Deutscher Oscar-KandidatEine Geschichte von Kinderhandel, erfunden und doch wahr

Studenten des Professors und Drehbuchautors Richard Reitinger drehten den Kurzfilm "Raju", die Geschichte eines entführten Jungen in Indien. Jetzt soll er den Oscar holen. von Elena Bartels

Richard Reitinger

Richard Reitinger  |  © Hamburg Media School

Frage: Entführte Kinder aus armen Ländern, die als Waisenkinder an Europäer verkauft werden. Wie kamen Ihre Studenten auf die Idee, dieses Thema filmisch umzusetzen?

Richard Reitinger: Durch die Katastrophe in Haiti und die Waisenkinder, die dort, zynisch gesprochen, "freigesetzt" wurden und dann von Organisationen verschiedenster Art in aller Welt verteilt und auch verkauft werden sollten. Es gab zum Beispiel einige Ausländer, die mit einer ganzen Reihe von Kindern "türmen" wollten. So eine Katastrophe schwemmt am ehesten an das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit, dass diese Kinder wie eine Ware gehandelt werden. Die Filmemacher dachten sich: Darüber sollten wir etwas drehen.

Richard Reitinger

Reitinger war Straßenmusiker, Telefonseelsorger, Lkw-Fahrer, Vertreter für Rollläden und Aikido-Lehrer, ehe er zum Film ging und als Drehbuchautor an Der Himmel über Berlin und In weiter Ferne, so nah mitschrieb. Reitinger leitet den Filmstudiengang an der Hamburg Media School. Seine Studenten müssen wie Journalisten recherchieren, bevor sie ein fiktionales Drehbuch umsetzen dürfen. Sie drehten den 20-minütigen Kurzfilm Raju, der 2011 in Los Angeles mit dem Studenten-Oscar ausgezeichnet wurde und dieses Jahr für den Oscar "Bester Kurzfilm" nominiert ist. Raju ist die Geschichte eines entführten Jungen im indischen Kalkutta, der als angebliches Waisenkind an ein deutsches Paar verkauft wird.

Frage: Das Thema hätte sich doch auch für einen Dokumentarfilm geeignet.

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Reitinger: Das hätte es und wir haben ja auch einen Dokumentarfilm dazu gemacht, in Zusammenarbeit mit terre des hommes.

Frage: Raju ist die Geschichte eines verkauften Kindes aus Kalkutta. Wie kam der Sprung von Haiti nach Indien?

Reitinger: Haiti war schon eine ganze Weile her und das Team hatte sich erkundigt, wo die Dreh- und Angelpunkte des internationalen Kinderhandels sind. Kalkutta ist einer davon. Außerdem hatten wir zu dem Zeitpunkt eine Kooperation mit einer Filmschule in Indien.

Frage: Ein Dokumentarfilm und ein fiktionaler Kurzfilm zum gleichen Thema. Welches der beiden Projekte bildet die Wirklichkeit besser ab?


Reitinger: Es werden verschiedene Wirklichkeiten abgebildet. Beim fiktionalen Film bleibt mir die Geschichte länger in Erinnerung, berührt mich mehr, fordert mich mehr zum Nachdenken auf. Auch dazu, mich mit den Figuren zu entscheiden. Denn darum geht es in einem Drama: eine Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung in Raju ist, das Kind zurück zu geben. In der Dokumentation wiederum werden Dinge erzählt, die ich in einem Film nicht so leicht glauben und verstehen würde. An einer Stelle schwenkt die Kamera an verschiedenen Hauseingängen vorbei und zeigt Kinder, die auf dem Steinfußboden liegen. Wir Europäer empfinden Kinder, die auf Steinfußböden liegen, als etwas Ärmliches. Dabei kann ein kühler Steinfußboden in diesem Klima etwas sehr Angenehmes sein. Man lernt eine andere Perspektive kennen. Beim Sehen von Dokumentarfilmen ist man eher bereit nachzudenken, ob der eigene, egozentrische Blick wirklich allein seligmachend und zutreffend ist. Oder ob man sich nicht tiefer in diese Welt – gedanklich oder auch mit einer Recherche oder einer Reise – hineinbegeben sollte. Im Dokumentarfilm geht es um Erkenntnisse, im fiktionalen Film um Gefühl. Das ist der Unterschied. Je nachdem: Beides ist, glaube ich, nötig.

Frage: Hat ein Spielfilm also einen größeren Einfluss als journalistische Arbeiten zum gleichen Thema?

Leserkommentare
    • Panic
    • 26. Februar 2012 12:30 Uhr

    warum er Film nominiert wurde. Ich habe ihn gesehen und muss sagen: Ganz nett, aber für den Oscar nominiert? Sehr seltsame Entscheidung, wenn man sich vor allen Dingen die Konkurrenz anschaut.

    Gruss

  1. zu kommentar 1

    das thema, der inhalt ist der grund für die nominierung.

    • Panic
    • 26. Februar 2012 20:27 Uhr

    Ich nehme mir irgendein bedeutungsschwangeres Thema und drehe einen Film, der "filmisch" nichts hat und mittelmäßig gespielt ist. Absurd.

  2. es ist ein thema, was eher im hintergrund eine bedeutung hat. schon länger. viel länger.

    und es geht tatsächlich nicht jeden etwas an. nämlich dann, wenn man davon nicht betroffen ist. oder nei etwas davon erfahren hat.

    ver- und gekaufte kinder? jedes dieser leben ist ein schicksal.
    hier kommen noch andere aspekte dazu, menschliche.
    damit und weil es keine doku ist.
    evtl. lenkt es die aufmerksamkeit bei einem so großen publikum auf diesen hintergrund.
    man wird sehen.

  3. 5. korr.

    es soll heißen:
    oder nie etwas davon erfahren hat.

    • Panic
    • 27. Februar 2012 3:11 Uhr

    Ein Thema, sei es auch noch so interessant und neu, was hier ja nicht mal der Fall ist, kann nicht dafür ausschlaggebend sein, dass ein Film für den Oscar nominiert wird. Die Kriterien, die einen Film "oscarreif" machen, haben nichts mit dem Thema zu tun.

    Das Voting richtet sich in der Kategorie "bester Fim", hier die Kat "Kurzfilm" an den Film als ganzes. Dies beinhaltet natürlich auch das Thema, spielt dabei aber eine untergeordnete Rolle. Schauspiel, Stimmung, Kamera, Regie, Musik etc. wird in seiner gesamten "Umsetzung zum Thema des Films" bewertet. Ergo: Auch wenn das Thema noch so ein tolles ist, stimmt die Umsetzung nicht, dann ist der Film, als auch das Thema für die Katz. Und ich kann nur wiederholen: Ich habe den FIlm gesehen. Sowohl die schauspielerische Leistung, als auch alle anderen genannten Punkte sind schlicht und einfach Mittelmaß. Deshalb frage ich mich, warum der Film diese Nominierung und Anerkennung erhält. "The shore". Mein Favorit.

    gruss

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Geschichte | Film | Dokumentarfilm | Dokumentation | Haiti | Indien
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