Dörrie-Film "Glück" Zu viel zu wollen macht nicht glücklich

Doris Dörrie stellte auf der Berlinale ihren neuen Film "Glück" vor, der jetzt anläuft. Ihre Geschichte über das Glück ist nicht schlecht, aber viel zu gut gemeint.

Am Anfang von Doris Dörries neuem Film Glück stehen Bilder der Erinnerung an eine idealisierte Idylle und deren Zerstörung: Ein altes Bauernhaus auf einem Hügel irgendwo in Osteuropa. Rote Mohnfelder erstrecken sich bis zum Horizont. Schafe grasen auf grünen Wiesen. In der Küche wird goldener Honig in Gläser gefüllt, die von den durch das Fenster hereindringenden Sonnenstrahlen pittoresk illuminiert werden.

Aber dann donnern Panzer eines namenlosen Bürgerkrieges heran. Als Irina (Alba Rohrwacher) aus der nahe gelegenen Stadt nach Hause kommt, liegen ihre Eltern mit durchgeschnittener Kehle auf dem Küchenboden, ein Soldat vergewaltigt das Mädchen, das danach aus seiner Heimat flüchtet.

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Irina landet in Berlin, wo sie ohne Aufenthaltsgenehmigung ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdient. Mit platinblonder Perücke stöckelt sie über das Wilmersdorfer Pflaster, während sich der obdachlose Punk Kalle (Vinzenz Kiefer) mit seinem Hund im Hauseingang gegenüber für die kalte Winternacht einrichtet.

Langsam und vorsichtig tasten sich die beiden zueinander vor. Morgens nach der Arbeit schleust Irina den jungen Mann mit ins City Budget Hotel ("Hier übernachten die kleinen Preise"), wo er eine warme Dusche bekommt. Später als Irina eine eigene Wohnung anmietet, in der sie auch ihre Freier empfängt, nimmt sie Kalle bei sich auf und bringt ihn mit sanfter Kraft ab von seinem Tagediebdasein.

Zwar sticht sich Irina immer noch, wenn die Erinnerungen an die Grausamkeiten der Vergangenheit über sie kommen, Stecknadeln in den Oberschenkel, aber mit Kalle, der wenig Fragen stellt und trotzdem vieles versteht, findet sie Momente romantischer Ruhe. Wenn die beiden tagtäglich beim Frühstück zusammen ihre Honigbrote essen, sitzt das Glück in all seiner Schlichtheit mit am Tisch. Aber dann stirbt ein schwergewichtiger Freier in Irinas Bett. Als Kalle die Leiche im Zimmer entdeckt, zieht er die falschen Schlüsse und beginnt unter Zuhilfenahme eines elektrischen Küchenmessers das gefährdete Glück zu verteidigen.

Dass das Glück stets kleiner ist, als man denkt, ist eine Erkenntnis, die das Leben lehrt, die im Kino mit seinem Anspruch auf überlebensgroße Emotionen allerdings nur selten berücksichtigt wird. Doris Dörries widmet sich nun in ihrer überschaubaren Liebesgeschichte zwischen der Prostituierten und dem Obdachlosen dem einfachen Wesen des Glücks, das in der gierigen, nach Superlativen strebenden Gesellschaft zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint.

Leser-Kommentare
  1. Ich habe den Film auf der Berlinale gesehen und mich hat er ob des verschenkten Potentials unglücklich gemacht. Alba Rohrwacher in einem Doris Dörrie Film, das ist ungefähr so, als hätte sich eine Figur der Peanuts in ein Glücksbärchi-Heftchen verirrt. Schade, ich hätte dieser erstklassigen Schauspielerin besseres für ihr deutschsprachiges Debüt gewünscht! Den lakonischen Ton der Vorlage von Ferdinand von Schirach trifft der Film leider auch nicht. Ich glaube, ich gehe jetzt weinen.

  2. Besser kann das Empfinden von "Glück" aus meiner Sicht nicht dargestellt werden. Mit einfachen, aber effektiven Stilmitteln und einer Top-Besetzung ist es Doris Dörrie gelungen, zu erzählen, wie man das Glück im täglichen Wahnsinn noch finden kann. Die langsame Annäherung und letztlich Hingabefähigkeit der Figuren ist einschliesslich der Darstellung der sozialen Hintergründe gut gelungen und kommt absolut glaubwürdig "rüber". Vielleicht etwas zu positiv bebildert ist hier die Realität der Obdachlosen - das tut aber dem Gesamteindruck des Films keinen großen Abbruch, der auch von der Kameraführung und von der Gestaltung "der Milieus" her künstlerisch wertvoll ist. Empfehlenswert!

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