. Darauf könnten sich wohl die meisten Jurymitglieder eines Filmfestivals einigen. Es wäre so etwas wie der kleinste cineastische Nenner. Auf der 62. Berlinale, die am Samstagabend mit der Verleihung der Bären abgeschlossen wurde, dürften den Juroren die Entscheidungen manchmal schwer gefallen sein.
Es gab eine klare inhaltliche Ausrichtung, die der Festivalleiter Dieter Kosslick dieses Mal vorgegeben hatte: Um Umbrüche sollte es in den Filmen gehen und darum, was sie mit dem Menschen machen. Und tatsächlich sahen die Zuschauer in den 23 Wettbewerbsbeiträgen, aber auch in zahlreichen anderen der mehr als 300 Filme, Geschichten oder Dokumentationen von aktuellen und vergangenen Revolutionen oder auch nur von Erschütterungen innerhalb einer Familie.
Zudem hatte Kosslick sich in diesem Jahr für auffallend viele jüngere Regisseure – auch im Wettbewerb – entschieden. Das sollte den Ruf der Berlinale als zukunftsweisendes Filmfest wieder festigen, als die Festspiele, die die neue Generation von Filmemachern entdeckt.
Ursula Meier ist eine von ihnen. Sie stellte in diesem Jahr ihren zweiten Spielfilm Sister vor. Als "intelligente Studie über Wohlstand und Armut, warmherzig, dramatisch und poetisch", pries Jurypräsident Mike Leigh den Film, als er der Regisseurin den Silbernen Bären überreichte. Wie recht er hat.
Nur ein kleiner altmodischer Film
Für ihre künstlerische Leistung wurden die Filme Tabu und White Deer Plain ausgezeichnet. Der portugiesische Film, der in zwei unterschiedlichen Zeitebenen die Geschichte einer alten Liebe zu Kolonialzeiten erzählt, wurde für seine "neue Perspektive" mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Ganz charmant nahm Regisseur Miguel Gomes den Bären mit den Worten entgegen, dass er doch eigentlich nur einen kleinen altmodischen Filme habe machen wollen, und nun werde er für das Avantgardistische daran ausgezeichnet. "Mein Fehler", entschuldigte er sich lächelnd. Der Kameramann Lutz Reitemeier wurde für seine Arbeit in dem dreistündigen chinesischen Epos White Deer Plain ausgezeichnet.
Für eine erste kleine Überraschung sorgte die Auszeichnung des Historienfilms Die Königin und der Leibarzt für das beste Drehbuch. In der Tat war der Film über das Liebesverhältnis der dänischen Königin Caroline in den Jahren 1769 bis 1772 mit dem Leibarzt und Aufklärer Johann Struensee entspannend kurzweilig. Er basiert auf dem schwedischen Bestseller von Per Olov Enquist Der Besuch des Leibarztes. Und auch wenn die beiden Schauspieler Mikkel Boe Følsgaard und Mads Mikkelsen sich bestens ergänzten als psychisch labiler König Christian und aufklärerischer Denker Struensee, so blieb der Film doch an der opulenten Oberfläche.
Eine filmische Analyse der Mechanismen eines Regime-Untergangs hatte der Eröffnungsfilm – ein weiterer Historienfilm im Wettbewerb – viel besser geliefert: Les Adieux à la Reine hat einen aktuellen Bezug, den man in Die Königin und der Leibarzt vermisst – auch wenn Struensee ein bemerkenswerter Reformer und seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war.
Die zweite Überraschung folgte, als der junge Schauspieler Mikkel Boe Følsgaard, der den König Christian spielt, den Silbernen Bären als bester Schauspieler erhielt. Die Rolle als psychisch Labiler und von seiner Autorität völlig Überforderter füllt er sehenswert aus. Doch gehört es unter Darstellern stets zu den dankbareren Rollen, einen Verrückten zu verkörpern. Normal zu wirken, ist komplizierter – zumindest für Schauspieler.
Noch viel jünger als Følsgaard ist Rachel Mwanza. Sie ist erst 15 Jahre alt. Die Kongolesin wurde für die Rolle der Komona in dem aufwühlenden Kindersoldaten-Drama Rebelle ausgezeichnet. In der Tat ist es schier unglaublich, wie sie so existenzielle Gefühle wie Todesangst und vollständige Hoffnungslosigkeit spiegeln konnte.
