ZEIT ONLINE: Schon in ihrem Kinodebüt Das weiße Rauschen haben Sie sich mit psychischen Defekten und Psychiatrie auseinandergesetzt. Was treibt Sie zu diesem Thema?

Hans Weingarnter:  Das Thema hat mich schon immer fasziniert. Meinen ersten Vortrag über psychische Krankheiten habe ich mit dreizehn Jahren in der Schule gehalten, und vor dem Filmstudium habe ich Neurowissenschaften studiert. Psychische Störungen haben für mich etwas Mysteriöses. Wir wissen nicht genau, wie sie entstehen. Menschen, die psychisch anders ticken, werden außerdem oft diskriminiert. Daraus entstehen Konflikte, die wiederum einen interessanten Filmstoff bieten.

ZEIT ONLINE: Sind psychische Defekte auch immer gesellschaftliche Defekte?

Weingarnter: Es ist bekannt, dass die Lebensumstände ganz großen Einfluss auf die Psyche haben. Menschen in Großstädten leiden zu zwanzig Prozent häufiger an Schizophrenie und zu vierzig Prozent häufiger an Depressionen. Fast alle psychischen Krankheiten werden durch chronischen Stress ausgelöst. Insofern gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Psyche. Es gibt eine enorme Steigerungsrate bei psychischen Defekten. Die Verschreibung von Antidepressiva hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Wir sind eine Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs.

ZEIT ONLINE: Oder kurz vor dem Burn-out ?

Weingarnter: Mit der Debatte um das Burn-out ist ein Ventil aufgegangen. Die Leute trauen sich endlich drüber zu reden, weil sie nicht mehr sagen müssen "Ich bin depressiv", sondern sagen können "Ich habe zu viel gearbeitet" . Das System unserer Leistungsgesellschaft wird zusammenbrechen, wenn die psychische Belastbarkeit der Menschen überschritten ist. Wettbewerb und Konkurrenz werden immer stärker. Das Leben wird zum totalen Casting. Das führt zu Isolation und Stress und irgendwann landet man, wie meine Filmfigur Martin, auf der Straße, weil man nicht mehr mithalten kann.

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist die Zahl der psychisch Kranken unter den Obdachlosen?

Weingarnter: Ich kenne leider keine konkreten Zahlen. Aber wir waren als Vorbereitung auf den Film viel in Obdachlosenheimen und Suppenküchen und mein Eindruck war, dass es dort kaum jemanden ohne psychische Auffälligkeiten gibt. Das rührt auch daher, dass in Deutschland an sich die Versorgung gewährleistet ist: Wenn man weiß, zu welchen Ämtern man gehen muss, bekommt man eine Bleibe. Aber es gibt eben Leute, die schaffen das nicht. Oder sie sind zu jung, denn unter 25 bekommt man keinen Platz zugewiesen und muss bei seinen Eltern wohnen, selbst wenn der Vater einen seit Jahren verprügelt.

ZEIT ONLINE: Das Kino setzt sich oft mit dem Wahnsinn auseinander. Woher kommt das?