Henry Stange spielt Markus © Alamode Film/Jakub Bejnarowicz

Vergebung ist möglich. So präzise lässt sich die Botschaft von Matthias Glasners Familiendrama Gnade zusammenfassen. Natürlich gibt es für das Zutreffen seiner These ein paar Bedingungen. Das wirklich Bemerkenswerte aber ist zunächst einmal, dass Gnade einer der wenigen Filme im Wettbewerb dieser Berlinale ist, der so klar Stellung bezieht. Das ist die Ausnahme und also fast schon ein Wagnis auf einem Festival, auf dem viele Regisseure während der Pressekonferenzen betonen, dass sie weder die eine, noch die andere dargestellte Seite, bevorzugen wollen. Das Urteil überlassen sie lieber den Zuschauern.

Glasner hingegen nimmt sie an die Hand und führt sie vom Dunkel ins Licht. Das ist durchaus nicht nur metaphorisch zu verstehen, denn er hat seine Handlung Hunderte Kilometer nördlich des Polarkreises verlegt, in die norwegische Kleinstadt Hammerfest. Dort herrscht Anfang Januar, als die Geschichte einsetzt, finstere Polarnacht. Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) sind vor neun Monaten mit ihrem jugendlichen Sohn Markus von Deutschland hierher gezogen. Noch im Vorspann erfahren wir: Es sollte ein Neuanfang werden für das Paar. Nun arbeitet Niels als Ingenieur in einer Erdgasverflüssigungsanlage und Maria als Schwester auf der Hospizstation des Krankenhauses. Darin ist sie so gut, dass sie von Angehörigen zum Dank Blumen bekommt, und so nett, dass sie zusätzliche Dienste übernimmt, auch wenn das für sie Doppelschichten bedeutet. Nur die Beziehung der beiden ist so abgekühlt wie die Eislandschaft um sie herum. Mehr als das Nötigste für ein konfliktfreies Nebeneinanderher reden sie nicht mehr. Sex holt sich Niels außerhalb seiner Ehe.

Dann, eines Nachts auf der Rückfahrt von der Klinik, überfährt Maria etwas. Unter Schock begeht sie Fahrerflucht. Es ist Niels, der wenig später an die Stelle zurückkehrt, um Marias Befürchtung auf den Grund zu gehen, dass es ein Mensch gewesen sein könnte. In der Dunkelheit kann er nichts finden. Doch wenige Tage später erfahren sie aus den Nachrichten, dass ein 16-jähriges Mädchen gestorben ist.

Es war ein Unfall, und Birgit Minichmayr schafft es in einer großartig gespielten Szene, Marias Wunsch nachvollziehbar zu machen, sich nicht der Polizei zu stellen: Es gehe ihr dabei gar nicht um sich, sondern um ihre Familie, um Niels und Markus, den Sohn: "Er wird für immer der sein, dessen Mutter das Mädchen überfahren hat und sterben hat lassen", sagt sie. Man sieht ihrem Gesicht an, wie viel Anstrengung es ihr Ich kostet, sich so dermaßen selbst zu belügen. Den Rest ihres Lebens wird sie nun Kraft aufwenden müssen, um sich diese Selbstlüge vom Leib zu halten. "Das bin nicht ich! Das bin nicht ich!", fleht sie Niels an und überlässt es schließlich ihm, zu entscheiden, ob sie sich stellen soll oder nicht. Schuld, halbe-halbe. Das soll sie erträglicher machen.

Mit dem Entschluss zu schweigen kommen die Gefühle in Bewegung. Maria, die immer so genau wusste, wo Gut und wo Böse liegen, ist zutiefst verunsichert und dankbar, dass Niels sich nicht von ihr abwendet. Niels wiederum quält, dass er das Mädchen in der Nacht nicht gefunden hat und sie es jetzt nicht schaffen, sich zu stellen.

Was nicht eingestandene Schuld mit einem Menschen machen kann, wird im Kleinen auch in der Figur des Sohnes gespiegelt. Markus (ein weiterer großartiger Kinderdarsteller auf dieser Berlinale: Henry Stange), der wie seine Eltern gern in der neuen Gemeinschaft dazugehören würde, leidet unter dem Vergehen seiner Eltern und lädt selbst Schuld auf sich. Freilich ist sie ungleich geringer als die seiner Eltern, aber auch hier muss ein anderer Mensch leiden, solange er nicht zu seinem Fehler steht.

Die Figuren sind umgeben von Dunkelheit und Eis und Schnee. Glasner hat diese – großartige – Seelenlandschaft so lange abfilmen lassen, bis wir verstehen: Es ist ein Ort, an dem der Mensch nichts zu suchen hat. Wer hier dennoch existieren will, muss Menschlichkeit zulassen. Dazu gehört, Schuld anzunehmen. Und so langsam, wie die Sonne mehr Licht über den Horizont bringt, erwärmen sich auch die Herzen.

"Ich bin Gott", scherzte Glasner nach der Vorstellung seines Films, denn als Regisseur habe er seine Figuren völlig in der Hand. Diesmal ist er barmherzig und lässt ihnen Vergebung zuteil werden. Wann? Zur Mittsommernacht, wenn das Licht am hellsten ist. Im Hintergrund singt der Kirchenchor samische Choräle.

Gnade ist ein hervorragend gespieltes Psychodrama, und man kann Glasner Anerkennung entgegen bringen für so viel Klarheit in dem Glauben an seine positive Utopie, dass Vergebung auch unter unwahrscheinlichen Umständen möglich ist. Nicht alle taten dies nach der Premiere am Donnerstag.