Bis zu ihrem Casting lebte das Mädchen in Kinshasa auf der Straße, und ihr Regisseur sagte auf der Berlinale, dass ihr Leben erstaunliche Parallelen zu der Figur im Film aufweise. Die Auszeichnung ist für Rachel Mwanza eine Lebenschance. Selten hat man jemandem einen Preis so innig gegönnt. Gut möglich, dass auch die Jurymitglieder schlicht auf ihre Herzen gehört haben.
Ebenfalls sehr bewegend ist das Drama Just the Wind des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf. Der Film handelt vom letzten Tag einer Roma-Familie in Ungarn. Wie sie mit der ständigen Diskriminierung lebt, die nicht laut ist, aber anhaltend, und wie sie mit der Angst umgeht, seitdem eine andere Familie erschossen wurde. Ihre Hoffnung, aus diesem Land fliehen zu können, wird nicht erfüllt. In seiner kurzen Rede, als er den Großen Preis der Jury und den zugehörigen Bären entgegennahm, dankte Fliegauf nicht nur wie die meisten anderen ihren Produzenten und Crews, sondern ganz bewusst auch den Sozialarbeitern in seiner Heimat, die den Roma helfen.
Preis für beste Regie geht an Petzold
Für die beste Regie wurde der Deutsche Christian Petzold ausgezeichnet. Er wurde einst auf der Berlinale entdeckt und präsentierte in diesem Jahr seinen vierten Film in Berlin. Nina Hoss, mit der er bereits vier Filme gedreht hat und die auch in seinem diesjährigen Berlinale-Beitrag Barbara die Hauptrolle spielt, hatte 2007 für ihre Darstellung in Petzolds Yella den Silbernen Bären gewonnen.
Petzold gehört zu den jüngeren deutschen Autorenfilmern und arbeitet so präzise wie kaum ein anderer: Jedes Türenschlagen ist in seinen Filmen zum richtigen Zeitpunkt zu hören, kein Lichtstrahl darf hinfallen, so scheint es, wo Petzold ihn nicht sehen möchte. Jede Szene hat einen eigenen Bogen, es gibt nichts Überflüssiges, die Dialoge sind bis aufs Nötigste reduziert. Petzold ist ein Perfektionist und zweifelsfrei einer der besten Regisseure Deutschlands, der auch auf andere internationale Festials außerhalb Deutschlands eingeladen wird. Die Entscheidung der Jury, dieses Berlinale-Kind zu würdigen, ist mehr als berechtigt. Auf ihn darf man hier stolz sein.
Am Schluss der Gala – übrigens sehr souverän, gelöst und witzig moderiert von Anke Engelke – wurde schließlich noch der Goldene Bär für den besten Film vergeben. Und nach alldem, was sich Kosslick vorgenommen und wie die Jury bis dahin ausgezeichnet hatte, war es dann doch im ersten Moment eine Überraschung, als Mike Leigh den Preis an die Brüder Vittorio und Paolo Taviani für ihren Film Cesar must die übergab. Die beiden gehören nun beileibe nicht zu den jungen Filmemachern. Ihr Beitrag wurde in den vergangenen Tagen weniger diskutiert als andere.
Dennoch hieß es, die Entscheidung sei harmonisch gefallen. Man ahnt, warum: Die Taviani-Brüder haben bereits ein Werk bemerkenswerter Filme geschaffen wie Mein Vater, mein Herr oder Kaos. Cesar must die haben sie in einem römischen Hochsicherheitsgefängnis gedreht, in dem Theateraufführungen geprobt werden.
"Wichtig ist doch, dass ein Film groß ist!"
Es sei ihnen darum gegangen, erklärte Vittorio Taviano in seiner Dankesrede, "zu zeigen, dass auch ein Häftling, auf dem eine große Strafe lastet, lebenslänglich ein Mensch ist und bleibt". Danach verlas er rund ein Dutzend Namen derjenigen Männer, die in dem Film so eindrucksvoll mitwirkten – als Dokumentierte und als Darsteller ihres eigenen Theaterstückes. Hier also wurde Realität und Fiktion aufs Engste miteinander verwoben, in neuer, experimenteller Weise.
