Brillante Mendoza stürzt uns direkt hinein in den Alptraum. Da kommen Männer aus der nächtlichen Dunkelheit, drohen mit ihren Waffen, greifen nach Männern, Frauen, Kindern und zerren sie zum Strand, wo der philippinische Regisseur seine Zuschauer gleich mit hineinstößt in das Boot der Entführer. Es dauert keine fünf Filmminuten, da fahren wir, ebenso überwältigt wie das gute Dutzend Geiseln und unter der Bewachung ebenso vieler Abu-Sayyaf-Terroristen, auf die offene Sulusee hinaus.

Als Filmemacher, sagt Mendoza, dürfe man sich nicht so stark als Künstler sehen, vielmehr habe man zu zeigen, was in der Welt um einen herum vorgehe. Im Jahr 2001 wurden von der philippinischen Ferieninsel Palawan 20 Touristen von separatistischen Islamisten der Abu-Sayyaf-Gruppe entführt, um Geld für deren Kampf zu erpressen. Fünf der ursprünglichen Geiseln kamen während der monatelangen Gefangenschaft um. Ebenso wie Dutzende weiterer Menschen: Anhänger der Terrorgruppe, philippinische Soldaten, Zivilisten.

Diesen Fall nahm sich Mendoza zur Vorlage für seinen aufwühlenden Film Captive , der auf der Berlinale Premiere feierte. Er hält sich nicht exakt an die Ereignisse, sie dienen ihm lediglich als Ausgangspunkt für eine eigene Geschichte. Zentrum seiner Erzählung ist die fiktive Figur der Thérèse Bourgoine, eine französischen Sozialarbeiterin, die mit ihrer philippinischen Mitarbeiterin eher zufällig in die Hände der Geiselnehmer gefallen ist. Isabelle Huppert spielt die Französin, und Mendozas Film gibt ihr ausreichend Gelegenheit, ihr einzigartiges Talent für die Darstellung extremer und existenzieller Gefühle zu zeigen: Angst, Hunger, Verzweiflung, Wut, Hoffnung und ihr Gegenteil.

Zur Vorbereitung führte Mendoza zahlreiche Gespräche mit überlebenden Geiseln der Abu Sayyaf. Rund 100 hatte die Gruppe allein im Verlauf der Entführung von Padawan bis Juni 2002 in ihre Gewalt gebracht, 20 von ihnen überlebten nicht. Aber der Regisseur sprach auch mit Soldaten der philippinischen Armee, ebenso wie mit Anhängern der Abu Sayyaf selbst.

Nicht nur das Berichten sei Aufgabe eines Regisseurs, sagte Mendoza nach der Vorführung seines Films. Es sei auch seine Pflicht, sich nicht von einer der Seiten vereinnahmen zu lassen. Das macht seinen Film so nervenaufreibend gut.

Nach fünf Tagen auf hoher See in einem schwankenden Fischerboot beruhigt sich zwar die höchstbewegliche Kamera etwas und die Geiseln landen auf der Insel Basilan an. Doch die Ruhe ist in Captive immer eine trügerische.