Juliette Binoche"Als Schauspielerin öffne ich meine Seele vollständig"

In "Ein besseres Leben" spielt Juliette Binoche eine Journalistin, die zwei junge Prostituierte porträtiert. Ein Gespräch über Lust und die Kunst, Gefühle auszuhalten von 

ZEIT ONLINE: Madame Binoche , in Ihrem Film Ein besseres Leben spielen Sie eine Journalistin, die zwei Studentinnen trifft, die sich prostituieren. Sie betonen immer, dass Sie das, was Sie spielen, auch tatsächlich empfinden. In einer Szene tanzen Sie mit einem der Mädchen und lassen sich zu einem gewissen Grad von ihr verführen. Konnten Sie in diesem Moment die Anziehungskraft des Mädchens nachempfinden?

Juliette Binoche: Absolut! Es ist erregend.

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ZEIT ONLINE: Beim Zuschauer lösen solche Szenen Scham aus: Wir sehen, wie die Studentinnen verführen und auch uns verführen könnten, obwohl wir das sich Prostituieren ablehnen.

Binoche: Ha! Das war natürlich Absicht von der Regisseurin: Der Zuschauer soll die Situation selbst erleben, damit er kein Urteil fällt. Er soll, im Gegenteil, seine bestehenden Einschätzungen hinterfragen. Das wirkt sehr stark.

ZEIT ONLINE: Manche Szenen in diesem Film sind deswegen nur schwer auszuhalten.

Binoche: Genau. Weil Sie sich selbst grundlegend infrage stellen müssen.

ZEIT ONLINE: In einer anderen Szene wollen Sie Ihren eigenen Mann auf ähnliche Weise befriedigen, wie es die Prostituierten zuvor mit ihren Freiern getan haben. Der Mann stößt sie zurück. Sind erotische Fantasien unvereinbar mit dem, was wir uns von unserem Partner wünschen?

Juliette Binoche

Juliette Binoche wurde 1964 in Paris geboren. Ihre Eltern, beide selbst Künstler, förderten früh ihre künstlerische Karriere. Schon als Kind spielte sie Theater. Bekannt wurde sie 1987 für ihre Rolle in der Literaturverfilmung Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. In der Folge drehte sie mit zahlreichen renommierten und experimentierfreudigen Regisseuren wie Kryzsztof Kieślowski, Leos Carax, Michael Haneke und Abbas Kiarostami. 1997 erhielt sie einen Oscar für ihre Rolle der Krankenschwester in Der englische Patient. Für den Publikumserfolg Chocolat erhielt sie eine Nominierung.

Zum Film "Elles - Das bessere Leben"

In Malgoska Szumowskas Film Ein besseres Leben spielt Juliette Binoche eine Journalistin, die für einen Artikel zwei Studentinnen interviewt, die sich freiwillig prostituieren. Durch die Begegnungen mit den Frauen beginnt sie, ihre eigenen Bedürfnisse und ihr Verhältnis zu Männern infrage zu stellen.

Binoche: In der Tat eine heikle Angelegenheit, denn zu welchem Zeitpunkt sagt man sich: Moment mal, das ist jetzt keine Liebe mehr, sondern nur noch das Interesse des anderen. Oder eben nur noch das eigene. Wenn der andere beginnt, eigennützig zu agieren, wird das Liebesspiel traurig. Wo bleibt unser Gefühl, wenn die körperliche Beziehung zu einem körperlichen Akt ohne Gefühle wird? Merkwürdigerweise treibt uns auch die Gesellschaft zu diesem Liebeskonsum. Dabei geht es dann nicht mehr um das Teilen von Gefühlen. Zu Beginn einer Beziehung kann man Gefühle mit großer Leichtigkeit teilen. Aber man verliert diese Leichtigkeit ebenso leicht im Lauf der Beziehung. Gewohnheiten schleichen sich ein, wir können uns nicht mehr selbst erneuern.

ZEIT ONLINE: Und von außen bekommen die geheimen Wünsche dann neue Nahrung?

Binoche: Ja, denn ein Mann, der keine Lust mehr verspürt, schämt sich. Er wird sich also Anreize außerhalb seiner Beziehung suchen, um die Maschine wieder in Gang zu bringen.

ZEIT ONLINE: Demnach wären Begehren und Treue unvereinbar?

Binoche: Tja, was macht die Liebe in einer Beziehung aus? Die Frage stellen wir uns. Und manchmal meine ich die Antwort zu kennen. Aber zwei Monate später habe ich sie dann wieder vergessen.

ZEIT ONLINE: Vielleicht müssen wir auf bestimmte Wunschträume einfach verzichten?

Binoche: Wenn man das schafft, erfährt man viel – über sich und über den anderen. Es ist sehr tapfer, sich das vorzunehmen, denn sobald ein Gefühl uns zu stark erscheint, gehen wir nämlich normalerweise eine rauchen oder wir trinken was oder wir schauen uns einen Porno an. Aber wenn wir den Mut aufbringen, ein Gefühl auszuhalten, es gemeinsam mit dem Partner zu durchleben, dann öffnen sich plötzlich neue Türen.

ZEIT ONLINE: In dem Film besuchen Sie Ihren Vater im Krankenhaus und massieren ihm die Füße, weil er sich das wünscht. Interessant wird die Begegnung dadurch, dass sie parallel geschnitten ist zu einer Szene, in der die eine Studentin einen Klienten bedient. Kann das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern auch ohne sexuellen Missbrauch missbräuchlich sein?

