Berlinale WettbewerbIm Käfig unserer Sehnsüchte

Der indonesische Regisseur Edwin verzaubert mit einer Fabel. In "Postcards from the Zoo" weckt ein Magier die Liebe einer jungen Frau, die in einem Zoo aufgewachsen ist. von 

Szene aus dem indonesischen Beitrag "Die Nacht der Giraffe"

Ein kleines Mädchen wird im Zoo ausgesetzt, wo sie fortan aufwächst.  |  © Neue Visionen

"Bitte nicht berühren!" steht auf dem Schild hinter der hübschen jungen Frau. Es gilt freilich nicht ihr, sondern den Zootieren in ihren Käfigen: den Nasenbären, Tigern, Nilpferden, Giraffen. Sie leben hier, entfernt von ihrer natürlichen Umgebung – genau wie Lana.

Lana (Ladya Cheryl) wurde als kleines Mädchen von ihrem Papa in diesem indonesischen Zoo zurückgelassen und wuchs seitdem unter den Tierpflegern auf. Nach der Arbeit campen viele von ihnen auf dem Gelände und Lana kommt gut mit ihnen aus. Sie sammelt vor dem Toilettenhäuschen Geld ein, fegt Abfall zusammen, führt Besucher durch den Zoo und vor allem liebt sie es, die Tiere zu beobachten.

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Der indonesische Regisseur Edwin hat mit seinem Wettbewerbsbeitrag Postcards from the Zoo einen Film über den Lieblingsort seiner Kindheit gedreht, sagt er, und noch heute würde er – hätte er die Wahl – am liebsten in einem Zoo leben. Für ihn ist es ein Ort magischer Ruhe. Und obwohl der gesamte Film tatsächlich im Tierpark von Jakarta gedreht wurde, wirkt er wie eine einzige lange Traumsequenz. Besucher tauchen höchstens am Rande auf, als eine von vielen Spezies, und vor allem während der Nächte, wenn das Licht bläulich ist und jedes fremde Geräusch noch fremder wirkt, bekommt das Ganze etwas Surreales.

"Die Wirklichkeit hat mir nur das Rohmaterial geliefert", sagt Edwin. Sein Kameramann Sidi Saleh hat daraus unwahrscheinliche und atmosphärisch dichte Bilder von den Tieren und dem Park gemacht. Wir sehen, wie ein Schauer niedergeht und sich die graue, staubige Haut des Elefanten langsam dunkel färbt, wie die Giraffe in unendlich gedehnter Eleganz Grashalme frisst, und einmal sieht man – gleichsam durch die Augen der Giraffe – das kleine Mädchen über ein Wasserbecken hüpfen.

Sie wird ihren Vater wohl vermissen, die Intimität einer Familie, und so sucht sie die Nähe zu den Tieren. Immer wieder sieht man sie als Kind oder als Frau an Käfiggittern stehen. Einen wunderbaren Augenblick lang lässt sie sich von einem kleinen Bären durch die Gitterstäbe hindurch über die Haare und das Gesicht streicheln. Beide scheinen diese Geste überaus zu genießen. Aber Berühren ist im Zoo eben nicht vorgesehen, weder für die Tiere noch für das Mädchen.

Es bedarf eines Magiers, um Lana ihre Sehnsucht bewusst zu machen und sie schließlich aus ihrem großen Käfig herauszulocken. Eines Tages steht er, verkleidet als Cowboy, vor ihr und verzaubert sie mit einer langen, zärtlichen Berührung. Wenig später reicht sie ihm ihre Hand, um sich von ihm über die Mauer nach draußen ziehen zu lassen.

Jenseits nun liegt die Welt der Menschen, wie Lana sie bislang nicht kannte. Hier gibt es Berührungen. Ihr Bedürfnis nach Nähe könnte gestillt werden. Der zaubernde Cowboy bleibt jedoch eine unerreichbare Chimäre für sie und verflüchtigt sich irgendwann während eines spektakulären Zaubertricks endgültig. Lana landet ausgerechnet an einem Ort, an dem es nur noch um Berührungen geht – ganz ohne Gefühle. Sie landet in einem Club für erotische Massagen.

Was Postcards from the Zoo so wunderschön macht, ist die Leichtigkeit, mit der diese Fabel erzählt wird. Es wird nur wenig und selten gesprochen, die Bilder gelten den Tieren und den Gesten. Und irgendwann begreifen wir, dass es die Sehnsucht ist, die uns zum Menschen macht, dass es aber keinen Ort auf dieser Welt gibt, an dem sie gestillt werden könnte.

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Leserkommentare
  1. Schade, daß es keinen Tailer gibt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berlinale | Film | Cowboy | Fabel | Mädchen | Tierpark
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