"Wichtig ist doch, dass ein Film groß ist!", sagte Vittorio Taviani, als er den Goldenen Bären in der Hand hielt. Und dann stemmte der alte Herr die schwere Trophäe noch ein wenig höher und rief: "Dass er neu ist!" Das hat in der Tat Anerkennung verdient: Wenn ein über 80-Jähriger sich noch dem Ausprobieren verpflichtet fühlt, weil es das ist, was Filmkunst ausmacht – und die Berlinale auszeichnet.
- Quelle: ZEIT ONLINE
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- Datum: 19.02.2012 - 09:07 Uhr
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Welche Zuversicht die Berlinale doch verbreitet, gerade wenn man sie mit den Meldungen zu Wulff & Euro kontrastiert. Substanz als Leitlinie - "Charakter ist wie ein Baum, Reputation sein Schatten - der Baum ist die wirkliche Sache".
Man möchte den Veranstaltern wünschen, dass sie ihren Weg weitergehen und nicht den Versuchungen schnellen Erfolges erliegen.
Ein wohltuender Kontrast zu Oscar und Grammy. Show ja, aber nicht als Ersatz für das wahre Leben. Substanz vor schalem Schein.
Die Berlinale ist grundsätzlich darauf angelegt, der Öffentlichkeit sozialkritische Filme aus aller Welt zu präsentieren. Leider spielen Produktionen aus Afrika nach wie vor eine untergeordnete Rolle:
http://2010sdafrika.wordp....
das war beeindruckend und unglaublich berührend. Ich habe selbstverständlich nicht alle Wettbewerbsfilme gesehen und kann daher keinen vollständigen Vergleich ziehen. Allerdings fand ich die Leistung von Mwanza schon fast unglaublich. Wie eine so junge Frau ohne klassische Schauspielausbildung so eindringlich und doch nuancenreich ein Schicksal darstellen kann, das eigentlich weit jenseits der Erträglichkeitsgrenze liegt, hat mich mehr als beeindruckt. Ihre Auszeichnung ist für mich daher auch sachlich mehr als gerechtfertig und hat nichts mit "wohlmeinendem Gönnen" zu tun, wie die beiden letzten diesbezüglichen Sätze im Beitrag gedeutet werden könnten.
CHILLY
Ich wollte in aller Bescheidenheit daran erinnern, dass die Beschränkung auf visuell-reduktionistische und penetrant "moralisch-korrekte" Filme erst seit der "Ära Kosslick" besteht und keineswegs selbstverständlich ist. Das hat dazu geführt, dass Regisseure wie Terence Malick oder Paul Thomas Anderson (man glaubt kaum, dass die mal den Goldenen Bären gewonnen haben) sich hier nicht mehr blicken lassen und wohl auch chancenlos wären. Mal sehen, ob der Gewinner in diesem Jahr einen Verleih findet: immerhin das wäre dann ein Novum...
Dem so genannten "Politischen Festival" muss energisch widersprochen werden, denn in dieser Hinsicht hat sich Berlin und an vorderster Stelle Herr Kosslick wahrscheinlich nur aus Marketingüberlegungen und Marktabgrenzungstendenzen dieses Label aufgeklebt, um sich mit einem USP zu positionieren. Ja, es ist richtig, dass im Gegensatz zu Venedig und Cannes und vor allem zu Hollywood das "politische" Filmschaffen ein Schwerpunkt in Berlin ist, aber dadurch ist die Berlinale noch lange kein politisches Festival. Es reicht nicht, den politisch relevanten Zeitgeist kontrapunktiv zu bedienen, indem man Filme aus Ländern mit problematischen Demokratieverhältnissen oder Menschenrechtsverletzungen zu zeigen und zu prämieren, wenn das Resultat oder das tatsächlich anzusprechende Publikum, also diejenigen, die noch aufgeklärt und eingebunden werden müssen, diese Filme nicht sieht, weil sie entweder nur in kleineren Off-Kinos oder aber im Spätprogramm des öffentlichen rechtlichen Fernsehens gezeigt werden. Alle, die politisch aktiv denken und handeln, wissen es ohnehin schon, was in Ungarn, im Kongo, im Iran oder in Teilen der ehemaligen Sowjetunion malade und himmelschreiend ist. Wichtig in Berlin ist nicht das Wettbewerbsprogramm, sondern die vielen kleinen Programmreihen und dass es ein reinrassiges Publikumsfestival ist. Es geht um Geld, um Subventionen und Sponsoren, das sollte man nicht vergessen und wenn das engagierten politischen Filmern zu Gute kommt, ist es gut, aber ist es so?
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