ZEIT ONLINE: Madame Binoche , in Ihrem Film Ein besseres Leben spielen Sie eine Journalistin, die zwei Studentinnen trifft, die sich prostituieren. Sie betonen immer, dass Sie das, was Sie spielen, auch tatsächlich empfinden. In einer Szene tanzen Sie mit einem der Mädchen und lassen sich zu einem gewissen Grad von ihr verführen. Konnten Sie in diesem Moment die Anziehungskraft des Mädchens nachempfinden?

Juliette Binoche: Absolut! Es ist erregend.

ZEIT ONLINE: Beim Zuschauer lösen solche Szenen Scham aus: Wir sehen, wie die Studentinnen verführen und auch uns verführen könnten, obwohl wir das sich Prostituieren ablehnen.

Binoche: Ha! Das war natürlich Absicht von der Regisseurin: Der Zuschauer soll die Situation selbst erleben, damit er kein Urteil fällt. Er soll, im Gegenteil, seine bestehenden Einschätzungen hinterfragen. Das wirkt sehr stark.

ZEIT ONLINE: Manche Szenen in diesem Film sind deswegen nur schwer auszuhalten.

Binoche: Genau. Weil Sie sich selbst grundlegend infrage stellen müssen.

ZEIT ONLINE: In einer anderen Szene wollen Sie Ihren eigenen Mann auf ähnliche Weise befriedigen, wie es die Prostituierten zuvor mit ihren Freiern getan haben. Der Mann stößt sie zurück. Sind erotische Fantasien unvereinbar mit dem, was wir uns von unserem Partner wünschen?

Binoche: In der Tat eine heikle Angelegenheit, denn zu welchem Zeitpunkt sagt man sich: Moment mal, das ist jetzt keine Liebe mehr, sondern nur noch das Interesse des anderen. Oder eben nur noch das eigene. Wenn der andere beginnt, eigennützig zu agieren, wird das Liebesspiel traurig. Wo bleibt unser Gefühl, wenn die körperliche Beziehung zu einem körperlichen Akt ohne Gefühle wird? Merkwürdigerweise treibt uns auch die Gesellschaft zu diesem Liebeskonsum. Dabei geht es dann nicht mehr um das Teilen von Gefühlen. Zu Beginn einer Beziehung kann man Gefühle mit großer Leichtigkeit teilen. Aber man verliert diese Leichtigkeit ebenso leicht im Lauf der Beziehung. Gewohnheiten schleichen sich ein, wir können uns nicht mehr selbst erneuern.

ZEIT ONLINE: Und von außen bekommen die geheimen Wünsche dann neue Nahrung?

Binoche: Ja, denn ein Mann, der keine Lust mehr verspürt, schämt sich. Er wird sich also Anreize außerhalb seiner Beziehung suchen, um die Maschine wieder in Gang zu bringen.

ZEIT ONLINE: Demnach wären Begehren und Treue unvereinbar?

Binoche: Tja, was macht die Liebe in einer Beziehung aus? Die Frage stellen wir uns. Und manchmal meine ich die Antwort zu kennen. Aber zwei Monate später habe ich sie dann wieder vergessen.

ZEIT ONLINE: Vielleicht müssen wir auf bestimmte Wunschträume einfach verzichten?

Binoche: Wenn man das schafft, erfährt man viel – über sich und über den anderen. Es ist sehr tapfer, sich das vorzunehmen, denn sobald ein Gefühl uns zu stark erscheint, gehen wir nämlich normalerweise eine rauchen oder wir trinken was oder wir schauen uns einen Porno an. Aber wenn wir den Mut aufbringen, ein Gefühl auszuhalten, es gemeinsam mit dem Partner zu durchleben, dann öffnen sich plötzlich neue Türen.

ZEIT ONLINE: In dem Film besuchen Sie Ihren Vater im Krankenhaus und massieren ihm die Füße, weil er sich das wünscht. Interessant wird die Begegnung dadurch, dass sie parallel geschnitten ist zu einer Szene, in der die eine Studentin einen Klienten bedient. Kann das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern auch ohne sexuellen Missbrauch missbräuchlich sein?