Frage: Entführte Kinder aus armen Ländern, die als Waisenkinder an Europäer verkauft werden. Wie kamen Ihre Studenten auf die Idee, dieses Thema filmisch umzusetzen?

Richard Reitinger: Durch die Katastrophe in Haiti und die Waisenkinder, die dort, zynisch gesprochen, "freigesetzt" wurden und dann von Organisationen verschiedenster Art in aller Welt verteilt und auch verkauft werden sollten. Es gab zum Beispiel einige Ausländer, die mit einer ganzen Reihe von Kindern "türmen" wollten. So eine Katastrophe schwemmt am ehesten an das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit, dass diese Kinder wie eine Ware gehandelt werden. Die Filmemacher dachten sich: Darüber sollten wir etwas drehen.

Frage: Das Thema hätte sich doch auch für einen Dokumentarfilm geeignet.

Reitinger: Das hätte es und wir haben ja auch einen Dokumentarfilm dazu gemacht, in Zusammenarbeit mit terre des hommes.

Frage: Raju ist die Geschichte eines verkauften Kindes aus Kalkutta. Wie kam der Sprung von Haiti nach Indien?

Reitinger: Haiti war schon eine ganze Weile her und das Team hatte sich erkundigt, wo die Dreh- und Angelpunkte des internationalen Kinderhandels sind. Kalkutta ist einer davon. Außerdem hatten wir zu dem Zeitpunkt eine Kooperation mit einer Filmschule in Indien.

Frage: Ein Dokumentarfilm und ein fiktionaler Kurzfilm zum gleichen Thema. Welches der beiden Projekte bildet die Wirklichkeit besser ab?


Reitinger: Es werden verschiedene Wirklichkeiten abgebildet. Beim fiktionalen Film bleibt mir die Geschichte länger in Erinnerung, berührt mich mehr, fordert mich mehr zum Nachdenken auf. Auch dazu, mich mit den Figuren zu entscheiden. Denn darum geht es in einem Drama: eine Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung in Raju ist, das Kind zurück zu geben. In der Dokumentation wiederum werden Dinge erzählt, die ich in einem Film nicht so leicht glauben und verstehen würde. An einer Stelle schwenkt die Kamera an verschiedenen Hauseingängen vorbei und zeigt Kinder, die auf dem Steinfußboden liegen. Wir Europäer empfinden Kinder, die auf Steinfußböden liegen, als etwas Ärmliches. Dabei kann ein kühler Steinfußboden in diesem Klima etwas sehr Angenehmes sein. Man lernt eine andere Perspektive kennen. Beim Sehen von Dokumentarfilmen ist man eher bereit nachzudenken, ob der eigene, egozentrische Blick wirklich allein seligmachend und zutreffend ist. Oder ob man sich nicht tiefer in diese Welt – gedanklich oder auch mit einer Recherche oder einer Reise – hineinbegeben sollte. Im Dokumentarfilm geht es um Erkenntnisse, im fiktionalen Film um Gefühl. Das ist der Unterschied. Je nachdem: Beides ist, glaube ich, nötig.

Frage: Hat ein Spielfilm also einen größeren Einfluss als journalistische Arbeiten zum gleichen Thema?