Leserkommentare
  1. ... dann macht der Beruf die Exponentin (sic) tatsächlich zur puella publica. Bisher ging ich davon aus, dass wesentliche Elemente gespielt sind und das - auch bei Nachanalyse - bleiben. Addiert man hinzu, dass textilfreies Arbeiten zum Berufsrisiko generell gehört, dann hat Schauspielerei eine Menge mit Selbstaufgabe zu tun. Hinzu kommt, dass diese Kunst streng hierarchisch organisiert ist und ein Emporkommen folglich durch persönlichste Konzessionen an die Leitungsebene gefördert werden kann.

    Ob das allen Adept/Inn/en bei der Wahl dieses "Traumberufes"wirklich klar ist ?

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    Das ist so ein Ding

    2. Versuch
    Also das mit der Selbstaufgabe ist so ein Ding:
    Auf der einen Seite geht es natürlich darum, das Selbst für einen Moment aufzugeben und in einer andere Rolle/ Figur zu schlüpfen. Das macht u.a. den Reiz des Spielens aus. Das einer anderen Figur soweit nachzuforschen, das man das Wesen der Figur erkennt - und nachspielen kann.
    Gleichzeitig verrät das so ungeheuer viel über einen selber, das diese Selbstaufgabe auch gleichzeitig eine Selbstfindung ist.

    Sehr amüsant.

    Nebenbei: Natürlich ist es trotzdem "gespielt", aber irgendwoher muss der Schauspieler ja schöpfen. In dem Moment vergisst er dann auch das "analytische" Spiel, wenn er gut ist.

    wollte ich schreiben.

  2. 2. Ach...

    ,,Wir sehen, wie die Studentinnen verführen und auch uns verführen könnten, obwohl wir das sich Prostituieren ablehnen."

    Also, ich lehne es nicht ab! Und viele andere Leser / Zuschauer sicherlich auch nicht. Ist doch okay / legitim.

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    Selbst für die Prostituierten nicht, aber handeln aus der Not. Von daher kann ich es verstehen, aber deswegen wird es sicher nicht "ok". Irgendwann evrstehen sie das vielleicht auch.

  3. Das ist so ein Ding

    Antwort auf "Wenn das so stimmt ..."
  4. 2. Versuch
    Also das mit der Selbstaufgabe ist so ein Ding:
    Auf der einen Seite geht es natürlich darum, das Selbst für einen Moment aufzugeben und in einer andere Rolle/ Figur zu schlüpfen. Das macht u.a. den Reiz des Spielens aus. Das einer anderen Figur soweit nachzuforschen, das man das Wesen der Figur erkennt - und nachspielen kann.
    Gleichzeitig verrät das so ungeheuer viel über einen selber, das diese Selbstaufgabe auch gleichzeitig eine Selbstfindung ist.

    Antwort auf "Wenn das so stimmt ..."
  5. Ich finde es sehr befremdlich wie der Autor von sich auf das gesamte Publikum schliesst. Das zeugt von einer sehr engen konservativen Weltsicht und ist eigentlich für diese Berufsgattung sehr ungeeignet. Sehr befremdliche diese Art. Sie schaden ihrem Arbeitgeber damit.

  6. Selbst für die Prostituierten nicht, aber handeln aus der Not. Von daher kann ich es verstehen, aber deswegen wird es sicher nicht "ok". Irgendwann evrstehen sie das vielleicht auch.

    Antwort auf "Ach..."
    • echolon
    • 11. Februar 2012 9:18 Uhr

    Die Verführbarheit rührt daher, wenn die verschiedenen Unterfunktionen unserer menschlichen Existenz getrennt voneinander erlebt werden. Das geht uns heute fast allen so: Essen, Arbeiten, Sex, Urlaub. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Bei manchen dominiert eine Unterfunktion alle anderen. Wir dürfen uns аber den ursprünglichen Mensch als perfektes Wesen vorstellen - wie jedes andere Tier auch. D.h. ursprünglich war der Mensch nicht verführbar. Er traf in jeder Situation eine Wahl, die seiner Vision von sich selbst entsprach. Ein solcher Mensch hat keine "Bedürfnisse". Seine Wahl ist ein Geschenk, und er führt die Schöpfung fort, wie es ihm zugetraut wurde.

  7. und das nach aussen stellen seiner Persönlichkeit bei der Schauspielerei Millionen von Kassenangestellten, Bandarbeitern, Krankenschwestern, die sich für wenig Geld 10 Stunden am Tag unter harten Bedingungen durchknechten lassen müssen.

    Ich hatte exakt diese Kreise mit Schauspielerinnen, Autorinnen, etc. in München durch eine Bekanntscjaft ein halbes Jahr kennengelernt. Dieser Menschentypus dreht sich konsequent um eines, und zwar um seine eigenen Befindlichkeiten. Wer so jemand wirklich ernst nimmt, ist selber Schuld.

    Disclaimer: damit will ich natürlich nicht alle Künstler pauschalieren, ganz im Gegenteil, es gibt unter Künstlern sehr konstruktive, altruistische und realitätsnahe Menschen.

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    Vielleicht gibt es ja noch Menschen die den Willen und die Hoffnung haben, in einer Gesellschaft leben zu können, wo niemand sich durchknechten lassen muss. Oftmals sind dies heutzutage noch Künstler, da andere Berufsgruppen wenig Spielraum für neue Lebenswege lassen. Dies kann sich ändern, wenn die Gesellschaft sich ändert.
    Egoisten werden Sie überall finden und ob der Kassenangestellte und Bandarbeiter altruistischer ist als der Künstler, darf angezweifelt werden.

    Vielleicht verstehen Sie ja was ich sagen möchte. Alles Gute auf jeden Fall.

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  • Schlagworte Juliette Binoche | Film | Beziehung | Kino | Krankenhaus | Liebe
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